"Pflege ist oft ein Pflegefall"

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Pflege im Seniorenheim - es gibt keine Entwarnung.

München - Es war der Tag der Debatte um die Pflege in München: Der Stadtrat stutzt die Beschwerdestelle bei Problemen in der Pflege von sechs auf vier Mitarbeiter – gegen den Protest von Seniorenbeirat und VdK.

Dazu legt der Chef des Kreisverwaltungsreferats, Wilfried Blume-Beyerle, die Bilanz der Heimaufsicht vor – und seine Bewertung. Dem obersten Kontrolleur ist es ein Herzensanliegen: In vielen Häusern würden Senioren hervorragend gepflegt, betont Blume-Beyerle. Das Personal sei oft hoch engagiert, springt ihm Bürgermeisterin Christine Strobl bei – verbunden mit dem Dank aller Parteien. Blume-Beyerle sagt: „Ich möchte hier nichts beschönigen, es darf aber auch nichts verzerrt dargestellt werden.“

In seiner eigenen Bilanz liest sich das so: „Von einer Entwarnung in der Pflege kann keine Rede sein. Trotz einiger weniger Häuser mit positiver Qualität, sind in der Summe noch deutliche Defizite festzustellen. Die Pflege ist immer noch in vielen Fällen selbst der Pflegefall. Ohne eine externe Überprüfung konnte eine humane Pflege unter Achtung der Menschenwürde oftmals nicht sichergestellt werden.“

Das belegen auch die Zahlen: In den Jahren 2009 und 2010 rückten die Kontrolleure 203 Mal in die 56 Seniorenheime ein und stellten bei jeder dritten Prüfung teils mehrere Mängel fest. Dabei untersuchte die Aufsicht 1120 Pflege-Situationen und stellte 355 Mal „gefährliche Pflege“ für Senioren fest – also bei jeder dritten Prüfung! Das entspricht einer Verdreifachung des Anteils im Vergleich zu den Vorjahren. Blume-Beyerle sieht darin keine Verschlechterung, weil man sich die schwarzen Schafe gezielter vorgeknöpft habe – aber offenbar, ohne dass die sich besserten.

Zehn Mal verhängte die Aufsicht einen Aufnahmestopp, ein Leiter erhielt Beschäftigungsverbot, ein Heim musste ganz dichtgemacht werden! In acht Fällen stellten die Kontrolleure Körperverletzungen fest, so dass sie die Staatsanwaltschaft einschalteten. Kein Wunder, dass der Referent mit Blick auf seine 15 Kontrolleure betont: „Da wird nicht gespart!“

Für die Beschwerdestelle der Stadt gilt das nicht: Die hilft im Jahr rund 1900 Münchnern auch bei Pflege-Problemen, die zu Hause anfallen. Die Stelle wird nun aber um ein Drittel verkleinert, beschließt der Stadtrat gegen die Stimme der Linken. Leiterin Kornelie Rahnema wollte sich dazu nicht äußern.

David Costanzo

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