Der Vater hatte sein Geheimnis nie erzählt

Der unbekannte Bruder: Wie ein Zettel die Welt der Familie Christ auf den Kopf stellte

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Bayerisch-französische Familienzusammenführung: Waltraut Maurer, 66, mit ihrem Halbbruder Thierry, 77.

Der Münchner Kramer und Imker Ludwig Christ stirbt 1999. Er hinterlässt zwei Kinder. Denken zumindest alle – bis vor ein paar Monaten ein Geheimnis gelüftet wird, das mit seiner Zeit bei der Wehrmacht in Frankreich zu tun hat. Seitdem steht die Welt der Familie Kopf.

München – Plötzlich lag vor ein paar Monaten dieser Zettel am Grabstein von Ludwig Christ, gestorben am 8. Februar 1999 in München, geboren 1912 in Liebenstadt, einem kleinen Dorf in Mittelfranken. Landwirtssohn, der Vater stirbt an der Spanischen Grippe, Schuhmachergeselle, ab 1934 Berufssoldat bei der Reichswehr, dann bei der Wehrmacht. Nach dem Krieg heiratet er in einen Kramerladen in München-Obermenzing ein. Zwei Kinder hat er mit Anna, seiner Ehefrau. Hobbys: Bienen, Fußball, Lieblingsmannschaft 1. FC Nürnberg, Lieblingsspieler Max Morlock. Er mag Cognac, fränkisches Essen und Boris Becker. Er ist gläubiger Katholik und hat teilweise über 50 Bienenvölker. Ein ganz normales bayerisches Leben. Eigentlich.

Der Zettel auf dem Friedhof von Obermenzing war mit einem Stein beschwert und mit einer Folie geschützt und trotzdem ganz feucht. „Lieber Grabbesucher, eine französische Familie hat nach Herrn Christ gesucht. Ich habe das Grab jetzt gefunden. Es wäre nett, wenn Sie mit mir Kontakt aufnehmen würden.“ Das alles stand handgeschrieben auf dem Blatt Papier. Dazu eine Telefonnummer.

Ludwig Christ war ab 1934 Berufssoldat, 1940 kommt er nach Frankreich.

Waltraut Maurer, 66, ist die Tochter von Ludwig Christ. Die pensionierte Grundschullehrerin sitzt in ihrem Haus in Schweitenkirchen, Kreis Pfaffenhofen an der Ilm. Sie hat eine Kopie des Zettels in der Hand, der ihr Leben durcheinandergewirbelt hat. Sie sagt: „Ich dachte, wir sind eine normale Familie. Vater, Mutter, zwei Kinder. Dass da ein Geheimnis sein könnte, war unvorstellbar.“

Ihr älterer Bruder lebt in Gröbenzell und pflegt das Grab des Vaters. Kurz nach Ostern findet er den Zettel – und meldet sich bei der angegebenen Nummer. Am selben Abend treffen sich die Geschwister in Schweitenkirchen. Er sagt: „Waltraut, wir haben einen Halbbruder in Frankreich. Er lebt auf einer Insel bei La Rochelle.“ Einen Halbbruder, von dem sie nie in ihrem Leben gehört hatten. Sein Name: Thierry, geboren am 19. Oktober 1942. Ein Kind des Krieges, das heuer 77 Jahre alt wurde. Die bayerischen Geschwister stoßen mit Sekt an. Die Freude ist größer als der Schock.

Die Geschwister durchforsten ihr Gedächtnis

Noch am Abend ruft Maurer in Frankreich an, ihr Herz rast, so erzählt sie es. Aber Thierry geht nicht ans Telefon. Stattdessen meldet sich ein Bayer: „Ich glaub’, sie san falsch verbunden.“ Maurer hat die Vorwahl vergessen. Sie probiert es noch mal, diesmal mit 0033 am Anfang. Es klingelt. Niemand nimmt ab.

Vater, Imker, Kramer: Christ, Jg. 1912, hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen.

