Nach Mordfall in Ottobrunn

Neue Erkenntnisse im Horror-Fall: Hilfspfleger soll sechs Senioren tot gespritzt haben - und mehr

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Der verdächtige Hilfspfleger Grzegorz W. neben dem Grab seines letzten Opfers. Durch jenen Fall Fall des 87-jährigen Ottobrunners kam damals alles ins Rollen.

Nach dem Mord in Ottobrunn und monatelangen Ermittlungen ist nun das ganze Grauen der Taten des Pflegers Grzegorz W. bekannt. Es geht allein um sechs Morde in ganz Deutschland. 

Update vom 9. Dezember, 15.56 Uhr: In Köln sind auf einen 21-Jährigen Schüsse abgegeben worden, während der junge Mann in seinem Auto saß. Das Opfer wird lebensgefährlich verletzt. Die Polizei sucht den oder die Täter.

Update vom 9. Dezember 2018, 15.39 Uhr: Eine seit einer Woche vermisste britische Backpackerin ist in Neuseeland tot aufgefunden worden. Die Polizei ermittelt wegen Mordes gegen einen Begleiter der jungen Frau.

Update, 13. November 2018, 12.05 Uhr

München - Am 12. Februar 2018 stirbt ein 87-Jähriger in Ottobrunn. Die Kripo entdeckt einen perfiden Mordfall, richtet die Ermittlungsgruppe „EG Pen“ ein und findet Indizien auf viele weitere Taten (siehe Einträge weiter unten). Heute hat die Polizei dazu den aktuellen Ermittlungsstand veröffentlicht.

Demnach war der 36-jährige polnische Beschuldigte seit Mai 2015 als ungelernte Pflegehilfskraft im Rahmen von 24 Stunden Betreuungen in Deutschland tätig. Zwischen seinen Tätigkeiten in Deutschland reiste er immer wieder zu seinem Wohnsitz in Polen. 

Verdächtiger saß schon vor Mordserie in Polen im Knast

Zuvor befand sich der Beschuldigte bis zu seiner Entlassung 2014 in unterschiedlichen Justizvollzugsanstalten in Polen in Haft, vorwiegend aufgrund von Verurteilungen wegen Vermögensdelikten. Nach Absolvierung eines Pflegekurses in Polen bewarb er sich bei einer Vielzahl unterschiedlicher polnischer und einer slowakischen Vermittlungsagentur als Pflegehilfskraft und wurde durch diese schließlich an Haushalte in ganz Deutschland vermittelt. 

Mittlerweile konnten 68 Beschäftigungsörtlichkeiten ermittelt werden, an welchen der Beschuldigte generell nur für sehr kurze Zeit tätig war. Wie der Beschuldigte im Rahmen von mittlerweile durchgeführten Vernehmungen einräumte, belastete ihn aus verschiedenen Gründen seine Tätigkeit als Pflegehilfskraft und 24-Stunden Betreuer häufig stark. 

Wenn es was zum Stehlen gab, nahm er es mit

In diesen Fällen war er auch nicht bereit, seine Tätigkeiten tatsächlich über einen längeren Zeitraum auszuführen. Zudem nutzte er diese Gelegenheiten, um ungestört die Häuser und Wohnungen der von ihm betreuten und oft wehrlosen Personen auszuräubern. 

Gab es offensichtlich nichts zu stehlen, gab er wahrheitswidrig vor, dass nahe Angehörige von ihm ernsthaft erkrankt oder gar verstorben seien und er deswegen dem Beschäftigungsverhältnis nicht weiter nachkommen könne. 

An 17 der 68 festgestellten Örtlichkeiten, an welchen der Beschuldigte beschäftigt war und wo er den von ihm betreuten Personen kein Insulin verabreichte, konnten noch nachvollziehbare Diebstahlshandlungen festgestellt werden. Hierbei wurden überwiegend Bargeld und Schmuck gestohlen, aber auch verschiedenste Haushaltswaren und Lebensmittel.

Auch schlimm: Die achtjährige Johanna wurde 1999 entführt und getötet. Jetzt wurde ihr Mörder vor Gericht verurteilt.

