Kind stürzt in schlecht abgesicherte Grube

Pfusch am Bau: Bub (8) behindert

Jeder weist die Schuld von sich: Polier Werner M., Bauleiter Ulrich K., Hausbesitzer Friedrich G. (re.).

München - Ein Auge haben die Ärzte ihm verschlossen, mit dem anderen schaut der achtjährige Luis die Menschen traurig an.

Immer wieder fragt er seine Mutter: „Mami, Mami, wann bin ich endlich wieder normal?“ Doch ein normales Leben wird der unglückliche Bub nie führen können, sagte seine Mutter am Mittwoch vor Gericht. Zu schlimm waren die Kopfverletzungen, die das Kind beim Sturz in eine Baugrube am Rand des elterlichen Gartens erlitten hatte.

An jenem Unglückstag, am 1. April 2006, hatte endlich wieder mal die Sonne gestrahlt. Der Bub und seine Zwillingsschwester tollten im Garten in Laim, während die 42-jährige Mutter die Wäsche aufhängte. Die Kinder wussten, dass sie sich dem Bauzaun am Rand des Gartens nicht nähern durften. Direkt gegenüber klaffte eine tiefe Baugrube, die Erde war schon abgesackt.

Immer wieder habe sie sich beim Hausbesitzer Friedrich G. (72), dem sowohl ihre Wohnung als auch das benachbarte Baugrundstück gehört, über den gefährlichen Zustand im Garten beschwert. Die Mutter: „Er hat nichts unternommen.“

Dass sich weiter hinten im Garten eine weitere gefährliche Lücke zur Tiefgaragen-Baugrube aufgetan hatte, war der Mutter nicht aufgefallen. Genau durch diese Lücke unterhalb des Zaunes stürzte der damals fünfjährige Luis zweieinhalb Meter tief. Er knallte mit dem Kopf gegen einen Betonklotz.

„Die Ärzte haben ihm keine Überlebenschance gegeben“, erzählt die Mutter. Ihr Kind erwachte wieder aus dem Koma, ist jedoch schwer behindert, auf den Rollstuhl angewiesen. Er leide am ganzen Körper unter Sensibilitätsstörungen, so die Mutter. Immer wieder frage sie ihr Kind: „Wann ist das endlich vorbei?“

Hausbesitzer Friedrich G., Bauleiter Ulrich K. (51) und Polier Werner M. (42) sitzen mit gesenkten Köpfen auf der Anklagebank. Ihnen wirft die Staatsanwältin Baugefährdung und fahrlässige Köperverletzung vor. Keiner der Angeklagten bringt ein Wort des Bedauerns über die Lippen. Keiner will an dem Unglück schuld sein.

Friedrich G. schiebt die Schuld auf die Baufirma. Der Firmenchef (gegen ihn wurden die Ermittlungen eingestellt) auf seine Mitarbeiter. „Für den Zaun kann ich nicht verantwortlich gemacht werden“, sagt der Bauleiter. Der Polier: „Ich war schon auf der nächsten Baustelle.“

Richter Thomas Junge platzte der Kragen: „Es ist ein Unding, dass zwischen Baugrube und Garten eine solche Lücke klafft und jeder schiebt die Verantwortung auf den anderen!“

Wegen widersprüchlicher Zeugenaussagen war letztendlich nicht zu klären, wer die Verantwortung für das Unglück trägt. Richter Jung stellte das Verfahren gegen Geldauflagen ein: Der Hausbesitzer zahlt 3500, der Bauleiter 3600 Euro. Der Polier kommt mit 900 Euro davon.

Und wer kommt für die schrecklichen Unfallfolgen auf? Die Mutter: „Bis jetzt niemand.“

Eberhard Unfried

Quelle: tz

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