Diskussion mit Hoeneß und Co.

Maffay: Kugelsichere Weste gegen Neonazis

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Peter Maffay (l.) und Uli Hoeneß bei der Podiumsdikussion.

München - Uli Hoeneß und Peter Maffay nahmen bei der Diskussion gegen rechte Gewalt im Rathaus teil. Der Popstar schilderte dabei schier Unglaubliches aus seiner Karriere.

Peter Maffay engagiert sich seit langem gegen Rechtsradikalismus – und ist damit ins Visier gewaltbereiter Neonazis geraten. Bei der Diskussion „Was tun gegen rechte Gewalt?“ im Münchner Rathaus (siehe unten) verriet der Pop-Star, dass er beim Rock gegen Rechts-Konzert im Dezember 2012 in Jena von den Sicherheitsbehörden gebeten wurde, in kugelsicherer Weste aufzutreten. „Erschreckend, dass das in einer Gesellschaft wie der unseren wieder nötig scheint“, bedauert Maffay.

Stern-Journalist Hans-Ulrich Jörges, der Moderator der Diskussion, fragte den 64-Jährigen, warum er sich trotz solcher Gefahren offen gegen Rechts stelle. Maffays Antwort: „Ich habe einen neunjährigen Sohn, und ich möchte ihn in einem Land aufwachsen sehen, in dem er sich frei entfalten kann, unabhängig von seiner Herkunft. Mich packt die Wut, wenn ich mir vorstelle, wie hinterhältig und kalt jemand sein muss, der einen Menschen aus Rassismus tötet.“

Maffay glaubt an rechtsextreme Netzwerke „rauf bis nach weiter oben“ – und nannte als ein Beispiel den Verzicht der Bundesregierung, sich am NPD-Verbotsverfahren zu beteiligen. Da widersprach FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß entschieden: Es gebe ja gute Gründe, gegen das NPD-Verbotsverfahren zu sein, mit geheimer Kumpanei habe das sicher nichts zu tun. Einig waren sich die beiden aber darin, dass Sport und Musik leicht von Neonazis missbraucht werden können. „Wehret den Anfängen“, so Hoeneß.

Kampf gegen „Alltags-Rassismus“

Am greifbarsten wurde die Gefährlichkeit des Rechtsradikalismus durch den Diskussionsgast, der nicht auf dem Podium saß: Die Nazi-Aussteigerin Franka S., die mit Kopftuch und Sonnenbrille unkenntlich gemacht ins Münchner Rathaus kam, bekam in letzter Sekunde Panik und nahm wegen Kreislaufproblemen nicht an der Diskussion Was tun gegen Nazi-Gewalt? teil. Stattdessen erzählte der Ex-Kriminalpolizist Bernd Wagner, Gründer der Nazi-Aussteigerorganisation EXIT, Frankas Geschichte: Die junge Frau aus Norddeutschland war in verschiedenen Neonazi-„Kameradschaften“ aktiv und gründete ein rechtsextremes Internet-Radio. Der Verfassungsschutz warb sie an – „mit der Aufforderung, Straftaten nicht aus dem Weg zu gehen“, wie Wagner erzählte.

Doch dann ließen die Agenten ihre Quelle fallen. Franka S. wurde strafrechtlich verfolgt, weil in ihrem Internet-Radio nicht nur Volksver­hetzung betrieben wurde, sondern auch Anleitungen zum Bombenbau verbreitet wurden.

Erste Zweifel am rassistischen Gedankengut kamen auf, als sie Mutter wurde. Die Strafverfolgung, die Angst vor den gewaltbereiten „Kameraden“ – irgendwann wurde Franka S. alles zuviel und sie wollte raus aus dem Neonazi-Sumpf. EXIT half ihr dabei, unter geheimer Identität in Süddeutschland neu anzufangen.

Die Spenden, die bei der vom Stern veranstalteten Diskussion gesammelt wurden, kommen EXIT zugute. Die interessanten Einsichten in den Kampf gegen Neonazis kamen den rund 200 Zuhörern im Münchner Rathaus zugute. Da waren zum einen die Prominenten wie Uli Hoeneß, der leidenschaftlich davon erzählte, wie der FC Bayern zusammen mit den Fanclubs und der Polizei versucht, Neonazis aus dem Stadion zu vertreiben. „Wenn da 20 Leute mit Nazi-Symbolen auf den Kutten ins Stadion kommen, muss man die rausbrechen – sonst werden es schnell Hunderte.“

Und da waren die Anwälte der NSU-Opfer, Mehmet Daimagüler und Khubaib-Ali Mohammed, die vom alltäglichen Rassismus bei den Ermittlungen nach den Anschlägen berichteten. In einer operativen Fallanalyse aus Baden-Württemberg hieß es zu den NSU-Morden: „Da in unserem Kulturkreis die Ermordung von Menschen mit einem Tabu belegt ist, müssen die Täter von Außerhalb kommen.“ Daimagülers Fazit: „Das ist der Geist, weshalb die rechtsextremen Täter so lange unentdeckt bleiben konnten!“

Seine ganz eigenen Erfahrungen mit diesem alltäglichen Rassismus bei den Ermittlungsbehörden konnte auch Volkstheater-Intendant Christian Stückl beisteuern: Der Ur-Bayer wurde von einem baden-württembergischen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle trotz seines deutschen Passes gefragt: „Was sind Sie für ein Landsmann?“ – nur weil Stückl mit seinem türkischstämmigen Assistenten unterwegs war. Auf die Beteuerung Stückls, er sei Deutscher, antwortete der Polizist: „Aber ganz reinrassig sind Sie auch nicht, oder?“

Doch wie entsteht aus solch „sozial akzeptiertem Rassismus“ hasserfüllte Gewaltbereitschaft? Opfer-Anwalt Daimagüler bekommt die Bilder nicht aus dem Kopf, wie die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als Zwölfjährige mit ihren Müttern schmusen – und wie sich diese „süßen Kindergesichter“ drei, vier Jahre später in hasserfüllte Nazifratzen verwandeln. „Ich habe kein Mitleid mit den Mördern“, so Daimagüler. „Aber ich habe Mitleid mit diesen Kindern.“

Klaus Rimpel

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