Mit den Goldgrund-Gorillas auf Bustour

Scholl: Im Blaumann gegen Miet-Wahnsinn

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In der Müllerstraße schlüpfte er noch ins Gorilla-Outfit, am Sonntag tauchte Ex-Fußballstar Mehmet Scholl (43) im Blaumann auf.

München - Satire ist, wenn man auch um zwei vor zwölf noch lachen kann – auch wenn es darum geht, dass in München Wohnraum immer mehr nur noch für die ganz Reichen da ist.

Sie haben es wieder getan. Die Goldgrund-Aktivisten besetzten gestern (wenn auch nur vorübergehend) ein leer stehendes städtisches Haus in der Pilotystraße! Nach dem Erfolg in der Müllerstraße, als Promis wie Mehmet Scholl, Dieter Hildebrandt, Marcus H. Rosenmüller und Luise Kinseher im März eine marode Wohnung innerhalb kürzester Zeit wieder bewohnbar machten, blies Kultur-Impresario Till Hofmann jetzt erneut zum Angriff auf die Spekulanten. Und zwar mit einem Satire-Gipfel gegen den Wohn-Wahnsinn!

Die Aktion startete mit einer Stadtrundfahrt zu Münchner Miet-Brennpunkten wie dem ehemaligen Frauengefängnis in der Au, dem Paulaner-Areal, Münchens teuerstem Penthouse in der Lerchenfeldstraße oder dem Luxus-Neubau in der Feilitzschstraße. Den Schlusspunkt setzten die Aktivisten in dem Haus gegenüber der Staatskanzlei (siehe unten). Unter anderem mit dabei: Gerhard Polt, Erwin Pelzig, Jochen Busse, Ecco Meineke, Mehmet Scholl, Willy Astor und die Sportfreunde Stiller. Die Münchner Mieterpräsidentin Beatrix Zurek, auch für die SPD im Stadtrat, sagte der tz: „Das ist eine absolut pfiffige Aktion. Aber es ist sehr traurig, dass es die Stadtverwaltung nicht geschafft hat, dieses Haus in einen bewohnbaren Zustand zu bringen und sozial zu vermieten.“ Lesen Sie hier, was die Promis davon halten:

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Scholl im Blaumann

In der Müllerstraße schlüpfte er noch ins Gorilla-Outfit, am Sonntag tauchte Ex-Fußballstar Mehmet Scholl (43) im Blaumann auf – wohl gemerkt als „Vice Facility Manager Goldgrund“: „Hier in der Pilotystraße ist es wohl wieder so, dass die Stadt denkt: ,Ey, es ist billiger das Haus abzureißen anstatt es zu renovieren.‘ Dabei wünscht sich die Dame, die hier alleine wohnt, endlich wieder einen Nachbarn. Es wäre doch ein Leichtes, das Haus wie das in der Müllerstraße wieder herzurichten.

Die Sportis spielen Arbeitslose

Die Sportfreunde Stiller gaben sich als Arbeitslose aus, die im Hotel BISS gerne eine Ausbildung machen würden. Bassist Rüdiger „Rüde“ Linhof (40, rechts): „Wir haben uns ja von Anfang an sehr für das Projekt eingesetzt und mussten feststellen, dass die Staatsregierung das ehemalige Frauengefängnis als Spekulationsobjekt eingesetzt hat.“ Und Schlagzeuger Florian Weber (39) sagte: „Dieses Haus hier in der Pilotystraße steht ja nur stellvertretend für die vielen Häuser, die die Stadt leer stehen lässt. Bei mir in der Schleißheimer Straße haben sie auch ein Haus geräumt. Jetzt ist seit Monaten ein Gerüst dran – ohne dass man sieht, dass da etwas passiert.“

Polt in Hochform

Der Münchner Wohn-Wahnsinn lässt inzwischen auch den Grandseigneur des bayerischen Kabaretts nicht mehr kalt. Welche Rolle läge Gerhard Polt (71) besser als die des grantigen Hausbesitzers, der seine Mieter loswerden will? So ließ er sein legendäres Hörspiel Als wenn man ein Dachs wär’ in seinem Bau wieder aufleben: „In den frühen 70ern hat man noch Luxussanierung gesagt. Heute sagt man Gentrifizierung. Man sieht: Die Qualität ist gestiegen. Und man sagt als Hausbesitzer: Der Mieter ist wie ein Hausschwamm. Wenn er einmal drin sitzt, kriegt man ihn nicht mehr raus. Aber man hat das schon gern: Keine Wohnung haben, aber auf der Straße rumlungern.“

Erwin Pelzig stinkt das ganze Schweinegeld

Mit dabei auf der etwas anderen Stadtrundfahrt: Die Kabarettisten Frank-Markus Barwasser ( Erwin Pelzig) und Ecco Meineke

Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig (53, hier vor dem Doppeldeckerbus mit Ecco Meineke) machte die komplette Tour durch München mit. Sein Fazit: „Es ist ein Schweinegeld unterwegs, das nicht weiß wohin. München ist der ideale Platz dafür, es los zu werden. Man kann es wohl nicht aufhalten. Man muss es aber nicht widerstandslos hinnehmen.“

Stadt lässt dieses Haus leer stehen

Das Lehel ist eines der begehrtesten und teuersten Viertel der Stadt. Während sich die Bauträger um die letzten freien Grundstücke raufen, lässt die Stadt gleich gegenüber der Staatskanzlei in der Pilotystraße ein ganzes Anwesen aus der Gründerzeit leer stehen – ein Vorder- und ein Hinterhaus. Nur eine der elf Wohnungen im Altbau wird noch benutzt: Gertraud W. (72) wohnt hier, und zwar seit ihrer Geburt! Sie sagte dem TV-Magazin Report München: „Der erste Stock steht seit acht Jahren leer, der zweite seit sechs, der dritte seit fünf – da könnte jemand einziehen.“

Die ehemalige Hausmeisterwohnung unter dem Dach habe sogar ein frisch renoviertes Bad. Gertraud W. vermutet, dass die Stadt das Haus absichtlich vergammeln lässt. „Die wollen das Haus so baufällig erscheinen lassen, dass Sie sagen: Es geht ja nicht mehr anders, ich muss das abreißen.“ Ein Architekt schaute sich das Haus an und kam zu dem Schluss, dass das gesamte Anwesen bewohnbar sei, Schaden werde vor allem durch den Leerstand verursacht. Insgesamt gehören der Stadtverwaltung rund 1700 Wohnungen, wovon 1324 seit Jahresbeginn von der städtischen Wohnungsgesellschaft Gewofag betreut werden, der Rest vom Kommunalreferat. Ende vergangenen Jahres standen 162 der städtischen Wohnungen leer!

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