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Paket-Ärger in München: Kunden sauer - jetzt packt ein Fahrer aus

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Verärgert: Henry Held musste sein Paket in einem Lotto-Laden in Trudering abholen. 

Der Ärger mit Paketzustellern nimmt drastisch zu. Die Beschwerden haben sich mehr als verdreifacht. Der Druck auf die Fahrer steigt, das Verständnis der Kunden sinkt – auch in München.

München - Henry Held ist sauer. „Diese Art von Dienstleistung ist nicht akzeptabel“, schimpft der 56-Jährige. Die Wut des Riemers richtet sich gegen den Paketdienst DPD: Der Paketbote habe am vereinbarten Tag der Lieferung nicht geklingelt, „obwohl mein Sohn und ich den ganzen Tag daheim waren!“ Stattdessen habe seine Frau abends einen Zettel im Briefkasten gefunden: Er könne sein Paket in einem Lotto-Laden in Trudering abholen.

Auf Merkur-Anfrage teilt Peter Rey von DPD mit, dass die Zusteller „selbstverständlich verpflichtet“ seien, Pakete zunächst persönlich an der Haustür zuzustellen. In einem zweiten Schritt seien sie berechtigt, das Paket alternativ bei Nachbarn oder in einem Paketshop zu hinterlegen. „Bei den Nachbarn hat niemand geklingelt. Die habe ich gefragt“, sagt Held aber.

Es ist nur ein Streitfall von tausenden. 2017 gingen bundesweit 6100 schriftliche Beschwerden zu Postdienstleistern bei der Bundesnetzagentur ein. 2014 waren es noch 1950. Die Statistik ist allerdings auch vor dem Hintergrund der Sendungszahlen zu sehen – der Online-Handel boomt, mit den Sendungszahlen steigen die Beschwerden. „Unser Branchenverband geht für 2022 von 4,3 Milliarden Sendungen in Deutschland aus. 2017 waren es 3,3 Milliarden“, sagt Ingo Bertram von Hermes. Bei DHL habe sich die tägliche Sendungsmenge in den vergangenen acht Jahren nahezu verdoppelt, so Sprecher Dieter Nawrath. Auch den DHL-Zustellern werde häufig vorgeworfen, dass sie nicht geklingelt und einfach eine Benachrichtigung in den Briefkasten geworfen hätten. „Fragt man genauer nach, stellt sich oft heraus, dass der Empfänger doch mal kurz im Keller oder unter der Dusche war.“

Paketzahl steigt - Druck auf die Fahrer steigt

Angesichts der Packerlflut steigt der Druck auf die Fahrer. „Es ist keine Zeit mehr, in alle Stockwerke zu laufen“, berichtet einer (siehe unten). Personal wird händeringend gesucht. „Laut unserem Branchenverband brauchen die Paketdienste im Jahr 2022 wohl weitere 25.000 Zusteller“, sagt Bertram. Die Zusteller seien immer schwieriger zu bekommen, in einigen Regionen sei der Markt „quasi leer gefegt“ – auch weil die teils sehr geringen Margen pro Paket kaum ausreichen, den Job finanziell attraktiv zu gestalten. „Für Stundenlöhne um den Mindestlohn herum bekommen Sie kaum noch Fahrer – schon gar nicht in teuren Großstädten.“ In München, wo die Mieten deutschlandweit am höchsten liegen, gebe es derzeit im Schnitt 12 bis 15 Euro Stundenlohn. Ob die kostenfreie Haustürzustellung dauerhaft erhalten bleiben könne, sei zu diskutieren, sagt Bertram.

