Stadtteilgeburtstag

1200 Jahre Menzing: Nachgefragt bei Dorfschreiber „Adi“ Thurner

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Dorfschreiber Adolf „Adi“ Thurner trägt Menzinger Tracht.

Die Menzinger haben in diesem Jahr gleich mehrere Gründe zum Feiern. So kann die einst selbständige Gemeinde auf stolze 1200 Jahre zurückblicken.

„Duo Mentzing“ von 1315

„Ober- und Untermenzing – eine gemeinsame Jugend. Nun eine getrennte Ehe mit der Stadt München.“ Mit launigen Worten beschreibt der Menzinger Dorfchronist Adolf Thurner den Zustand des „Jubilars“. Und Recht hat er, denn Ober- und Untermenzing waren einst stolze Vorstadtgemeinden wie Pasing, Aubing oder Nymphenburg, die 1938 zwangsweise der Stadt München einverleibt wurden.

Freitag, 6. November des Jahres 817

Trotzdem würdigen Ober- und Untermenzinger noch diesen denkwürdigen Freitag, 6. November des Jahres 817, als Menzing erstmals urkundlich erwähnt wurde. Ein Freisinger Mönch hatte seinerzeit viele Urkunden zusammengestellt, aus denen die Schenkung des Dorfes Menzing an den Bischof Hitto von Freising hervorging. 

Heute, 1200 Jahre später, können die Obermenzinger auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken, die, wie bereits erwähnt, am 6. November 817 begann, als der Edle Cotescalch und sein Bruder Deotpald ihren Besitz zu Menzing der Kirche in Freising übereigneten. Was dann folgte, war ein permanentes Hin und Her der Grundstücke. Meist zogen die braven Menzinger Bauern den Kürzeren, indem sie ihre Grundstücke immer wieder an diverse Adlige oder den Klerus abtreten mussten. 

Das Kloster Wessobrunn spielt dabei eine wichtige Rolle. Wer glaubt, ein Bauer konnte im Mittelalter über sein Hab und Gut frei verfügen, befindet sich auf dem Holzweg. So hatte seinerzeit entweder die Kirche oder ein Blaublütiger die Hand auf den vielen Höfen und Grundstücken. Der Bauer war meist Lehensmann und musste einen bestimmten Teil seines Erwirtschafteten an die Obrigkeit abtreten. Heute würde man von Steuern sprechen.

1315 in der Konradinischen Matrikel erwähnt

1315 wurden die beiden Menzings als „Duo Mentzing“ erstmals in der Konradinischen Matrikel urkundlich erwähnt. Die wechselvolle Geschichte sorgte nicht zuletzt auch für eine Erweiterung von Obermenzing und Umgebung. 

So ließ Herzog Albrecht III. in nur neunjähriger Bauzeit (1431 bis 1440) Schloss Blutenburg errichten. Nur vier Jahre später wurde ein neuer Chorraum in St. Georg Obermenzing eingebaut. Im gleichen Jahr war die bereits damals stark frequentierte Kapelle „St. Andreas und Georg“ im Turm IV von Schloss Blutenburg geweiht. 

Sehr abwechslungsreich verlief die Geschichte rund um die Blutenburg. Ein Schloss hat eine besondere Anziehungskraft. Das war schon vor vielen 100 Jahren so. Anfang des 18. Jahrhunderts schien die Blutenburg am Ende zu sein. Das stattliche Gebäude verfiel zusehends. Erst ab dem Jahr 1827 ging es – wenn auch zaghaft – bergauf. 1827 wurde das kurfürstliche Gebäude an Privatleute verpachtet, 1866 an das Institut der Englischen Fräulein. Diesem folgte von 1957 bis 1976 der Dritte Orden. Das gleichnamige Krankenhaus an der Menzinger Straße, gegenüber dem botanischen Garten, erinnert noch heute daran. Vier Jahre später nahm die Bautätigkeit im Schloss wieder regen Aufschwung.

Schloss Blutenburg – Glücksfall für die Kultur

Der 19. Juli 1980 war ein denkwürdiger Tag – nicht nur für Obermenzing, sondern für den gesamten Münchner Westen. Es folgte der Spatenstich für umfangreiche Sanierungs- und Ausbaumaßnahmen, der bereits 1949 gegründeten Internationalen Jugendbibliothek, die seit 1983 offiziell ihren Sitz im Schloss hat. Die Obermenzinger wird es freuen. Zumindest ist es immer noch eine schöne Erinnerung, wenn von der einstigen Selbständigkeit die Rede ist. 1818 war es nämlich so weit. Obermenzing wurde mit dem sogenannten „II. Gemeindeedikt“ mit den Ortsteilen Blutenburg und Pipping zu einer eigenständigen „politischen“ Gemeinde mit einem frei gewählten Gemeindeausschuss zur Selbstverwaltung unter staatlicher Aufsicht.

Exter`sche Villenkolonien entstehen um 1900 herum

Obwohl der Ort immer noch ländlich geprägt war, entstand hier erstmals eine Infrastruktur, wie sie für viele Landgemeinden rund um München typisch war. Will heißen: 1873 wurde die erste Freiwillige Feuerwehr Obermenzing gegründet, die später sogar ein eigenes Spritzenhaus bekam. Im Ort etablierte sich sogar ein eigenes Schulhaus. Beide Gebäude sind noch heute erhalten. 

