Die Münchner Film-Revolution

Papas Kino ist tot

Die Schwabingerin May Spils hat als Regisseurin von Zur Sache Schätzchen deutsche Filmgeschichte geschrieben.

Der Streifen war nach der Walt-Disney-Produktion Das Dschungelbuch der erfolgreichste Film in der Bundesrepublik im Jahre 1968. Doch – provokant formuliert – dieser Film mit den Kult-Darstellern Werner Enke und Uschi Glas lenkte nur davon ab, was sich in der deutschen Kino-Szene wirklich tat.

In München entwickelte sich eine neue Regie-Generation, eine neue Film-Ästhetik, ein neuer Zugriff auf das Medium Kino – und die Rebellion der „68er“ stand, wahrscheinlich eher ungewollt, dabei Pate.

Der deutsche Filmkritiker Joe Hembus (1933–1985) hatte bereits Anfang der 1960er Jahre voller Zorn zusammengefasst: „Der deutsche Film ist schlecht. Es geht ihm schlecht. Auch weiterhin will er schlecht bleiben.“Der neuen deutschen Regisseur-Generation, die an der Film- und Fernseh-Hochschule in München studierte, wollte nicht einleuchten, dass Heimatfilme, Karl May und Edgar-Wallace-Krimis das Non-Plus-Ultra des deutschen Films sein sollten. Ein paar Revoluzzer hatten bei den Oberhausener Kurzfilmtagen (1962) schon einen ersten Kontrapunkt gesetzt und in einem „Manifest“ erklärt: „Papas Kino ist tot. Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“

Und in München machten sich Jung-Regisseure daran, neue Filme mit gesellschaftsrelevanten Problemen cineastisch umzusetzen. Ulrich Schamoni beispielsweise schuf das Abtreibungs-Drama Es. Johannes Schaaf schilderte die Revolte eines pubertierenden Youngsters, der seinen Ziehvater erschießt, und Volker Schlöndorff setzte Robert Musils Roman über die Verwirrungen des jungen Törless als Anklagefilm gegen eine autoritär-faschistische Erziehung in bewegte Bilder um.

Es tat sich was auf der Leinwand – und in München arbeitende oder ausgebildete Regisseure gingen vorneweg. Fast jeden Monat wurde ein neuer Film produziert. Mentale Nahrung für die Rebellen-Generation?

Ehrlicherweise: Kassen-Hits wurden die Filme der Film-Rebellen (von Zur Sache Schätzchen einmal abgesehen) alle nicht. Aber die Münchner Kino-Revoluzzer schufen neue Inhalte und – vor allem – eine neue Ästhetik des deutschen Films.

Bis der Radikalste alle Außenseiter kam: Rainer Werner Fassbinder (1945–1982). Er wurde nicht viel älter als der ge-niale Wolfgang Amadeus Mozart (der mit 35 Jahren starb), aber er revolu-tionierte das Kino wie der andere Wahnsinnige die Musik. Und Fassbinder produzierte Filme wie am Fließband – 44 Streifen hat er in 16 Jahren geschaffen.

Die 68er Kino-Revolte in München – das sind die Schamonis und Verhoeven, Schaaf und Spieker, Roger Fritz und Klaus Lemke, Kluge, Herzog oder Geißendörfer, der sich später mit der ARD-Endlos-Serie Lindenstraße ein persönliches Denkmal setzte.

Aber Fassbinder – er war das Genie der Münchner Film-Revolution. Sein zentrales Thema war die Deformation des Einzelnen durch die Gesellschaft. Mehr noch: Der letztlich zum Scheitern verurteilte Versuch von Menschen, wirkliche Liebe und echtes Glück zu finden. Sie wollen lieben, aber sie enden im Leid.

Quelle: tz

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