Heimaufsicht deckt Missstände auf – Sieben Mal sogar die Staatsanwälte informiert

Pflege-Schande: Neue Fälle

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KVR-Referent Wilfried Blume-Beyerle

München - Viel Schatten, aber ein bisschen mehr Licht als früher – so könnte man den Bericht der Heimaufsicht übertiteln.

Sieben Mal, informiert der drastischste Teil des Reports über die Zustände in den Alten- und Pflegeheimen in den Jahren 2007/2008, musste bei der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet werden: Es gab Hinweise, dass Pflegepersonal gegenüber ihren wehrlosen Schützlingen Gewalt anwendeten. Am Donnerstag wird das Papier dem Stadtrat vorgestellt. KVR-Referent Wilfried Blume-Beyerle: „Die Anzahl der Defizite ist gewachsen und noch zu hoch. Von einer Entwarnung in der Pflege kann nicht gesprochen werden.“

Alarmierend ist das Ausmaß der „gefährlichen Pflege“. 144 solcher dramatischen Mängel wurden bei 1281 Kontrollen entdeckt. Verliert etwa ein Heimbewohner viel Gewicht, drei oder vier Kilo in der Woche, und die Einrichtung kümmert sich nicht darum, werden die Kontrolleure sofort aktiv. Ebenso wenn ein Bettlägeriger einen Dekubitus entwickelt, sich also wundgelegen hat.

Fixierungen sind ein Schwerpunktthema für die Mitarbeiter der Heimaufsicht, die unangekündigt in den Häusern auftauchen. Häufig liegt kein Gerichtsbeschluss für diese Sicherheitsmaßnahme vor, was meist als formaler Mangel gerügt wird. Lebensgefährlich kann sich ein falsch angebrachter Gurt etwa eines Rollstuhlfahrers auswirken. Nach wie vor sei der Umgang mit freiheitsentziehenden Maßnahmen unzufriedenstellend, klagt Blume-Beyerle in seinem Bericht. Sie würden durchschnittlich bei 29 Prozent der Bewohner angewendet – in manchen Heimen nur fünf, in anderen 64 Prozent!

Zur Ruhigstellung werden auch Psychopharmaka verwendet – und zwar meist nicht vorschriftsmäßig. Bei 320 von 1758 überprüften Bewohnern seien solche Mittel „im Bedarfsfall“ verschrieben worden. Solche Blanko-Genehmigungen sind aber nicht erlaubt. Nur für ganze zwei Patienten gab es eine rechtliche Legitimation für diese Art von freiheitentziehender Maßnahme. Ganz zu unrecht trägt der „Qualitäts“-Bericht seinen Namen aber trotz allem nicht, denn unter den 120 stationären Einrichtungen mit 9105 Plätzen haben die 14 Kontrolleure auch welche gefunden, die „optimale Pflege“ leisten. Blume-Beyerle: „Wie man sieht, ist das auch unter den derzeitigen Rahmenbedingungen möglich.“ Von 1281 Fällen traf das allerdings gerade mal bei 35 zu: Die Pflegerinnen gehen auf die Bewohner ein, berücksichtigen ihre Schicksale, regen sie zur aktiven Mitgestaltung an.

721 Mal trafen die Mitarbeiter der Heimaufsicht immerhin auf „angemessene Pflege“. Das ist mehr als das gesetzliche Mindestmaß, das in der „Routinepflege“ (381 Fälle) verwirklicht ist und lediglich sicherstellt, dass die Basisversorgung gewährleistet ist.

Barbara Wimmer

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