Fachpflegekräfte fehlen - Intensivbetten stillgelegt - OPs verschoben

Pflege-Notstand in Münchner Kliniken

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Der Leiter der Herz-Chirurgie, Professor Rüdiger Lange mit Patientin Katharina.

München - Sie kämpfen mit viel Idealismus um die Gesundheit ihrer Patienten, arbeiten oft bis an den Rand der körperlichen und geistigen Erschöpfung. Jetzt müssen die Lebensretter selbst einen Notruf absetzen.

In Münchens Krankenhäusern fehlen immer mehr Fachpflegekräfte, der Personalengpass spitzt sich dramatisch zu. Offene Stellen, Krankheitsfälle und Kündigungen wegen Arbeitsüberlastung - nach Informationen mussten bereits in mehreren Häusern Intensivbetten stillgelegt und Operationen verschoben werden. „Wir konnten phasenweise sechs von 22 Intensivbetten nicht belegen“, erläutert der Pflege-Direktor des Deutschen Herzzentrums in der Lazarettstraße, Burkhard Köppen. Sein Kollege Peter Jacobs von den Uniklinken Großhadern und Innenstadt bestätigt die Brisanz der Lage: „Auch wir haben Riesen-Personalprobleme auf den Intensivstationen und im OP-Bereich.“

Auch das Herzzentrum leidet unter Pflegekräftemangel.

Besonders ernst ist die Lage bei der Versorgung de,r kleinen Patienten. „In der Kinder-Intensivpflege ist die Not am größten“, berichtet Jacobs. Und im Deutschen Herzzentrum gibt es laut Pflege-Chef Köppen nur noch eine Handvoll erfahrener Schwestern, die den Chirurgen bei schweren Operationen von Kindern assistieren können.
Der Leiter der Herz-Chirurgie, Professor Rüdiger Lange, bringt die Situation plakativ auf den Punkt: „Wir fahren ohne Benzin im Tank.“ Langes Top-Team könnte jedes Jahr etwa 500 Menschen zusätzlich mit Operationen helfen - wenn es nur genügend Schwestern hätte. Köppen spricht von einem „Mangelgebiet München“. Das Kernproblem: Viele gut ausgebildete, aber vergleichsweise schlecht bezahlte Fachkräfte kehren der sündteuren Isar-Metropole den Rücken, Ersatz ist nur schwer zu bekommen (siehe Hintergrundbericht unten).

Privathäuser zahlen besser

Und eine Entspannung der Lage ist derzeit nicht in Sicht - im Gegenteil: Pflege-Profi Jacobs prophezeit ein Schreckensszenario: „In spätestens drei Jahren wird der Personalengpass auch auf die Normalstationen übergreifen.“ Dann könnte die optimale Grundversorgung der Patienten in Gefahr geraten. Vor allem staatliche und städtische Kliniken stehen dem Dilemma machtlos gegenüber. Sie können mit den besseren Gehältern der privaten Konkurrenz kaum mithalten - daran ändern auch Ortszuschläge wie die München-Zulage nichts. Zumal die Abwerbepraxis immer radikaler wird - inzwischen locken die Privaten mit Handgeldern wie beim Profi-Fußball. So hat ein Münchner Klinikbetreiber hoch qualifizierten Fachkräften für ihre Unterschrift unter den Arbeitsvertrag eine Prämie von 1000 Euro geboten.

Die öffentlichen Häuser versuchen, mit teuren Nachwuchs-Förderprogrammen dagegen zu halten. Das reicht aber nicht aus, um alle freien Stellen zu besetzen. Deshalb kaufen die städtischen Kliniken Leasingkräfte zu, erläutert Sprecher Marten Scheibel. „Wir versuchen auch, andere Berufsgruppen wie Medizinische Fachangestellte oder Rettungsassistenten in unser Team zu integrieren.“ In anderen Ballungszentren treibt der Wildwuchs noch heftigere Blüten - wie ein Beispiel aus Bonn zeigt. „Dort hat eine Klinik so große Probleme, dass sie sogar Medizinstudenten als Hilfskräfte in der Pflege einsetzt“, berichtet Großhaderns Pflege-Direktor Jacobs: „Die Gesellschaft muss sich fragen, ob sie solche Lösungen wirklich will.“

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Der Klinik-Infarkt und die Gründe - die tz erklärt, warum es in München viel zu wenige Fachkrankenschwestern und Pfleger gibt.

