Pflegefall "Pflege": So schlimm sind die Missstände!

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Rund 2,3 Millionen Pflegebedürftige gibt es derzeit in Deutschland - und die Zahl steigt durch die Altersentwicklung rapide.

Zu wenig Fachkräfte, überlastete Pfleger, leidenden Patienten – und überall Geldnot: Unser Pflegesystem pfeift aus dem letzten Loch.

Und immer mehr Experten und Betroffene gehen auf die Straße, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Erst vor einer Woche demonstrierten die Münchner Wohlfahrtsverbände gegen den Sparwahn der Kassen vor dem bayerischen Sozialministerium.

Wohlfahrtsverbände demonstrieren gegen den Pflegenotstand

Wohlfahrtsverbände demonstrieren gegen den Pflegenotstand © 
Mit Autokorsos in München und Nürnberg haben am Freitag mehrere hundert Pflegekräfte gegen die ihrer Meinung nach zu geringen Gebührensätze im Pflegebereich protestiert. Nach Angaben der Organisatoren fuhren die Teilnehmer in München mit rund 70 Autos zum Sozialministerium und zur AOK-Geschäftsstelle © Schlaf
Mit Autokorsos in München und Nürnberg haben am Freitag mehrere hundert Pflegekräfte gegen die ihrer Meinung nach zu geringen Gebührensätze im Pflegebereich protestiert. Nach Angaben der Organisatoren fuhren die Teilnehmer in München mit rund 70 Autos zum Sozialministerium und zur AOK-Geschäftsstelle © Schlaf
Mit Autokorsos in München und Nürnberg haben am Freitag mehrere hundert Pflegekräfte gegen die ihrer Meinung nach zu geringen Gebührensätze im Pflegebereich protestiert. Nach Angaben der Organisatoren fuhren die Teilnehmer in München mit rund 70 Autos zum Sozialministerium und zur AOK-Geschäftsstelle © Schlaf
Mit Autokorsos in München und Nürnberg haben am Freitag mehrere hundert Pflegekräfte gegen die ihrer Meinung nach zu geringen Gebührensätze im Pflegebereich protestiert. Nach Angaben der Organisatoren fuhren die Teilnehmer in München mit rund 70 Autos zum Sozialministerium und zur AOK-Geschäftsstelle © Schlaf
Mit Autokorsos in München und Nürnberg haben am Freitag mehrere hundert Pflegekräfte gegen die ihrer Meinung nach zu geringen Gebührensätze im Pflegebereich protestiert. Nach Angaben der Organisatoren fuhren die Teilnehmer in München mit rund 70 Autos zum Sozialministerium und zur AOK-Geschäftsstelle © Schlaf
Mit Autokorsos in München und Nürnberg haben am Freitag mehrere hundert Pflegekräfte gegen die ihrer Meinung nach zu geringen Gebührensätze im Pflegebereich protestiert. Nach Angaben der Organisatoren fuhren die Teilnehmer in München mit rund 70 Autos zum Sozialministerium und zur AOK-Geschäftsstelle © Schlaf
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Mit Autokorsos in München und Nürnberg haben am Freitag mehrere hundert Pflegekräfte gegen die ihrer Meinung nach zu geringen Gebührensätze im Pflegebereich protestiert. Nach Angaben der Organisatoren fuhren die Teilnehmer in München mit rund 70 Autos zum Sozialministerium und zur AOK-Geschäftsstelle © Schlaf
Mit Autokorsos in München und Nürnberg haben am Freitag mehrere hundert Pflegekräfte gegen die ihrer Meinung nach zu geringen Gebührensätze im Pflegebereich protestiert. Nach Angaben der Organisatoren fuhren die Teilnehmer in München mit rund 70 Autos zum Sozialministerium und zur AOK-Geschäftsstelle. © Schlaf

Gestern nun stellte der bpa (der Bundesverband privater Anbieter) sowie der Pflegekräfteverband eine Protest-Aktion vor dem Ministerium auf die Beine. Ganz zu schweigen von der riesigen Pfleger-Demo in Berlin am Donnerstag, wo 130 000 Menschen ihrem Unmut Luft machten. Der Tenor ist immer der gleiche: „Wenn sich nichts ändert, ist die Pflege bald am Ende!“

Die Missstände, die Probleme – was ist es, was das System immer mehr ins Wanken bringt? Die tz listet einige Fakten auf, bei denen sich alle Experten einig sind, dass sie schnellstens gelöst werden müssen:

