"Bitte verheizt uns nicht!"

Pflegeschüler erzählen der tz ihre Erfahrungen

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Diese fünf Pflege-Azubis erzählten der tz von ihren Erlebnissen und ihre Erfahrungen in den Heimen.

München - Der Fachkräfte-Mangel in den Pflegeheimen treibt irre Blüten: So werden dort oft schon Azubis eingesetzt, um die Arbeit von Fachkräften zu erledigen. Doch die Schüler wehren sich jetzt …

Es ist ein Teufelskreis: Die Menschen im Freistaat werden im Schnitt immer älter und damit auch pflegebedürftiger. Doch zugleich gibt es immer weniger Menschen, die als Pflegekraft arbeiten wollen. Das führt zu massiven Missständen. 

In Erding trafen sich am Donnerstag bei einem Pflegekongress (der vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe initiiert worden war) 400 Schüler, um auf diese Missstände hinzuweisen. Auch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml kam zu der Tagung und stand den Pflege-Azubis sogar Rede und Antwort. Respekt!

Stand Rede und Antwort bei dem Kongress: Ministerin Melanie Huml.

Denn auch die Ministerin weiß, dass die Situation vielerorts katastophal ist. Da müssen Pflegeschüler Medikamente verabreichen, Spritzen geben, Dokumentationen ­schreiben, weil einfach kein Fachpersonal für diese Aufgaben da ist. Und es wird noch schlimmer kommen: Allein in den nächsten gut 15 Jahren werden 90.000 zusätzliche Pflegekräfte im Land benötigt, um alle Pflegebedürftigen zu versorgen. Zur Erklärung: Derzeit gibt es 340.000 Pflegebedürftige im Freistaat, ihre Zahl steigt rasant an.

Nur: Wo sollen die Fachkräfte herkommen, wenn die Schüler jetzt schon bis ans Limit gehen müssen? Viele brechen ihre Ausbildung frühzeitig ab. „Wir können es uns nicht leisten, motivierte junge Menschen für den Beruf zu verlieren. Daher müssen wir Wege finden, den sogenannten Praxisschock zu mildern“, versprach die Ministerin den Anwesenden und erntete dafür großen Applaus. Ein Ziel müsse es natürlich sein, endlich mehr Personal in den Einrichtungen zu haben. Noch im November soll der Landespflegeausschuss den Startschuss für eine Arbeitsgruppe geben, die sich mit der Ausbildung in der Pflege befasst. Sie besteht aus Einrichtungsträgern, Kostenträgern, dem Berufsverband für Pflegeberufe und der Gewerkschaft Ver.di. Die Arbeitsgruppe soll auch Vorschläge machen, wie eine ausreichende Praxisanleitung in den Einrichtungen sichergestellt werden kann. Ministerin Huml: „Alle Akteure sind gefordert, zu guten Arbeitsbedingungen in der Pflege beizutragen.“

Dass sich schnell etwas ändern muss, da sind sich alle einig. Die tz sprach mit fünf Pflegeschülern über ihre Erlebnisse und ihre Erfahrungen in den Heimen.

Da sagen die Azubis

Magdalena Passenberger (20, im Bild links)

Meine Erfahrung ist leider: Es sind ­einfach zu wenige Fachkräfte da. Wir ­Pflegeschüler haben oft niemanden, der uns in der Praxis etwas erklären kann. Niemand hat Zeit. Das ist erschreckend, weil man ja den Patienten bestmöglich helfen will, oft aber eigentlich die Kenntnisse fehlen, um genau dies zu tun. In manchem Krankenhaus war die Situation etwas besser, aber in den Alten- und Pflegeheimen wurden wir einfach ins kalte Wasser geworfen. Da bekommt man echt Angst.

Nina Richter (19, 2.v.l.)

Ich bin Pflegeschülerin im zweiten Ausbildungsjahr, und für mich steht jetzt schon fest: Ich will später unbedingt in einem Krankenhaus arbeiten. Weil die Situation in vielen Altenheimen einfach erschreckend ist: Schon nach wenigen Tagen musste ich teils die Arbeiten einer Fachkraft übernehmen, weil sonst niemand da war. Da hast du plötzlich die volle Verantwortung für kranke Patienten. Das geht nicht! Eins ist aber für mich klar: Ich werde diesen schönen Beruf weiter ausüben.

Annalena Schmid (18, 3.v.l.)

Derzeit wird aus der Not heraus in der Pflege alles eingestellt, und trotzdem ist noch viel zu wenig Personal da. Ich wurde nach drei Tagen in einem Heim gefragt, ob ich wüsste, wie man Spritzen verabreicht. Ich sagte, dass wir das in der Schule gelernt hatten – aber nur theoretisch. Und so sollte ich von einem Tag auf den anderen allen Patienten auf der Station ihre Spritzen geben. Irre. Da geht man abends ins Bett und hat echt Angst, dass man vielleicht Fehler gemacht hat.

Mario Steger (18, 2.v.r.)

Gleich vorweg: Es gibt ­viele Einrichtungen und Heime, die sich bemühen, ihre Patienten gut zu versorgen. Man merkt aber in der Ausbildung schnell: Das geht oft einfach nicht. Der Grund ist immer derselbe: Es mangelt an Personal. Es kann doch nicht sein, dass wir Schüler teils niemanden haben, der uns etwas in der Praxis beibringen kann, weil niemand da ist. So wird unser Beruf natürlich nicht beliebter bei den jungen Menschen. Da muss sich unbedingt etwas ändern.

Elisa Raab (18, r.)

Schon nach wenigen Tagen bei der Praxisschulung in einem Heim wurde ich zur Spätschicht eingeteilt. Ich – ein Azubi! Das bedeutete in diesem Fall, dass wir zu zweit für 40 Bewohner zuständig waren. Medikamente geben, Umlegen, die ganze Dokumentation – das war einfach Wahnsinn. Man merkt auch: Viele der Fachkräfte sind völlig überarbeitet. Die können Bewohner gar nicht mehr liebevoll und mit Respekt versorgen, weil sie selbst völlig ausgelaugt und übermüdet sind.

Armin Geier

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