Der lokale Arbeitsmarkt: München ist die Metropole mit der höchsten Krankenhausdichte in Deutschland. Allein die Großkliniken benötigen an die 10 000 Fachkräfte. „Schon dieser Bedarf lässt sich kaum decken. Dazu kommen noch die Privatkliniken“, betont Großhaderns Pflege-Direktor Peter Jacobs. Sein Kollege Burkhard Köppen vom Deutschen Herzzentrum bestätigt das Dilemma: „Der Arbeitsmarkt ist wie leergefegt.“

Die hohen Lebenshaltungskosten: Viele Pflegekräfte können sich München einfach nicht mehr leisten. Gerade den Mitarbeitern der staatlichen und städtischen Häuser reicht der vergleichsweise geringe Verdienst hinten und vorne nicht. In der bayerischen Provinz lebt es sich weitaus günstiger. Jacobs: „Wenn eine Schwester beispielsweise in Oberfranken oder Niederbayern arbeitet, bekommt sie tarifrechtlich dasselbe Gehalt wie in München. Dort ist der Euro aber viel mehr wert.“ Auf dieses Problem könne die private Klinik-Konkurrenz besser reagieren, sagt Köppen: „Sie dürfen die Gehälter mit den Mitarbeitern frei verhandeln.“

Der einheitliche Tarifvertrag im öffentlichen Dienst: Nicht nur bei den regionalen Lebenshaltungskosten, sondern auch bei den Einsatzgebieten der Pflegekräfte gibt es große Unterschiede. So braucht eine Schwester, die bei einer Herzoperation mitarbeitet, eine wesentlich höhere Qualifikation als eine Kollegin auf der Normalstation. Dieser Unterschied solle sich auf dem Gehaltszettel stärker bemerkbar machen, findet Pflege-Manager Köppen: „Die Tarifpartner müssten sich auf größere Differenzierungen einigen. Aber das ist illusorisch.“

Intensivpfleger wie Karin Gottwald und Philipp Liksa werden händeringend gesucht.

Die harten Arbeitsbedingungen: Eine Fachkraft arbeitet in drei Schichten. „Darunter Minimum 40 Stunden Nachtdienst pro Monat“, so Köppen. „Und in Folge des Pflegekräftemangels werden natürlichauch die Arbeitsbedingungen immer härter“, weiß Jacobs. Die lange Ausbildungszeit: Die Grundausbildung dauert drei Jahre. Bevor eine Pflegekraft dann noch die zweijährige Fachausbildung dranhängen darf, muss sie erst mal zwei Jahre Berufserfahrung sammeln. „Bis eine Fachpflegekraft ihre Qualifikation abschließen kann, muss sie rund 700 Theorie- und 2500 Praxis-Stunden leisten“, erläutert Köppen.

Die hohe Fluktuation: Rund 85 Prozent der Mitarbeiter in der Krankenhaus-Pflege sind weiblich. Viele gehen irgendwann in die Babypause oder geben ihren Job ganz auf. „Das bedeutet: Wir haben eine hohe Fluktuation, brauchen permanent personellen Nachschub“, erklärt Jacobs.

Die Schließung der Krankenpflegeschulen: Nach Angaben der Gewerkschaft ver.di sind in den vergangenen Jahren deutschlandweit 10 000 Pflege-Ausbildungsplätze weggefallen. „Wegen der hohen Kosten sind zu viele Schulen dichtgemacht worden. Das war ein Fehler“, kritisiert Jabos. Oft würden die Räumlichkeiten der Schulen auch lieber für gewinnbringende Einrichtungen genutzt - etwa Medizinische Versorgungszentren (Hausarzt-Dienste in der Klinik) oder Geräte-Medizin (zum Beispiel Endoskopien oder Herzkatheter-Untersuchungen).

Die schwierige Anwerbung im Ausland: „Der Versuch, den Personalmangel durch Pflegekräfte aus dem Ausland zu kompensieren, ist nahezu aussichtslos. Das ist ein vermeintliches Allheilmittel der Vergangenheit“, glaubt Jacobs. Der Grund: Auch andere Länder müssen längst Pflegekräfte „importieren“, darunter Holland, die skandinavischen Staaten, England oder die Schweiz. „Dort verdienen sie in der Regel besser.“ Dazu kommt, dass sich gerade osteuropäische Länder immer stärker darum bemühen, ihre Pflegekräfte im eigenen Land zu halten. „In Rumänien wurde der deutschen Agentur für Arbeit bereits eine Infoveranstaltung untersagt“, weiß Jacobs.

Das Image-Problem: Begriffe wie „Pflege-Schande“ und „Pflege-Skandal“ geistern immer wieder durch die Medien. Dabei geht es in den allermeisten Fällen um Seniorenheime. „In der öffentlichen Wahrnehmung wird aber kaum zwischen Alten- und Krankenhauspflege unterschieden. In der Folge wollen immer weniger junge Menschen in einer Klinik arbeiten“, bedauert Jacobs.

Das Desinteresse der Politik: „Unsere Politiker erkennen nicht, was in Hochleistungskrankenhäusern wirklich los ist. Sie stellen sich den gewaltigen Problemen allenfalls dann, wenn es um die Altenpflege geht. Vermutlich, weil sie in diesem Bereich Wählerstimmen wittern“, sagt Jacobs.

Andreas Beez

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