1881 wurde Obermenzing Filiale der neu errichteten Pfarrei Pasing. Wie überall im Lande machte die technische Revolution, verbunden mit vermehrter Bautätigkeit auch vor Obermenzing und Pasing nicht Halt. Architekt August Exter sorgte noch vor der Jahrhundertwende, im Jahr 1892, für den Startschuss zur Errichtung von Villenkolonien auf Pasinger-, Obermenzinger und Pippinger Flur. Es folgten bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Siedlungen für Berufsgruppen unterschiedlichster Branchen wie Post- und Verkehrsbeamte zum Beispiel. 

Immer mehr Bildungsbürger bauten ihre Häuser und Villen in Obermenzing. So wandelte sich der Charakter der Landgemeinde in einen vornehmen Münchner Vorort. Bis auf den heutigen Tag zählt Obermenzing zu den noblen Wohngegenden der Stadt München. 

Großen Anteil an der Gestaltung des Ortsbildes in Obermenzing und Pasing hatten die Architektenbrüder Valentin und Martin Ott. Doch viele Häuser machen noch keine Siedlung mit dazugehöriger Infrastruktur. So entstand im Jahr 1907 ein eigener Eisenbahnhaltepunkt Obermenzing an der Schnittstelle von Nymphenburger-, Blutenburger- und Gröbenzeller Straße. Heute besser bekannt unter dem Namen Verdistraße. Nur fünf Jahre später folgte der Bau der Grundschule an der Grandlstraße. 

Die Verleihung eines eigenen Gemeindewappens im Jahr 1922 war der ganze Stolz der aufstrebenden Gemeinde. Was gehört noch zu einer altbairischen Gemeinde? Richtig, eine Wirtshaus, ein Rathaus und die Kirche. 1922 wurde Obermenzing zu einer selbständigen Pfarrei erhoben. Die Erbauung der neuen Pfarrkirche „Leiden Christi“ ließ nicht lange auf sich warten. Die Entwicklung der einst ländlichen Gemeinde ging mit Riesenschritten voran. So stieg die Zahl der Einwohner von 298 im Jahr 1852 auf auf über 25.000 im Jahr 2015. 

Ein weiterer Zusammenschluss nach der Zwangseingemeindung im Jahr 1938 in die Landeshauptstadt München erfolgte im Jahr 1992. Zusammen mit Pasing bildet Obermenzing seitdem den Stadtbezirk 21. Heute ist Obermenzing ein Münchner Stadtteil mit Vor- und Nachteilen. Die Verdistraße mit ihrem nicht enden wollenden Verkehr gehört ganz bestimmt nicht zu den Highlights des westlichen Münchner Stadtviertels. Ganz anders verhält es sich mit der Gegend rund um die Würm, dem alten Menzinger Dorfkern mit dem „Alten Wirt“, erbaut 1417 (Münchens zweitältestes Gasthaus), der Dorfschmiede, dem Zehentstadel und Schloss Blutenburg. Heute ist Obermenzing ein bevorzugtes Villenviertel mit Traditionsgaststätten und vielen Rad- und Wanderwegen.

Der Menzinger Dorfschreiber

Ist vom Dorfschreiber die Rede, denken viele an den Gemeindeschreiber längst vergangener Tage. Er war die rechte Hand des Bürgermeisters und kümmerte sich um alles Schriftliche rund um die Gemeinde und das Rathaus. Der „Obermenzinger Dorfschreiber“ Adolf Thurner begleitet alles, was in seinen Heimatdorf Obermenzing passiert: ob politische Gemeinde, Wirtschaft, Landwirtschaft, Kirchen und vieles mehr. 

Den 76-jährigen Tausendsassa kann man getrost als Obermenzinger Gwax bezeichnen. Geboren im Jahr 1941 besuchte Thurner die Grundschule in München-Obermenzing sowie die Oberrealschule in Pasing. Es folgte eine sechsjährige Verwendung als Flugsicherungslotse bei der Bundeswehr. Nach der Militärzeit absolvierte er eine Ausbildung zum Speditions- und Außenhandelskaufmann und Handelsfachwirt. Es folgten viele Jahre im Auslandsvertrieb technischer Produkte in Afrika und Europa. 

Seit den siebziger Jahren befasst sich Adolf Thurner zunehmend mit der Geschichte bzw. den Geschichten im Münchner Westen. Und die waren durchaus ergiebig und vor allem interessant. Viele Veröffentlichungen im Münchner Westen beweisen Thurners Liebe zu Land und Leuten. Ob Pfarrer, Bürgermeister, Landwirt oder Knecht: Adolf Turner kennt sie alle und weiß über (fast) jeden Obermenzinger und Pasinger etwas zu berichten. Zahlreiche Publikationen in Zeitungen, Fachzeitschriften und Büchern blieben nicht aus. 

Und wer sich so intensiv mit seiner Heimat befasst, hat sich zwangsläufig das Bundesverdientskreuz – im wahrsten Sinne des Wortes – verdient. Wer Adolf Thurner in seinem Haus an der Pippinger Straße 122 besucht, findet Originalgemälde mit Motiven aus Obermenzing und darüber hinaus. Ein Hobby, das sich der 76-Jährige durchaus etwas kosten lässt. Doch was tut man nicht für seine Heimat? In finanzieller wie ideeller Hinsicht...

Johannes Danner

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