Der Abend fühlt sich an wie im Film. Die Geschwister durchforsten ihr Gedächtnis. Hat der Vater was erzählt? Von Frankreich? Einem Kind? Einer Frau? Hat er sich mal verplappert? Ihnen fällt nichts ein. Nur dass der Vater als Soldat über drei Jahre in Frankreich war. Er ist Maschinist bei der Luftwaffe. 1942 wird er Hauptfeldwebel, er wohnt lange in Angerville, einem Dorf zwischen Orléans und Paris. Grand Louisrufen ihn die Franzosen, großer Ludwig, weil er baumlang ist und eine gute Figur in der Wehrmachtsuniform macht.

Maurer hat inzwischen das Leben ihres Vaters recheriert, das unbekannte Leben. Sie hat sich seitenweise Notizen gemacht und neue Stammbäume gezeichnet. Sie weiß vieles und längst nicht alles. In Angerville freundet sich der Vater mit einem Franzosen an. Dessen Mutter betreibt ein Café. Dort spielt der deutsche Soldat Dame, trinkt Wein – und verliebt sich. In Eliane, die Tochter der Wirtin.

„Sie sollen Händchen haltend durchs Dorf gegangen sein“, sagt Maurer. Er ist 29, sie 17. Eliane wird schwanger – und sofort zu Verwandten nach Paris geschickt. Ein Kind von einem Deutschen, von einem Besatzer – für die Familie der Frau die größtmögliche Schande im Jahr 1942.

Thierry kommt zwei Monate zu früh auf die Welt, auch das weiß Maurer inzwischen, er hat kaum Kleider und wird in Mullbinden gewickelt. Eliane, die Mama, lernt einen Franzosen kennen. Sie heiraten. Thierry erzählt sie: Das ist dein Papa. Den leiblichen Vater sieht er nie. Nie im Leben.

Im Kriegsalbum finden sie das Foto eines Buben.

Waltraut Maurer blättert mit ihrem Bruder aus Gröbenzell die alten Akten des Vaters durch, sie finden Bilder der Olympischen Spielen in Berlin 1936, bei denen er bei der Eröffnungsfeier dabei war. Sie finden Bilder vom Frankreich-Feldzug, von Frauen und von Feiern. Die Fotos kennen sie schon, aber diesmal schauen sie anders drauf. „Auf der letzten Seite des Albums war ein Kinderfoto“, sagt Maurer. „Da haben wir gedacht, es haut uns um.“ Ein Bub im Wollstrampler und mit erschrockenem Blick. Auf der Rückseite steht: Thierry Millan. Ihr Halbbruder ist schon immer bei ihnen, irgendwie. Versteckt im Kriegsalbum.

Ludwig Christ kommt nach dem Krieg in englische Gefangenschaft. Dann nach München. 1948 heiratet er seine Anna und gründet mit ihr eine Familie. Er arbeitet mit ihr im Kramerladen. Das Obst holt er jeden Tag um 4 Uhr in der Großmarkthalle. Seinen Sohn verschweigt er. Wohl aus Angst, dass seine Anna ihn sonst nicht will. Und weil er in Frankreich wahrscheinlich versprochen hat, zu schweigen. „Ich weiß nicht, ob die Mama die Wahrheit jemals erfahren hat“, sagt die Tochter. Anna Christ stirbt 1992 nach fast 45 Jahren Ehe.

Erstkommunion der Tochter: Waltraut mit ihrem Bruder und den Eltern.

Waltraut Maurer sagt: „Ich habe immer viel gefragt, wie das im Krieg war. Aber zu wenig. Obwohl der Vater immer viel erzählt hat.“ Ihr Halbbruder Thierry hat auch immer gefragt, aber nie Antworten bekommen. Sie haben inzwischen Kontakt. „Es war, wie wenn man einen Schalter umlegt. Ich hätte ihn sofort umarmen können“, sagt Maurer über die erste Begegnung.

Die Bayerin kennt ihre wahre Familiengeschichte seit ein paar Monaten. Thierry treibt die Sache schon ein Leben lang um. Seiner Halbschwester sagte er: „Ich habe immer gefühlt, dass irgendwas nicht stimmt.“ Mit acht Jahren geht er in Angerville zum Frisör: „Einem Kind von einem Boche schneid’ ich die Haare nicht“, sagt der Besitzer. Boche ist ein Schimpfwort für Deutsche, eine Abwandlung von Dickschädel.

