Anna Pieper ist stinksauer

Horror am Bahnsteig! ICE mit Kindern fährt ohne die Mama ab

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Glücklich wiedervereint: Mittlerweile haben (v.l.) Emma (3), Vincent (6), Mama Anna und Anton (1) den Schock überwunden.

München - Ihre zwei kleinen Kinder saßen plötzlich allein im ICE nach Düsseldorf - diesen Horror hat Anna Pieper (37) aus Gräfelfing erlebt. Die Zugtüren schlossen sich, bevor die Mutter zusteigen konnte.

Es war ein Schockmoment für Anna Pieper. Ihre Kinder Vincent (6) und Emma (3) waren am Bahnhof München-Pasing gerade in den ICE nach Dortmund gestiegen. Doch als sie mit Söhnchen Anton (1) und dem Gepäck zusteigen will, schließen sich plötzlich die Türen des Zuges. Die 37-Jährige versucht, sie zu öffnen - ohne Erfolg. Sie ruft dem Schaffner zu, schreit um Hilfe - doch der gibt das Signal zur Abfahrt. „Ich konnte nur zusehen, wie der ICE mit meinen Kindern ohne mich losfährt“, sagt Pieper. Eine schreckliche Situation für die Mutter.

Dabei sollte es eigentlich eine entspannte Reise werden. Regelmäßig fährt die Gräfelfingerin mit ihrer Familie zu Verwandten nach Düsseldorf. So auch Anfang Januar. Ihr Mann Korbinian (39) reiste aus beruflichen Gründen zwei Tage später hinterher. 

„Ich war mit meinen drei Kindern extra früh am Bahnsteig in Pasing“, sagt Pieper. Auf der Anzeigetafel wurde die Reihung der Wagen dann allerdings anders angezeigt als sie ursprünglich angekündigt war. „Ich hatte für uns im Wagen 35 reserviert“, sagt sie. „Im Kinder- und Familienabteil.“ Bevor der Zug einfuhr, hatte sie noch mit anderen Passagieren gerätselt, wo welcher Wagen halten würde. 

Plötzlich gehen die Türen zu, die Mutter kann nichts tun

Als der Zug schließlich in Pasing stoppte, stand die Familie wenige Meter von dem Wagen mit der Reservierung entfernt. Schnell ist Anna Pieper mit Kindern und Gepäck zur richtigen Zugtüre gehastet. Die beiden älteren Kinder Vincent (6) und Emma (3) ließ sie zuerst einsteigen. Dann drehte sie sich kurz um, um Anton (1) und die Koffer in den Waggon zu hieven. „Da habe ich plötzlich ein lautes Tuten gehört, und schon sind die Türen zugegangen“, sagt die 37-Jährige.

Instinktiv hat Pieper ihre Hand in den Türspalt gehalten, genützt hat es jedoch nichts. Verzweiflung machte sich bei der Mutter breit. Auf dem Bahnsteig bemerkte sie, wie der Schaffner das Signal zur Abfahrt gab. „Ich habe gewunken und geschrien, dass er die Türen noch einmal aufmachen soll“, sagt sie. „Er stand nur wenige Waggons entfernt, er muss mich bemerkt haben.“ Doch der Zugbegleiter hat nicht reagiert. Hinter Anna Pieper standen noch zwei ältere Damen. Auch sie hatten keine Chance, zuzusteigen. 

In Augsburg holt die Polizei die Kinder ab

 „Einige Passagiere im Zug haben versucht, die Türen von innen zu öffnen“, sagt die 37-Jährige. Aber es rührte sich ebenfalls nichts. Samt ihren beiden kleinen Kindern hat sich der ICE auf den Weg Richtung Dortmund gemacht. Fassungslos blieb Anna Pieper mit Anton (1) am Bahnsteig zurück. „Später haben mir meine Kinder erzählt, dass sie im Zug geweint haben“, sagt sie. „Sie wussten ja nicht, was passiert.“ Glücklicherweise hat sich das Zugpersonal um Vincent und Emma gekümmert und sie mit Spielzeug beruhigt. 

Währenddessen war Anna Pieper am Informationsschalter am Bahnhof. „Der Mitarbeiter hat Kontakt zum Zugpersonal hergestellt und dafür gesorgt, dass meine Kinder am Augsburger Bahnhof von der Polizei abgeholt werden“, sagt sie. Sie nahm mit Söhnchen Anton den nächsten Zug in Richtung Augsburg. „Ich war rund eine Stunde lang von meinen beiden anderen Kindern getrennt. Das war furchtbar“, sagt die 37-Jährige. Ihr eigentliches Ziel Düsseldorf erreichte die Familie etwa zweieinhalb Stunden später als geplant.

Finanzielle Mehrkosten sind für die Familie nicht entstanden. „Unser Sparticket war an einen bestimmten Zug gekoppelt“, sagt Pieper zwar. Doch der Bahn-Mitarbeiter am Schalter hob diese sogenannte Zugbindung auf und reservierte neue Plätze. So konnte die Familie auf andere Züge nach Düsseldorf umsteigen. 

Keine Lichtschranke im ICE-Zug

Der Schaffner hätte sich anders verhalten und die Türen noch einmal öffnen müssen - das bestätigt ein Sprecher der Deutschen Bahn auf Nachfrage unserer Zeitung. „Aber möglicherweise war für ihn nicht klar, dass die Mutter auch noch zusteigen möchte, da sie sich zum Gepäck umgedreht hatte.“ 

Weiter erklärt der Sprecher, dass die Zugtüren seit kurzem automatisch bereits 20 bis 30 Sekunden vor Abfahrt schließen. Es ertöne dann auch eine entsprechende Durchsage am Bahnsteig. „So wollen wir sicherstellen, dass unsere Züge pünktlicher sind“, sagt er. Über eine Lichtschranke verfügen die Türen der ICE-Züge dem Sprecher zufolge nicht. „Es gibt nur einen Berührungsschutz“, sagt er. So gehen die Türen erst dann wieder automatisch auf, wenn ein Arm oder ein Bein eingeklemmt wird. 

Vincent und Emma sind noch immer traumatisiert 

Der Schaffner habe die Situation am Bahnsteig völlig falsch eingeschätzt, findet Pieper. „Es sind viele Familien mit dem Zug unterwegs“, sagt sie. „Da dauert es eben manchmal etwas länger.“ Nach dem Vorfall sitzt der Schock noch immer tief - vor allem bei Vincent und Emma. „Sie haben mich gefragt, warum plötzlich die Türen zugegangen sind und wann sie dieses Erlebnis endlich wieder vergessen“, sagt die 37-Jährige. Und bei der Rückfahrt hätten sich die beiden zuerst gar nicht getraut, in den ICE einzusteigen. „Sie haben geweint und hatten Angst, dass es wieder passiert“, sagt Pieper. Zum Glück lief diesmal aber alles glatt.

Regina Mittermeier

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