Mit seinem Diabetes bekommt er sein Mordwerkzeug

Aufgrund einer Diabeteserkrankung wurde dem Beschuldigten im Januar 2017 Insulin, samt einem sog. Insulin-Pen, zur Einnahme verschrieben. Der Beschuldigte wurde im Rahmen der Behandlung seiner Erkrankung über die Risiken und möglichen Folgen einer Unter- oder Überdosierung von Insulin ausführlich aufgeklärt. 

Beginnend ab 12. April 2017 können dem Beschuldigten bei zwölf von ihm betreuten Personen medizinisch nicht indizierte Verabreichungen von Insulin mittels Pen zugeordnet werden. Der Beschuldigte hat zwischenzeitlich alle Insulinverabreichungen bei den zwölf Personen gestanden. Er bestreitet jedoch eine absichtliche vorsätzliche Tötung der betreuten Personen. 

Aufgrund der geführten Ermittlungen wurde am 07.11.2018 ein erweiterter Haftbefehl gegen den Beschuldigten erlassen.

Dem Beschuldigten werden nun sechs Fälle des Mordes, drei Fälle des versuchten Mordes sowie drei Fälle der gefährlichen Körperverletzung vorgeworfen. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Fälle:

Mutmaßliche Taten des Horror-Pflegers, die nach Ottobrunner Mord ans Licht kamen

  • Mord und Diebstahl zum Nachteil eines 77-Jährigen im Landkreis Dithmarschen in Schleswig-Holstein am 12.04.2017
  • Versuchter Mord und Diebstahl zum Nachteil eines 91- Jährigen in Mühlheim an der Ruhr am 25.05.2017
  • Versuchter Mord zum Nachteil eines 90-Jährigen im Landkreis Esslingen am 02.06.2017
  • Versuchter Mord zum Nachteil eines 82-Jährigen im Landkreis Weilheim-Schongau am 27.06.2017
  • Mord und Diebstahl zum Nachteil eines 77-Jährigen im Landkreis Erlangen-Höchstadt am 06.07.2017
  • Mord und Diebstahl zum Nachteil einer 88-Jährigen im Landkreis Tuttlingen in der Nacht vom 25. auf den 26.07.2017
  • Mord und Diebstahl zum Nachteil eines 66-Jährigen in Hannover am 30.07.2017
  • Gefährliche Körperverletzung und Diebstahl zum Nachteil eines 81-Jährigen im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen am 29.08.2017
  • Gefährliche Körperverletzung und Diebstahl zum Nachteil einer 79-Jährigen in Hamburg in der Nacht vom 15. auf den 16.12.2017
  • Gefährliche Körperverletzung und Diebstahl zum Nachteil eines 82-Jährigen im Landkreis Rems-Murr-Kreis (Baden- Württemberg) am 21.12.2017
  • Mord und Diebstahl zum Nachteil eines 84-Jährigen im Landkreis Kitzingen in der Nacht vom 16. auf den 17.01.2018
  • Mord und Raub mit Todesfolge zum Nachteil eines 87- Jährigen in Ottobrunn am 12.02.2018. Mit jenem letzten Fall kam alles ins Rollen.
Zu den 20 bekannten Orten (rote Punkte), an denen der Pole ältere Menschen gepflegt hat, kamen nach der Öffentlichkeitsfahndung acht neue Wirkungsstätten (gelb) hinzu.

Verdächtiger hatte kurz vor Festnahme schon wieder einen neuen Job

Es muss davon ausgegangen werden, dass durch die Festnahme des Beschuldigten weitere gravierende Straftaten verhindert wurden. So hatte der Beschuldigte schon eine neue Beschäftigungsstelle in Aussicht. Aufgrund der durchgeführten Öffentlichkeitsfahndung wurden 23 Beschäftigungsörtlichkeiten, darunter 4 Fälle der Insulinverabreichung, bekannt. 45 Örtlichkeiten konnten durch eigens durchgeführte Ermittlungen festgestellt werden.

Update 8. März, 12.30 Uhr

Weitere Personen könnten von Grzegorz W. um ihr Leben gebracht worden sein. Mittlerweile sind es deutschlandweit sechs Todesfälle, die von der Polizei überprüft werden. Es ist jedoch noch unklar, ob es sich dabei um Tötungsdelikte handelt. 