  • Es ist schon lange kein Einzelfall mehr, dass eine Pflegekraft in der Nachtschicht für über 50 Patienten zuständig ist. Egal, ob Pflegeheim oder Klinik. Geht es zwei Kranken urplötzlich schlecht, muss sich die Kraft entscheiden, wem sie zuerst hilft. Das ist eine immense Belastung.
  • Immer wieder klagen Kräfte und Betroffene über „Akkord-Pflege“. Für menschliche Zuwendung, ein Gespräch mit dem Patienten bleibe einfach keine Zeit mehr.
  • Der Mangel an Fachkräften in der Pflege wird immer schlimmer. Mittlerweile zahlen Träger wie die Münchenstift schon 1000 Euro Kopfgeld für gutes Personal. Die Zahlen sind beängstigend: Vor drei Jahren (so lange dauert die Ausbildung) begannen nur 1400 Schüler die Ausbildung. In Bayern sind aber derzeit im ambulanten und stationären Bereich 110 000 Kräfte tätig – und es müssten eigentlich mehr sein.
  • Viele ambulanten Dienste hetzen nur noch von einem Patienten zum anderen. Der Grund: Seit vier Jahren bekommen die Dienste für medizinische Leistungen oder auch Wegpauschale die gleichen Zuschüsse. Und das, obwohl allein die Inflation 5,5 Prozent des Geldwertes gefressen hat. Ganz zu schweigen von steigenden Sprit-, sonstigen Energie- und Lohnkosten. Über 200 Dienste gibt es alleine in München – viele sind kurz vor dem Zusammenbruch.
  • Nach Einführung der Pflegereform rühmte sich Gesundheitsministerin Ulla Schmidt für die Erhöhungen der Pflegesätze. Doch ein genauer Blick zeigt: Diese entlasten kaum. Ein Beispiel ist das Pflegegeld: Früher gab es für jemanden, der seinen Angehörigen mit Pflegestufe III pflegt, monatlich 665 Euro. Nun sind es 675 Euro. Das sind 33 Cent mehr pro Tag. „Ein Witz“, wie Experten urteilen.
  • Die medizinische Anforderung für die Pflegekräfte wird immer höher. Mittlerweile hat im Schnitt jeder Patient im Heim acht Krankheiten – von Gicht bis Demenz. Eine gute Versorgung können hier nur Fachkräfte übernehmen – doch ihre Quote liegt bei nur 50 Prozent. Die Folge: Patienten werden schlecht versorgt.
  • Durch die immense Belastung und den niedrigen Lohn (eine Pflegekraft bekommt nach Tarif des öffentlichen Dienstes rund 2700 Euro brutto pro Monat) wirft jede fünfte Pflegekraft nach vier Jahren ihren Job hin, wie eine EU-Studie zeigt. Die Folge: Durch den Mangel engagieren viele Betroffenen auch illegale Kräfte.
  • Immer wieder kritisieren Experten, dass die Kontrollen sowohl in Heimen als auch Kliniken zu lasch und die Strafen zu milde sind. Ein Beispiel: Leistet sich ein Heim große Missstände und Versorgungsmängel, wird es nicht geschlossen – sondern es wird nur ein Aufnahmestopp verhängt. Heißt: Zwar darf kein neuer Bewohner mehr einziehen – aber die alten Bewohner bleiben drin.

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Der Münchner Sozialexperte Claus Fussek über die Pflegemisere: Es geht um die Grundversorgung

130 000 Menschen demonstrierten am Freitag in Berlin dafür, die Krankenhäuser finanziell besser auszustatten. Die tz sprach mit dem Münchner Pflegeexperten Claus Fussek.

Herr Fussek, waren Sie beeindruckt von der Berliner Demonstration?

Das war gigantisch, die Forderungen sind natürlich völlig berechtigt. Mein Traum wäre es, etwas ähnliches für die Altenpflege auf die Beine zu stellen.

Gehören die Probleme Kranken- und Altenpflege nicht zusammen?

Natürlich, Gesundheits- und Pflegesystem ist eines und an beiden Bereichen kritisiere ich, dass das Verteilungssystem nicht transparent ist.

Woran krankt es?

Auf allen Seiten – bei Politikern, Krankenkassen und Verbänden – haben Funktionäre das Sagen, von denen man den Eindruck kriegen kann, sie seien noch nie in einem Krankenhaus oder Pflegeheim gewesen.

Was wäre eine erfolgversprechende Strategie?

Eine ehrliche Diskussion ist angesagt. Es geht ja nicht um Luxuspflege, sondern um die Grundversorgung. Nur wenn das Personal unter menschenwürdigen Bedingungen arbeitet, können die Patienten menschenwürdig gepflegt werden. Daran müssten doch alle ein Interesse haben! Keiner will im Minutentakt und im Akkord gepflegt werden, nicht im Krankenhaus und nicht im Heim.

Ist eine für alle Einrichtungen geltende Deckelung überhaupt sinnvoll?

In Deutschland nimmt man immer entweder Rasenmäher oder Gießkanne. Das ist weltfremd und funktioniert nicht, daraus sollten endlich Konsequenzen gezogen werden. Stattdessen werden schnell drei Milliarden ins System geschossen, dann ist wieder Schluss.

Wird die mächtige Demonstration nachhaltige Wirkung haben?

Wir brauchen einen wirklich gesamtgesellschaftlichen Aufschrei; Wir müssen uns mit diesem lebenswichtigen Problem befassen und klar sagen, was uns eine gute Pflege wert ist. Bezeichnend finde ich, dass das Thema im Landtagswahlkampf keine Rolle gespielt hat, dabei wäre es doch mindestens ebenso wichtig wie Nichtraucherschutz und Pendlerpauschale.

Barbara Wimmer

Quelle: tz

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