Kinder fürchteten sich sehr vor den „Monstern“ / Wolfratshausen verbietet alpenländische Tradition

Perchten zu grausig für Christkindlmarkt

2004 hat in München ein großer Perchtenlauf stattgefunden.
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2004 hat in München ein großer Perchtenlauf stattgefunden.

Wolfratshausen - Die Perchten tauchen auf, wenn es dunkel wird. Die finsteren Zotteltiere machen Krach, rüpeln Leute an und poltern – weil es so alpenländische Tradition ist.

Schon seit dem 16. Jahrhundert. Der Bürgermeister von Wolfratshausen will dem Treiben nun ein Ende bereiten – weil die Kinder sich nicht fürchten sollen. Brauchtumspfleger gehen auf die Barrikaden: „Die Zugezogenen übertreiben maßlos!“

Der Stein des Anstoßes sind die Perchten aus Lermoos, die am Wochenende auf dem Wolfratshauser Christkindlmarkt gelaufen waren. Offenbar nicht zur Freude aller: Andreas B. aus Geretsried etwa floh mit seiner Tochter, weil diese zu große Angst „vor den Monstern“ hatte. „Viele Kinder bekamen Weinkrämpfe“, so der Vater. Etliche Eltern „hielten das Verhalten der Perchten für unmöglich“, die Freude daran gehabt hätten, Kinder zu erschrecken.

Die Wolfratshauserin Monika Kleine ist der Ansicht, „der Auftritt hätte besser gegen 22 Uhr als um 17 Uhr stattfinden sollen“. Ihre Tochter habe sich abends geängstigt, alleine ins Bad zu gehen. „Sind diese Gruselgestalten etwa eingeladen worden?“

Tatsächlich waren die Perchten auf Einladung der Gebirgsschützenkompanie Wolfratshausen gekommen. „Wir richten uns nach der Tradition im Oberland“, so Hauptmann Ewald Brückl. „Schließlich sind wir nicht in Hamburg oder Wanne-Eickel.“ Natürlich könne es vorkommen, „dass sich Heißsporne unter den Perchten Übergriffe erlauben“, das sei aber die Ausnahme und hier nicht der Fall gewesen.

Immer wieder sorgen Perchtenläufe für Schlagzeilen. Im Allgäu etwa kam es schon vor, dass Zuschauer die Tradition verkehrten und die Perchten verprügelten! In München wird das Brauchtum weniger gepflegt als im Umland. Am Marienplatz sorgen jährlich die Sparifankerl-Pass-Krampusse für gruseliges Vergnügen (heuer am 7. und 21. Dezember). Am Samstag findet ein Perchtenlauf einer Rottaler Gruppe auf dem Tollwood statt.

„Die Zugezogenen müssen sich an das Brauchtum gewöhnen“, sagt der Wolfratshauser Hauptmann. Es täte ihm leid, wenn Kinder erschreckt worden seien, man dürfe aber nicht vergessen, „dass sich Kinder auch vor dem Nikolaus fürchten“. Er fügt hinzu: „Hier klagen sie – und lassen ihre Kinder im Fernsehen und im Internet ganz andere Grausamkeiten sehen …“

Bürgermeister Helmut Forster schlägt sich auf die Seite der Eltern. „Ich bedauere sehr, wenn Kinder Angst hatten“, sagt Forster, das sei nicht beabsichtigt gewesen. „In Zukunft wird es keine Perchten mehr auf dem Christkindlmarkt geben.“

Elke Summer

tz-Stichwort Perchten

Die gehörnten Schreckgestalten tauchen vor allem um Weihnachten auf. Nach dem alpenländischen Brauchtum wollen sie mit großen Glocken den Winter vertreiben. Sie erinnern an den bekannteren Krampus, der ja den Nikolaus begleitet. Tatsächlich erscheinen auch viele Perchten am 5./6. Dezember oder in den Rauh­nächten wie dem Dreikönigstag. Perchten treten in Gruppen auf mit unterschiedlichen Figuren – dann spricht man vom Perchtenlaufen. Der Name Perchten leitet sich vermutlich von Perchta ab, einer Sagengestalt, die etwa für Faulheit bestraft und für Fleiß belohnt.

Quelle: tz

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