Mit 60 wagt es Thierry, seine Mutter zu fragen, aber er läuft gegen eine Mauer des Schweigens. Er forscht weiter und liest auf seiner Geburtsurkunde im Amt: Vater unbekannt. Die Mutter erzählt ihm nichts als Lügen. Es ist der Onkel, der auf sein Drängen mit der Wahrheit herausrückt: „Dein Vater war deutscher Soldat. Sein Name: Ludwig Christ.“ Aber die ganze Wahrheit verschweigen alle.

Gemeinsam im Kramerladen in München- Obermenzing: Anna und Ludwig Christ.

Ludwig Christ schreibt Ende der 1980er-Jahre Briefe nach Angerville, womöglich will er Kontakt zu Thierry, womöglich will er ihn im Testament erwähnen. Der Bayer kann kein Französisch, eine Übersetzerin hilft ihm. Waltraut Maurer findet sogar einen Brief von Eliane – im Ordner des Vaters. „Machen Sie Monsieur Christ klar, dass sein Schweigen das Glück von Thierry ist“, schreibt Eliane, die letztes Jahr mit 93 stirbt.

„Unser Vater“, sagt Maurer, „soll irgendwann nach 1990 in Frankreich gewesen sein. Er hat sich angeblich mit Eliane getroffen.“ Thierry erfährt davon: nichts.

Er geht 2004 zum deutschen Botschafter in Paris. Er erfährt, dass der Papa in München gelebt hat, aber tot ist. Er sucht nach Verwandten, findet keine – und gibt auf. Er will nicht mehr suchen.

Inzwischen war Thierry am Grab – und auf der Wiesn

Der Durchbruch gelingt über ein Jahrzehnt später. Thierrys Tochter wendet sich an „Coeurs sans frontières“, auf Deutsch heißt das: Herzen ohne Grenzen. Das ist ein deutsch-französischer Verein, der Angehörige von Kriegskindern aufspürt. Und jetzt kommt das deutsche Mitglied Marlene Märkert aus dem Kreis Fürstenfeldbruck ins Spiel. Sie hat selbst vor Jahren erfahren, dass sie Halbgeschwister in Frankreich hat. Ihr Vater war Franzose, Besatzungssoldat im Schwarzwald.

Märkert legt den Zettel auf das Grab. Zuvor hat sie alle Familien mit dem Namen Christ aus dem Münchner Telefonbuch abtelefoniert. Vergeblich. Sie ist es, die die Geschwister zusammenbringt. 74 Jahre nach Kriegsende. Auf den Obermenzinger Friedhof kommt sie, indem sie alle großen Bestattungsfirmen in München abklappert – und nach Ludwig Christ fragt.

Thierry als kleiner Bub – das Foto war im Fotoalbum von Ludwig Christ.

Thierry war inzwischen in Bayern. Er war am Grab des Vaters, er war in Ludwig Christs Heimatdorf und auf der Wiesn. Er hat die Entnazifizierungsakte des Vaters gelesen, Wort für Wort, übersetzt von seiner Halbschwester, das war ihm besonders wichtig. Auch Waltraut Maurer war mit ihrem Bruder bei Thierry auf der Île d’Oléron, wo er lebt. Sie ist in sein Auto gestiegen – und musste lachen. „Es roch nach Wachs und Rauch“, sagt sie. „Wie bei unserem Vater.“ Thierry hat die gleiche Leidenschaft wie Papa Ludwig: Bienen. Ausgerechnet.

Gerade lernt Maurer wieder Französisch, jeden Tag. Das nächste Wiedersehen ist schon ausgemacht. Zusammen mit ihrem Ehemann will sie nach Angerville fahren. Früher hätte sie Urlaub dazu gesagt, aber neuerdings bedeutet Frankreich: Familientreffen. Das Leben ist manchmal ein Wunder.

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Ganz fest hält Walter Kießling seine Ingeburg im Arm und gibt ihr einen Kuss: „Des hamma no ned verlernt!“, sagt er und lacht. Das Ehepaar aus Obermenzing hatte dieses Jahr den 75. Hochzeitstag, die Kronjuwelenhochzeit gefeiert!

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