Seit 75 Jahren verheiratet: Walter & Inges Ehe-Geheimnis

Ein Kuss auf die ewige Liebe: „Wir könnten nicht ohne einander sein“

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Walter und Inge Kießling. 

Ganz fest hält Walter Kießling seine Ingeburg im Arm und gibt ihr einen Kuss: „Des hamma no ned verlernt!“, sagt er und lacht. Das Ehepaar aus Obermenzing hat in der vergangenen Woche viel gefeiert: zuerst den 75. Hochzeitstag – Kronjuwelenhochzeit!

Am Tag darauf seinen 97. und ihren 94. Geburtstag. „Dass wir das erleben dürfen, hätt’ ich nie gedacht“, sagt Walter Kießling. „Aber keiner von uns will halt den anderen allein lassen.“

Ein altes Häuserl, umgeben von einem verwunschenen Garten – hier werkelt Ingeburg Kießling noch täglich. Auch wenn natürlich alles viel langsamer geht als früher. Die 94-Jährige ist zudem fast taub. Ihr Mann hat Probleme mit dem Gehen, dafür sind seine Augen so wach wie bei einem 20-Jährigen. In ihrem Wohnzimmer, umgeben von Familienfotos an den Wänden, erzählen die beiden von ihrem Leben.

Beim Tanzvergnügen im Lazarett haben sie sich kennengelernt  

Aufgewachsen ist Walter Kießling in München, sie in Steinseiffen in Schlesien. Als Walter 1942 als Soldat in Russland verletzt wird, kommt er ins Lazarett in ihre Heimat, wo die hübsche Dunkelhaarige in der Bäckerei als Verkäuferin arbeitet. „Auf einem Tanzvergnügen für die Verwundeten haben wir uns gleich gut verstanden“, berichtet Walter Kießling. Kurz darauf muss er wieder nach Russland. „Kaum war ich draußen, hat’s mich wieder erwischt.“ Er wird zum Glück nicht schwer verwundet – und fragt, ob man ihn nicht wieder ins gleiche Lazarett schicken könnte. Es klappt. Doch wieder folgt der Abschied. Aus Russland schickt er seiner Inge Liebesbriefe. Im Juni 1944 heiraten die beiden. Kaum mehr zu ertragen: der nächste Abschied. Im April 1945 wird Walter Kießling an der Donau ein drittes Mal verwundet, landet bei den Barmherzigen Brüdern in Nymphenburg. Doch alle Wunden – Granatsplitter in Handgelenk und Becken, Durchschüsse durch Hand, Bein und Zehe – verheilen.

1944 heirateten die beiden 

Nach dem Krieg baut er mit seiner Frau sein Familienglück in München auf. Im Mai 1947 kommt Tochter Margret zur Welt, Heiligabend 1948 die Zwillinge Hans Walter und Ulrich. „Für unsere Kinder haben wir alles getan, was möglich war“, sagt der Senior.

Zuerst wohnen die beiden bei seinen Eltern in Nymphenburg, dann in einer Wohnung an der Freseniusstraße ohne Wasseranschluss, wo sie die Kinder hütet, während er bei der Sparkasse arbeitet. „Ich denke immer voller Hochachtung daran, was meine Frau geleistet hat“, sagt er heute. 1963 können sie das Haus in Obermenzing mieten – es war eine andere Zeit damals: „Heute hat keiner mehr Zeit, schaut nur aufs Handy. Wir haben zusammen gearbeitet, haben zusammen Teppiche geknüpft, meine Frau hat die Kleidung für die Kinder genäht und gestrickt.“ Walter Kießling ist leidenschaftlicher Bergwanderer, doch bleibt er nie lange aus, weil ihn die Sehnsucht nach seiner Inge wieder heimholt.

Familienglück mit der Tochter und den Zwillingssöhnen.

Die Jahre eilen dahin, 1983 geht Walter Kießling in Pension. Der größte Schicksalsschlag: Die Tochter stirbt mit 48 Jahren an Krebs. Heute haben die beiden drei Enkel und zwei Urenkelkinder.

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Gedankenverloren blättert das Paar in einem der 68 Fotoalben, die in all den Jahren gefüllt wurden. Wie haben die beiden es geschafft, so lange glücklich verheiratet zu sein? Walter Kießling meint, eine Trennung wäre schlicht unerträglich gewesen. „Wir haben nie diese Kriegsabschiede vergessen. Es war entsetzlich, wenn ich wieder raus musste aufs Feld.“ Zudem zähle der Respekt: „Meine Frau ist so bescheiden, so außerordentlich liebenswert, meine Liebe zu ihr ist so groß, dass mir der Gedanke, nicht für sie da zu sein, niemals in den Sinn gekommen wäre.“ Um so größer ist für die beiden die Plage, alt zu sein. Nicht wegen der Gebrechen – das sei auszuhalten, sagt der 97-Jährige. „Aber ich lebe voller Angst, was wäre, wenn ich zuerst gehen müsste.“ Seine Frau nickt nur – und drückt seine Hand.

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