Was dem Rauschgift-Dezernat Sorgen bereitet

Per Mausklick zum Rausch

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Beliebtes Gras: Hubert Halemba vom Münchner Rauschgiftdezernat zeigt sichergestelltes Marihuana.

Hubert Halemba ist Vize-Chef im Münchner Rauschgift-Dezernat. Die Frage der Legalisierung ist für ihn nur ein kleiner Teil des Problems. Größere Sorge bereiten Halemba derzeit die neuen Beschaffungswege über das Internet.

München - Alkohol ist nach wie vor die schlimmste Droge in Deutschland. Laut dem Drogenbericht der Bundesregierung, der am Freitag vorgestellt wurde, leben 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche mit einem Elternteil, der über die Maßen Alkohol konsumiert. Für die Polizei ist Alkohol aber erst dann ein Thema, wenn er in Gewalt mündet. Denn Alkohol ist ebenso wie Tabak legal – im Gegensatz zu Cannabis und anderen illegalen Drogen. Marlene Mortler (CSU), Drogenbeauftragte der Bundesregierung, warnte davor, Cannabis zu legalisieren. Laut Suchtbericht ist Cannabis die am weitesten verbreitete illegale Droge mit geschätzten 3,1 Millionen Konsumenten. Mortler kritisierte eine „Lifestyle-getriebene Legalisierungsdebatte“.

Hubert Halemba ist Vize- Chef im Münchner Rauschgift-Dezernat. Die Frage der Legalisierung ist für ihn nur ein kleiner Teil des Problems. Größere Sorge bereiten Halemba derzeit die neuen Beschaffungswege über das Internet. Viele Drogen sind schneller und leichter zu bekommen. „Früher mussten Konsumenten zu einem Dealer gehen – und erst mal einen kennen“, sagt Halemba. Jetzt kämen die Rauschmittel per Mausklick. „Alle können das Zeug bestellen.“ Durch Hinweise von Bürgern und Verdachtsmomente bei Paketdiensten kommen die Ermittler manchen Dealern auf die Spur. Gegen den Handel im Internet vorzugehen, ist aber eine Sisyphusarbeit.

Für Halemba sind Fixerstuben ein schwieriges Thema. Er findet es widersprüchlich, Kauf und Verkauf von Rauschmitteln unter Strafe zu stellen und andererseits Räume zu schaffen, in denen die illegalen Stoffe unter ärztlicher Aufsicht konsumiert werden können. „Anders als in anderen Städten haben wir in München auch keine offene Szene. Die meisten Abhängigen haben eine Wohnung“. Halemba hält es auch für problematisch, dass Abhängige den verbotenen Stoff durch die halbe Stadt zu Fixerstuben transportieren und immer Gefahr laufen, erwischt zu werden. Die Diskussion ist in Bayern nicht neu. Drogenkonsumräume sind in Deutschland per Bundesgesetz erlaubt. Jedes Land muss jedoch selbst entscheiden. In Bayern sind Druckräume bislang verboten.

Einstiegsdrogen

Marihuana bezeichnet Halemba als Einstiegsdroge. Viele Konsumenten seien recht jung. „Das geht ab etwa 13 Jahren los.“ Kiffen in jungen Jahren sei besonders gefährlich. Es sei wissenschaftlich erwiesen, sagt Halemba, dass sich bei Jugendlichen im Wachstum sowohl kognitive Defizite als auch psychotische Störungen häufen. Auch 80-jährige Kiffer hat der Vize-Chef aber schon erlebt. Gras wird meistens auf der Straße verkauft. Ein bekannter Anbahnungsort in München ist der südliche Hauptbahnhof. In den Seitenstraßen rund um den Bahnhof legen sich die Verkäufer sogenannte Bunker an, in denen sie das Rauschmittel lagern. Ein kleinerer Kreis konsumiert laut Halemba auch Khat. Der Khatstrauch wird hauptsächlich in Kenia, Oman, Jemen und Äthiopien angebaut. Dort ist es eine Alltagsdroge. Die Blätter werden in der Regel im Mund zerkaut.

Khat kommt aus Afrika und gilt dort als Alltagsdroge. Die Blätter werden im Mund zerkaut.

Neue Psychoaktive Substanzen (NPS)

Die Neuen Psychoaktiven Substanzen (NPS) oder auch „Legal Highs“ werden ganz harmlos als Kräutermischungen, Lufterfrischer oder Badesalze angeboten. Kaufen kann man diese Drogencocktails problemlos im Internet. Paketdienste werden so unwissentlich zu Dealern. „Wir arbeiten aber gut mit den Boten zusammen. Wenn ihnen etwas verdächtig vorkommt oder ein Päckchen aufgeht, rufen sie uns“, sagt Halemba. Erst vor einigen Wochen hob das Rauschgiftdezernat einen Internet-Anbieter in München aus, auf dessen PC 900 Bestellungen lagen. Das Problem mit Legal Highs: Sobald ein Stoff verboten wird, kommt ein neuer, etwas veränderter auf den Markt. „Ein Hase- und Igel-Spiel“, sagt Halemba. Die Folgen für den menschlichen Körper können verheerend sein. „Viele ballern sich das ganze Zeug ohne Risikobewusstsein rein“, schimpft Halemba. Angst- und Verwirrtheitszustände drohen und auch lebensbedrohliche Organschäden.

Legal Highs kommen gerne als eher harmlose Kräutermischungen daher, sind aber schädlich.

Ecstasy und Speed

Die klassischen Party-Drogen sind Ecstasy und Speed. Zwischendurch aus der Mode, seien sie „mittlerweile wieder voll da“, sagt Halemba. Ecstasy und Speed werden überwiegend bei Festivals und Partys direkt verkauft. „Da geht es um das Hier und Jetzt, um den Moment des Aufputschens“, sagt Halemba. Auch in einigen Clubs in München werden Ecstasy und Speed angeboten. Bei Razzien nehmen die Rauschgiftfahnder diese genau unter die Lupe. Zuletzt gerieten die Clubs „MVO“ und „Grinsekatze“ ins Visier der Drogenfahnder. In der Grinsekatze wurden im vergangenen November 24 Feiernde festgenommen.

Kokain bis Heroin

Der Konsum von Heroin ist laut Halemba zurückgegangen. Das liege neben dem großen Verfolgungsdruck an der hohen Substitutionsquote. Nach dem jahrelangen Rückgang war allerdings erstmals im Jahr 2016 wieder ein Anstieg bei den Heroinverstößen zu verzeichnen. Rund 3500 Heroin-Abhängige leben derzeit in München. Gut ein Drittel der Süchtigen ist in der Substitution. Mitunter spritzen sich Heroinsüchtige auch Badesalze. Fentanyl wird in der Regel als Pflaster gegen chronische Schmerzen vom Arzt verschrieben. Süchtige kochen die Pflaster aus, um den Wirkstoff herauszulösen und spritzen sich diesen. Fentanyl wirkt bis zu 80 Mal stärker als Morphin. Ein Abhängiger kann schnell zu viel erwischen. Kokain ist noch immer die Droge der eher Wohlhabenden und verfügt über eine gewisse Exklusivität. Das liegt allein am Preis. Denn ein Gramm kostet um die 100 Euro. Die Konsumenten, sagt Halemba, seien in der Regel eher älter – und brauchen Kontakte, um an das Koks zu kommen. Kokain wird oft unterschätzt. Halemba erinnert sich an einen Mann, der sich eine künstliche Nasenscheidewand einsetzen lassen musste, „weil er sich seine naturgegebene komplett weggekokst hat“.

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