"Das System ist schuld!"

Ermittlungen im Pflegeheim: Das sagt der AWO-Chef

+
Das Fritz-Kistler-Haus in Pasing. Hier verstarb Roman B.

München - Wegen eines möglichen Pflegefehlers ermittelt die Staatsanwaltschaft in einem Heim der Arbeiterwohlfahrt in München. Die tz sprach mit dem AWO-Chef über die Vorwürfe und den täglichen Irrsinn im Pflegesystem.

Jürgen Salzhuber (67) verteidigt die Einrichtung der AWO gegen die Vorwürfe.

Die Experten sind sich längst einig: Die Situation in der Pflege wird immer dramatischer! Auf der einen Seite muss das Personal immer mehr leisten, auf der anderen nehmen die Leistungen für die Bewohner immer mehr ab. Jürgen Salzhuber hat, wenn es um das Thema Pflege geht, so ziemlich alles gesehen. Über 30 Jahre war der gelernte Bankkaufmann Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt in München, somit Chef von 3000 Mitarbeitern. Seit zwei Jahren ist der 67-Jährige nun Vorstand der AWO.

Dass nun wegen eines möglichen Pflegefehlers die Staatsanwaltschaft in einem seiner Heime (dem Fritz-Kistler-Haus) ermittelt, nimmt der Sozialpädagoge persönlich: „Das ist eine gute Einrichtung!“ Die tz sprach mit dem Münchner über die Vorwürfe, über fehlende Ärzte und den täglichen Irrsinn im Pflegesystem:

Herr Salzhuber, ein Bewohner ihres Fritz-Kistler-Hauses ist nach einem schweren Dekubitus verstorben. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft … 

Salzhuber: Ja, und ich will, dass dieser Fall genau aufgeklärt wird. Denn ich bin mir sicher, dass unsere engagierten Pflegekräfte in dem Haus keine Fehler gemacht haben.

Was macht Sie da so sicher?

Salzhuber: Wir haben alle Dokumentationen geprüft. Der Mann wurde bestmöglich versorgt, ein spezieller Verband wurde ihm angelegt, er hatte eine Spezial-Matratze. Dazu war genug Fachpersonal vor Ort. Die offene Stelle wollte einfach nicht zuheilen.

Hätte man den Bewohner schneller ins Krankenhaus bringen müssen?

Salzhuber: Das ist möglich. Aber das haben die Pflegekräfte nicht zu entscheiden. Ihnen wurde kurz vor Weihnachten vom verantwortlichen Hausarzt gesagt, dass der Mann am 7. Januar ins Krankenhaus überwiesen werden soll. Das war vielleicht zu spät. Wir sind jedenfalls keine Klinik – auch wenn jeder fordert, dass wir das Gleiche leisten.

Wie meinen Sie das?

Salzhuber: Sehen Sie: Jeder Pflegeheim-Bewohner hat im Durchschnitt 9,3 diagnostizierte Krankheiten. Im Schnitt! Also so mancher hat 14 oder 15. All diese Leiden müssen von uns versorgt werden. Eigentlich bräuchten wir in den Heimen rundum eine ärztliche Betreuung und verstärkt nur noch Krankenschwestern. In der Spitze bekommt ein Bewohner bis zu 23 unterschiedliche Medikamente…

Eine Pflegekraft darf aber nicht mal ohne ärztliche Einwilligung eine Spritze setzen.

Salzhuber: Richtig! Also müssen wir immer den jeweiligen Hausarzt rufen. Wie gesagt: Wir können nicht das leisten, was eine Intensivstation leistet. Der Verstorbene im Fritz-Kistler-Haus hätte streng genommen in eine dermatologische Klinik gebracht werden müssen. Die Pflege hat alles versucht, ihm zu helfen.

Wie könnte man die Situation verbessern?

Salzhuber: Indem in jedem Pflegeheim ein eigener Arzt im Einsatz ist. Ein Heim-Arzt sozusagen. Der würde alle Patienten und ihre Leiden gut kennen, könnte medizinische Anweisungen geben, würde die Verantwortung tragen.

Und was spricht da dagegen?

Salzhuber: Die Kassenärztliche Vereinigung. Die KV will das nicht – seit Jahren. Denn sie hat Angst, dass dann viele ihrer Hausärzte Patienten verlieren.

Da geht es also nur ums Geld?

Salzhuber: Allerdings – und um Standes-Interessen. Seien wir ehrlich: Wenn wir einen Hausarzt zu einem Bewohner rufen, weil es diesem schlecht geht – dann hat der Doktor maximal zehn Minuten Zeit und muss sich auf die Aussagen der Pfleger verlassen. Manche Mediziner schicken einfach nur Rezepte per Post. Irrsinn. Ein Arzt im Heim wäre sofort da, könnte sofort Maßnahmen ergreifen.

Was sagen die Krankenkassen dazu?

Salzhuber: Die Idee ist ja nicht neu, und auch die AOK findet das schon lange prima. In einem unserer AWO-Pflegeheime haben wir einen eigenen Arzt. Das klappt perfekt. Aber die KV sperrt sich weiterhin bei dem Thema.

Statistiken zeigen: Die Heimbewohner werden immer älter, auch immer kränker. Muss sich da nicht das ganze Pflegesystem ändern?

Salzhuber: Klar, wir alle warten ja auf eine dringende Pflegereform. Derzeit ist die Situation so: Wenn sie als kranker Patient plötzlich zum Pflegefall erklärt werden, dann sieht es schlecht aus. Ihre Leistungen werden extrem gekürzt – und als erstes kommen sie sowieso immer erst in die niedrigste Pflegestufe.

Weil das System immer erst ans Sparen denkt?

Salzhuber: Könnte man so sagen. Aber lange geht das nicht mehr gut.

Armin Geier

Der Tod von Heimbewohner Roman B. (77)

Der Fall um Roman B. hat für viel Aufregung gesorgt: Wie die tz berichtete, war bei dem Pasinger Ende November im Fritz-Kistler-Haus eine wunde Stelle am Gesäß aufgetreten. Der Dekubitus wurde zwar behandelt, aber der Zustand des Bewohners verschlechterte sich. Anfang Januar hatte sich die Wunde immens vergrößert, Roman B. musste daraufhin ins Klinikum. Dort wurde er zweimal operiert – und verstarb dann.

Seine Familie hat Anzeige gegen das Heim erstattet. Die Angehörigen sind überzeugt, dass Roman B. nicht entsprechend versorgt wurde. Im Gegenteil: Laut dem Anwalt der Familie soll auch Schmutz und Dreck in die Wunde geraten sein. Jetzt prüft die Staatsanwaltschaft, ob ein schwerer Pflegefehler vorliegt.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit

Kommentare