Unfassbare Rekord-Luftpost

16.336 km! Tims Ballon-Brief landete in Australien

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Ist das der Super-Luftballon? Tim weiß es nicht mehr genau – er hatte an dem Tag zwei Ballons.

München - Es gibt Geschichten, die sind fast zu schön um wahr zu sein. Geschichten, wie die von Tim Kochert. Seine Luftpost aus dem Sommer 2012 hat eine Rekord-Flug hinter sich.

An seinem siebten Geburstag verschickte der Bub eine Luftpost per Heliumballon. Jetzt, über zweieinhalb Jahre später, hat der inzwischen Neunjährige eine Antwort erhalten. Absender: eine Adresse am anderen Ende der Welt. Australien.

Freitagmorgen, vergangene Woche: Tims Mutter Marion fischt einen Brief aus dem Briefkasten. Weißer Umschlag, von Hand beschrieben und an den Sohnemann gerichtet. Australische Briefmarke, Australischer Poststempel vom 28. Januar. Wer könnte da nur schreiben?

Tim besucht an diesem Nachmittag nach der Schule einen Freund, er kommt erst abends nach Hause. Die Mama wartet am Küchentisch und platzt fast vor Neugier. Gemeinsam öffnen Mutter und Sohn den Umschlag: Türkisfarbenes Meer, weißer Sandstrand, blauer Himmel. Darunter ein Wort: Sydney. Als die beiden die Postkarte sehen, schlägt die Neugier in Enttäuschung um. Erster Gedanke: nur Werbung. „Doch dann sahen wir die Sticker.“ Ein buntes Känguru, ein Sticker mit dem Wort „Dream“. Und dann der letzte Aufkleber: „Magic happens.“ Wunder passieren.

In der Karte steht auf Englisch: „Hallo Tim, ich habe deine Karte drei Jahre später am Coogee Beach gefunden. Du musst nun drei Jahre älter sein. Falls du das erhältst, lass es mich wissen. Du kannst mir eine E-Mail schreiben. Grüße, John Oei.“ E-Mail- und Wohnadresse folgen.

Und noch etwas steckt in dem geheimnisvollen Umschlag. Vergilbt, zerknittert zwar und offensichtlich durch Nässe wellig geworden – dennoch besteht kein Zweifel: Es ist das Kärtchen, das Tim im Juli 2012 mit einem Wollfaden an seinen Ballon geknotet hatte.

Ein handelsüblicher Ballon – im Supermarkt gekauft und mit Helium gefüllt – soll bis nach Australien geflogen sein? Über 16.000 Kilometer? Allein gegen Wind, Regen, Eis und amerikanische Kampf-Drohnen? Tim und seine Eltern lassen sich von der unglaublichen Geschichte verzaubern. Bis sie einem Nachbarn davon erzählen. Der sagt: „So ein Schwachsinn! Da hat sich jemand einen Scherz erlaubt.“ Bald darauf glauben die Kocherts wieder an das Wunder. Welcher Spaßvogel würde sich fast drei Jahre Zeit lassen? Und noch dazu so einen Aufwand betreiben? Sie haben „John“ schon eine Mail geschickt – noch kam nichts zurück.

Tim hat seine eigene Theorie: Dass der Ballon irgendwann geplatzt ist, steht für den Drittklässler außer Frage. Wie die Karte dann nach Australien gekommen ist? „Ganz einfach. Sie ist auf einem Schiff gelandet.“

Das sagen die Experten: Theoretisch ja, praktisch nein

Volker Wünsche, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD), sagt: „Theoretisch ist das möglich. Auch wenn ich noch nie etwas Vergleichbares gehört habe.“ Die Wetterballons des DWD zum Beispiel steigen in Höhen von 20 bis 30 Kilometer auf. „Da kann es schon sein, dass ein Ballon von den vielen Windsystemen dort oben eine weite Strecke mitgenommen wird.“ Markus Rapp, Professor am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sagt: „Ein idealer Ballon könnte theoretisch von diesen Winden bis nach Australien getragen werden. Aber ein handelsüblicher Ballon? Der platzt mit zu 99,9 Prozent aufgrund der extremen Kälte.“ Wetterballone seien da viel robuster, weiß Rapp. „Aber auch die haben lediglich eine Reichweite von wenigen hundert Kilometern.“ Mit steigender Höhe nimmt außerdem die Luftdichte ab – der Ballon dehnt sich aus. Und platzt irgendwann. „Warum Tims Ballon nicht geplatzt sein soll, kann ich nicht sagen“, erklärt Meteorologe Wünsche. Professor Rapp jedenfalls freut sich für Tim: „Wie auch immer der Brief nach Australien kam – es ist einfach eine schöne Geschichte.“

Tobias Scharnagl

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