Autoren enthüllen

Pasings ehemaliger Bürgermeister Alois Wunder war doch Nazi

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Bis zur Eingemeindung im Jahr 1938 war Pasing eine selbstständige Stadt. Das Foto zeigt Bürgermeister Dr. Alois Wunder bei einer Ansprache zum Fest der Deutschen Jugend in Pasing am 23. Juni 1934.

Alois Wunder war einst Oberbürgermeister von Pasing – und Nazi. Letzteres wurde immer bestritten. Doch nun hat ein Autoren-Trio bei Recherchen über den Politiker entsprechende Belege zusammengetragen. Heute wird die Dokumentation „...nur ein Mitläufer“ vorgestellt.

München - Viele Schüler laufen täglich durch die Alois-Wunder-Straße im Herzen von Pasing. Wer sich aber hinter dem Namen verbirgt, wissen die wenigsten. Das sollte sich ändern, finden die Autoren einer aktuellen Dokumentation über den ehemaligen Lokalpolitiker, der der einzige Oberbürgermeister der Stadt Pasing bis zu deren Eingemeindung nach München durch die Nationalsozialisten war. Am heutigen Mittwoch wird das Werk im Ebenböck-Haus offiziell vorgestellt. Darin stellt das Autoren-Trio Bernhard Koch, Bernhard Schoßig und Bernd-Michael Koch eines sehr deutlich klar: Die Tätigkeit des ehemaligen Politikers in der Zeit des Nationalsozialismus bis zum April 1938 war in den Jahrzehnten danach „überwiegend beschwiegen oder verklärt worden“, heißt es in der Einführung.

Die Autoren, die 2008 und 2013 bereits Werke über „Jüdische Lebenswege im Münchner Westen“ und „Pasing im 3. Reich“ herausgegeben haben, wollen mit ihrer jüngsten Dokumentation vor allem Aufklärung betreiben: „Um Alois Wunder haben sich viele Legenden gebildet“, sagt Autor Bernd-Michael Koch. „Zum Beispiel auch, dass er nie ein Parteimitglied war.“ Bei ihren Recherchen seien sie jedoch auf Unterlagen gestoßen, in denen nachzulesen ist, dass Wunder am 1. Mai 1937 in die NSDAP eingetreten ist. „Das hat man nach 1945 offensichtlich wohlweislich vergessen“, vermutet Koch. So schrieb beispielsweise der Münchner Stadtanzeiger noch in seinem Nachruf über den im Juli 1974 verstorbenen „letzten und einzigen Oberbürgermeister der ehemaligen Stadt Pasing“, dass dieser „nie einer Partei angehörte“.

Diese Legende und die seit 2012 immer wieder aufflammende Diskussionen über eine Umbenennung der Alois-Wunder-Straße, in der sich unter anderem auch ein Freizeittreff des Kreisjugendrings befindet, seien der Anlass gewesen, sich mit dem ehemaligen Politiker zu beschäftigen, erklären die Autoren. Unter den 64 zitierten Dokumenten sind zum Beispiel Reden Wunders im Pasinger Stadtrat und in der Öffentlichkeit. Auch sein schwieriges Verhältnis zum Antisemitismus sowie seine treibende Rolle bei der Zwangseingemeindung Pasings nach München werden in verschiedenen Schreiben sehr offenkundig. Die Münchner, die sich eine Umbenennung der Alois-Wunder-Straße wünschten, mögen sich nun bestätigt sehen. Und die Diskussion wieder aufflammen.

Nach der Zwangseingemeindung Pasings – die Bürger wurden dazu nicht gefragt – ist es dann schnell recht ruhig geworden um den 1878 geborenen Wunder, sagt Koch. Der Ex-Oberbürgermeister hatte schließlich seinen Lebensabend bei seiner Tochter in Schwabing und im bayerischen Oberland verbracht.

Die vom Institut für zukunftsweisende Geschichte herausgegebene Dokumentation, die mit Zuschüssen vom Förderverein NS-Dokumentationszentrum München sowie dem Kreisjugendring München-Stadt zustande gekommen ist, soll laut der Autoren eine Basis für die weitere Diskussion über Alois Wunder bilden. Man richte sich damit deshalb vor allem an den Stadtrat, die Verwaltung sowie die interessierte Öffentlichkeit. Wünschen würden sich die Autoren eine erklärende Tafel über Wunder in der kleinen, nach ihm benannten Straße in Pasing.

Zur offiziellen Buchpräsentation am heutigen Mittwoch, 31. Mai, lädt das Kulturforum München-West um 19.30 Uhr in die Ebenböckstraße 11 ein.

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