In allen Fällen konnte ein Aufenthalt des Pflegers nachgewiesen werden. Neben dem in Ottobrunn zu Tode gekommenen 87-Jährigen überprüfen die Behörden das Ableben von Personen in Schleswig-Holstein, Tuttlingen, Hannover, Forchheim und Kitzingen.

Wie die Polizei mitteilt, sind bisher rund 35 „substanziell hilfreiche Hinweise“ eingegangen. Die Polizei warnt allerdings auch vor Vorverurteilungen. „Wir stehen erst am Anfang der Ermittlungen“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft München I.

26 Zeugen kennen den Polen

München - Der 36 Jahre alte Pole Grzegorz W., den Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag als mutmaßlichen Todespfleger präsentiert haben, soll Rentner Franz W. (87) aus Ottobrunn (Kreis München) im Februar mit einer Insulinspritze aus Habgier getötet haben (wir berichteten). Ein weiterer Mord könnte ihm nachgewiesen werden, in vier Fällen gehen die Ermittler von einem Versuch aus. Nun scheint es immer wahrscheinlicher, dass es noch mehr Opfer gibt.

Denn seit der Veröffentlichung von W.s Foto und seiner Personalien sind aus ganz Deutschland 26 Hinweise eingegangen. Eine Karte (unten) zeigt die Orte, an denen der Pole vermutlich noch gearbeitet hat. Die Münchner Oberstaatsanwältin Anne Leiding hat die Öffentlichkeitsfahndung so erklärt: „Wir wollen wissen, wo sich der Beschuldigte aufgehalten hat, und wo er angestellt war. Möglicherweise gibt es weitere Todesopfer oder Geschädigte.“

26 Hinweise aus ganz Deutschland

Zu den 20 bekannten Orten (rote Punkte), an denen der Pole ältere Menschen gepflegt hat, kamen nach der Öffentlichkeitsfahndung acht neue Wirkungsstätten (gelb) hinzu.

Der Aufruf hat seine Wirkung nicht verfehlt. Innerhalb eines Tages gingen bei der Polizei 26 Hinweise aus ganz Deutschland ein, wie Sprecher Werner Kraus mitteilt. Und diese seien für die Ermittler hilfreich. Denn laut Polizei enthielten acht Zeugenaussagen auch konkrete Informationen über Haushalte, in denen W. ebenfalls tätig war. Nach tz-Informationen kümmerte sich der ungelernte Altenpfleger unter anderem auch in Berlin, Hannover sowie im Märkischen Kreis in Nordrhein-Westfalen und in Tuttlingen (Baden-Württemberg) um Senioren. Und: Auch in Bayern wird sein Wirkungskreis offenbar immer größer.

So wurde W. von deutschen Agenturen auch an Pflegebedürftige in den Landkreisen Forchheim, Fürstenfeldbruck, Kitzingen und Traunstein vermittelt. Neue Todesfälle in Zusammenhang mit Wolsztajns Tätigkeiten seien bislang nicht bekannt. Ebenso, ob der Pole auch hier Senioren bestohlen hat. Wolsztajn schweigt nach wie vor.

Er soll Insulin gespritzt haben

Kurz nach seiner Festnahme Mitte Februar gestand er allerdings, dem Ottobrunner Franz W. Insulin gespritzt zu haben, obwohl dieser gar kein Diabetiker war. Eine Obduktion der Leiche bestätigte den Anfangsverdacht. Franz W.s Blutzuckerwert war extrem niedrig, an seinem Körper fand man mehrere Einstichstellen. Doch musste der frühere Handelsvertreter sterben, weil den Ermittlungsbehörden eine Panne unterlaufen ist?

Nach BR-Informationen ermittelte die Staatsanwaltschaft Duisburg im Sommer vergangenen Jahres gegen W. wegen Körperverletzung und später sogar wegen Mordes. Grund: Auch in Mülheim an der Ruhr soll der Pole einem Plegebedürftigen Insulin verabreicht haben. Der Senior starb zwei Monate später. Ein Haftbefehl wurde nie erlassen. So konnte W. offenbar weitermorden.

joh/kmm

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