Pflege-Notstand: Heim zahlt 3.000 Euro Kopfgeld

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Eine Pflegerin füttert eine Patientin.

München - Beruf Pflegekraft – es fehlt an Nachwuchs! Immer weniger Menschen wollen diesen Job ergreifen. Mittlerweile ist die Lage so schlimm, dass manche Heime über unterbesetzte Stationen klagen. Andere zahlen Kopfgelder, um an gute Kräfte zu kommen.

Täglich versorgen sie mit vollem Einsatz ihre Patienten: unsere Pflegekräfte. Allein in Bayern arbeiten derzeit knapp 110 000 Menschen in diesem Job. Eine wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft, zweifelsohne. Aber: Immer weniger Menschen wollen diesen Beruf ergreifen. Mittlerweile ist die Lage so schlimm, dass der städtische Heimbetreiber Münchenstift ein Kopfgeld von 3000 Euro für jeden Pfleger zahlt!

Und: In den ländlichen Regionen muss sich derzeit schon so manches Heim selbst einen Aufnahmestopp verordnen, weil es zu wenig qualifiziertes Personal gibt, um die Bewohner noch gut zu versorgen. Der ganz normale Wahnsinn in der Pflege: Jeden Tag steigt zwar die Zahl der Pflegebedürftigen im Land (derzeit sind es fast 2,4 Millionen in Deutschland), die Anzahl der kompetenten Pfleger aber sinkt.

Und so macht Münchenstift-Chef Gerd Peter keinen Hehl daraus, dass er für gute Fachkräfte gutes Geld zahlt: „Wenn ein Mitarbeiter von uns eine Fachkraft anwirbt, bekommt er dafür eine Vermittlungsgebühr.“ 3000 Euro sind das mittlerweile. Zum Ärger von so manchem anderen Heimbetreiber. „Es ist einfach wahnsinnig schwer, gutes Personal zu finden“, fügt Peter an.

Der Hauptgrund für das Dilemma ist simpel: Es fehlt an Nachwuchs, kaum ein Jugendlicher will diesen wichtigen Beruf ergreifen. Daran ändern auch die schönen Reden aus der Politik nichts. Fakt ist: Der Job ist sehr anstrengend, verantwortungsvoll – und reich wird niemand. Eine Pflegefachkraft (verheiratet, zwei Kinder) bekommt nach Tarif für den öffentlichen Dienst rund 2800 Euro monatlich – brutto. Erst vor wenigen Tagen erhöhte die Diakonie die Bezüge der Auszubildenden und Schülern in Pflegeberufen um 1,5 Prozent, um den Beruf etwas attraktiver zu machen. Ob mit Erfolg, ist fraglich.

Für Gerd Peter ist hauptsächlich das schlechte Image der Pflege schuld am Nachwuchsmangel. „Immer wieder ist über verantwortungslose Heime, über schreckliche Missstände zu lesen. Kein Wunder, dass da keiner in diesem wichtigen Beruf arbeiten will.“ Hier müsse endlich die Politik reagieren. „Die schwarzen Schafe, die ja nicht in der Mehrzahl sind, gehören geschlossen. Basta!“ Fällt ein Haus durch gefährliche Pflege auf, wird bisher höchstens ein Aufnahmestopp verhängt. Peter: „Das ist doch ein Witz. Die müssen weg.“

Den Mangel an Pflegekräften bekommt auch Joachim Görtz immer mehr zu spüren. Er ist der Landeschef des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). „Tatsache ist, dass viele Heime auf dem Land nicht mal mehr die Fachkraftquote erfüllen können, weil es an Pflegern fehlt.“ Eigentlich ist es nämlich verpflichtend, dass mindestens 50 Prozent des Personals Fachkräfte sind. „Das ist nur oft nicht mehr möglich – weil es keine gibt.“

Die Folge – im besten Fall: Das Heim verhängt selbst einen Aufnahmestopp. Es werden also keine Patienten mehr aufgenommen. Görtz: „Wir haben schon einige solche Fälle.“ Die Folge im schlechtesten Fall: Das Heim versucht, den Betrieb irgendwie am Laufen zu halten – mit Hilfskräften. Oft kommt es dadurch zu Missständen und unterversorgten Senioren. Bricht die Pflege also bald vollends zusammen?

Eine letzte Zahl verheißt nichts Gutes: Vor drei Jahren (so lange dauert eine Ausbildung zur Pflegefachkraft) begannen in Bayern gerade mal knapp 1500 Jugendliche diese Ausbildung. Nicht alle von ihnen werden abschließen. Experten sind sich einig: Es müssten mindestens dreimal so viele Azubis sein für die fast 330 000 Pflegebedürfigen in Bayern.

Armin Geier

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