Das sagen Münchner Paketfahrer

Erwin (Name geändert) ist seit fast 30 Jahren Paketzusteller. Er hat noch einen alten Bundespostvertrag. „Mein Glück. Was heute in der Branche abgeht, ist pervers“, sagt der 51-Jährige. Die wachsenden Paketzahlen, der Zeitdruck und die Überstunden setzten den Fahrern immer mehr zu. „Es ist keine Zeit mehr, in alle Stockwerke zu laufen – vor allem in den vielen alten Häusern, wo es keinen Aufzug gibt. Natürlich versucht man, im Erdgeschoss so viele Sendungen wie möglich loszuwerden – sonst schafft man die Sendungszahl nicht.“ Als er angefangen habe, sei er mit 50 Paketen losgefahren. „Heute sind es oft über 200 private Sendungen!“ Kritik übt Erwin auch an der Gesellschaft. „Es gibt nichts, was nicht online bestellt wird. Vom Klopapier bis zum Katzenstreu! Nur weil es einen Euro günstiger ist.“ Auch der stationäre Einzelhandel leide darunter.

„Was heute in der Branche abgeht, ist pervers“

„Was in der Branche abgeht, ist pervers“

Adrian (Name geändert) ist seit zehn Monaten Paketfahrer. Neun bis zehn Stunden arbeitet er am Tag, bekommt dafür rund 2000 Euro netto mit Zuschlägen und Überstunden. „Ich bin zufrieden. Nicht alle Kunden sind nett. Aber an sich läuft es gut. Ich habe ein festes Gebiet und kenne mich aus.“ Springer hätten es schwerer. „Sie müssen mehr rennen, um das Pensum zu schaffen, weil sie die Leute nicht kennen und nicht wissen, wo sie gut parken können.“

DHL-Sprecher Dieter Naw­rath sagt zur tz, dass die Arbeitsbedingungen für die Zusteller gut sind. „Unsere Zustellbezirke werden in statistisch abgesicherten Verfahren zugeschnitten und regelmäßig an Sendungsmengen angepasst, sodass die Zustelltouren innerhalb der tariflich geregelten Arbeitszeit regulär abgeschlossen werden können.“

Nachbar als Packerlbote

Paketsendung verpasst? Das kommt in diesem Berg am Laimer Mietshaus so gut wie nie vor. Denn im Erdgeschoss wohnt Stephan Pohl. „Ich bin tagsüber eigentlich meistens da, weil ich nachts arbeite. Der Postler hat sich angewöhnt, erst bei mir zu klingeln. Ich nehme die Pakete für die Nachbarn auch gern an – oft ist ja auch was für mich dabei“, sagt der Lkw-Fahrer, bei dem schon mal mehr als fünf Pakete gleichzeitig in der Wohnung liegen. Er selber habe für seine Päckchen zudem einen festgelegten Wunschort – vor der Wohnungstür – bei den Paketdiensten angegeben. „Das klappt wunderbar. Es ist noch nie was weggekommen“, sagt der 42-Jährige. Ganz selten passiere es, dass ihn ein Paket mal nicht erreiche, „zum Beispiel weil niemand die Haustür aufmacht“. Dann müsse er zum Paketshop an den Orleansplatz. Nervig…

Der Nachbar als Packerlbote.

Es liegt an uns allen

Es liegt an uns allen, meint Redakteurin Daniela Schmitt.

Kunden im Kaufrausch, Internethändler im Glück: Wie einfach ist es, übers Netz zu bestellen! An die Paketfahrer denkt aber kaum jemand. Dabei hätten wir Kunden die Macht, etwas Druck aus dem System zu nehmen. Den festangestellten Kurierfahrern geht es noch vergleichsweise gut. Doch durch den hohen Konkurrenzkampf hat sich die Lage verändert: Vieles läuft mittlerweile über Subunternehmer, die Fahrer müssen für weniger Geld mehr schuften. Zwölf-Stunden-Tage seien nicht selten, sagte uns ein Fahrer. Auf der Straße sieht man das nicht, denn alle tragen dieselbe Arbeitskleidung der großen Logistikunternehmen. Man kann diese Lage als Kunde einfach nur bedauern – oder man kann was unternehmen. Zum Beispiel, indem man nicht alles bestellt, sondern wieder mehr vor Ort einkauft.

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