Pflegeschande im Altenheim?

Senior stirbt nach OP - Staatsanwaltschaft ermittelt

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Roman B. (77) mit seiner Frau Irmgard (72) bei der Weihnachtsfeier im Fritz-Kistler-Haus.

München - Roman B. (77) ist tot. Gestorben im Klinikum. Und seine Frau erhebt schwere Vorwürfe: „Man hat im Pflegeheim eine wunde Stelle an seinem Körper so schlecht versorgt, dass er einfach keine Chance hatte.“ Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen das Heim.

Wenn Irmgard B. von ihrem Mann erzählt, glitzern Tränen in ihren Augen. „Mein Roman war so ein guter Mensch, so liebevoll“, sagt die Pasingerin. Über 55 Jahre war das Paar miteinander verheiratet. „Er war meine große Liebe.“ Nun ist Roman B. (77) tot. Gestorben im Klinikum. Und seine Frau erhebt schwere Vorwürfe: „Man hat im Pflegeheim eine wunde Stelle an seinem Körper so schlecht versorgt, dass er einfach keine Chance hatte.“ Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen das Heim.

Der Fall um Roman B. – es geht hierbei um die Versorgung eines sogenannten Dekubitus. Experten wissen, dass die Versorgung dieser wundgelegenen Stellen bei Pflegebedürftigen höchst diffizil ist: Der Patient braucht viel Aufmerksamkeit, viel Zeit – die Wunde muss mehrmals täglich versorgt werden. „Und genau das wurde bei Roman B. nie gemacht“, schimpft der Münchner Anwalt Markus Schollmeyer, der die Familie B. vertritt. „Nein – man hat ihm trotz der offenen Stelle am Gesäß noch eine Drei-Liter-Windel angezogen und ihn im eigenen Dreck liegen lassen. Das ist ein Skandal!“

Das Fritz-Kistler-Haus in Pasing.

Das Drama um den ehemaligen Spitzensportler (Roman B. war Ringer in der Olympia-Auswahl Deutschlands für die Spiele 1972) beginnt vor drei Monaten – im Fritz-Kistler-Haus der Arbeiterwohlfahrt: Der Senior ist bettlägrig, kann sich nach einem Schädel-Hirn-Trauma kaum mehr bewegen. Ende November entsteht dadurch eine kleinere Druckstelle am Gesäß. Noch ist die Lage nicht dramatisch. Mit einer intensiven Pflege wäre die Situation wohl in den Griff zu bekommen. Doch genau das passiert laut der Familie nicht: „Obwohl sich die Stelle immer mehr entzündete, hat man meinen Mann in den Rollstuhl gesetzt – nur mit Pflaster.“ Roman B. trägt dabei auch große Windeln, der Dekubitus kommt somit immer wieder mit Ausscheidungen in Berührung. Fatal: Ende Dezember ist das ganze Gesäß des Mannes eine einzige offene Wunde (wie Fotos beweisen, die der tz vorliegen). Am 5. Januar kommt der 77-Jährige ins Klinikum. Die Ärzte setzen sofort Operationen an. Zweimal muss Roman unters Messer, das tote Gewebe wird bis zum Knochen abgetragen. Doch die Belastung ist zu viel: Am 23. Januar stirbt er, multiples Organversagen.

Für Anwalt Schollmeyer ist klar: „Der Mann starb an einer Blutvergiftung, weil er im Heim nicht entsprechend versorgt wurde.“ Dies würden auch interne Beschwerdebriefe von Pflegekräften beweisen, in denen die laxe Behandlung von Roman B. kritisiert worden sei. Schollmeyer hat daher Strafanzeige gestellt – „wegen Totschlag durch Unterlassen“. Und die Staatsanwaltschaft? „Wir gehen derzeit den Vorwürfen nach“, bestätigt Staatsanwalt Peter Preuß gegenüber der tz. Am Montag wurde der Leichnam von Roman B. obduziert, um die genaue Ursache seines Todes zu klären. Fakt ist: Eine Sepsis wird sich dennoch schwer nachweisen lassen.

Auch bei der Arbeiterwohlfahrt will man, dass der Tod schnellstens geklärt wird. „Wir haben den Fall in unserem Fritz-Kistler-Haus selbst der Heimaufsicht gemeldet“, erklärt Hans Kopp von der AWO-Seniorenhilfe. „Das muss nun alles genau geklärt werden, von Experten.“ Der Arbeiterwohlfahrt liegt eine Stellungnahme der verantwortlichen Hausärzte vor, in der es heißt, dass der Dekubitus nicht zu verhindern war.

Ist das wirklich so? Pflegeexperte Claus Fussek kann da nur den Kopf schütteln: „Ein Dekubitus ist generell schon alleine ein Pflegefehler. Wie sich dieser hier aber noch verschlimmert hat, ist nicht nachzuvollziehen. So etwas darf einfach nicht passieren!“

Irmgard B. will mit ihrer Klage eins erreichen: dass so etwas niemand anderes erleiden muss. „Mein Mann hatte schlimme Schmerzen. Das soll niemand anderes durchmachen müssen. Vielleicht tun die Verantwortlichen ja endlich etwas, damit sich die Situation in den Heimen bessert.“

Armin Geier

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