tz-Interview mit Poetry Slamer Jarawan

Ein Münchner im Dichter-Himmel

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Pierre ­Jarawan (27) ist deutschsprachiger Meister im Poetry Slam. Hier erzählt er über sein Künstler-Leben.

München - Mit 13 Jahren hat Pierre Jarawan sein erstes Gedicht geschrieben. Und jetzt? Ist der 27-jährige Münchner Deutschsprachiger Meister im Poetry Slam 2012. Die tz traf ihn zum Gespräch.

Poetry Slam – das ist das Gegenteil einer klassischen „Wasserglas-Lesung“, findet auf großen Bühnen statt, vor bis zu 4000 Menschen. Das Publikum ist die Jury: Es stimmt ab über den Dichter, sein Werk und seinen Vortrag. Wir trafen Jarawan.

Herr Jarawan, wenn Sie ein hübsches Mädel kennenlernen und Sie ihr sagen, Sie seien Dichter – ist die Reaktion eher „durchgeknallt“ oder „toll“?

Pierre Jarawan: Das habe ich noch nicht ausprobiert, weil ich eine Freundin habe. Aber die Leute sind interessiert. Was auch daran liegt, dass Poetry Slam mittlerweile ein fester Begriff ist. Viele kennen es etwa aus dem ZDF, und das Finale 2012 lief auf Arte.

Warum wird Dichtung nie aussterben?

Jarawan: Weil es Formate wie Poetry Slam gibt. Wer schreibt, will gehört werden, darum wird es auch immer Dichtung auf der Bühne geben.

Haben Sie denn Vorbilder?

Jarawan: Nein – und zwar weder tote noch lebende Dichter, obwohl ich viele Kollegen für ihren Umgang mit der Sprache bewundere. Aber mein Vater hatte wohl einen großen Einfluss. Er stammt aus dem Libanon und war ein großer Geschichten-Erzähler.

War?

Jarawan: Er ist vor fünf Jahren in seine Heimat zurückgekehrt.

Können Sie von den Lesungen denn leben?

Jarawan: Ich studiere Theater-, Film- und Fernsehkritik, aber ich lebe von den Auftritten. Das sind bis zu 100 im Jahr. Und mit dem Titel kommen noch mehr Anfragen.

Und was verdienen Sie pro Auftritt?

Jarawan: Ganz unterschiedlich, weil es keinen Festsatz gibt. Grob zwischen 200 und 1000 Euro, falls es sich um eine Auftrags-Arbeit zu einem bestimmten Thema handelt. Dazu kommen noch Workshops, zum Beispiel an Schulen. Lehrer lieben natürlich Poetry Slam, weil die Schüler dadurch eine ganz neue Beziehung zu Lyrik bekommen – das läuft schon anders ab als im ganz normalen Deutsch-Unterricht. Ich schätze, in Deutschland können so 40, 50 Leute hauptberuflich von Poetry Slam leben.

In einem Jahr sind Sie mit dem Studium fertig – dann sind Sie in der Zwickmühle: weiter Slammen oder nach einer Festanstellung suchen...

Jarawan: Stimmt. Aber glauben Sie nicht, dass Poetry Slam nur für Junge ist. Von den neun Finalisten jetzt bei der Meisterschaft waren drei über 40. Dennoch: Ich werde einen Job suchen, in die Szene kann ich jederzeit wieder einsteigen. Andersrum ist’s schwieriger.

Apropos schwierig: Sie wirken nicht gerade wie jemand, der im Rampenlicht stehen muss. Täuscht das?

Jarawan: Mich hat es nicht auf die Bühne gezogen, zum ­allerersten Auftritt haben mich Freunde überredet. Aber mittlerweile habe ich es lieben gelernt. Ich bin souveräner geworden, versuche, mich auf der Bühne nicht zu verbiegen und will mit meiner Sprache überzeugen. Aber Poetry Slam ist ja auch deshalb so faszinierend, weil es so vielseitig ist.

Können Sie sich an Ihre allererste Lesung erinnern?

Jarawan: Ja. Und das war sehr irritierend. Beim ersten Lacher aus dem Publikum kam ich aus dem Text raus. Damals habe ich noch vom Blatt gelesen, mittlerweile mache ich das nicht mehr. Zumindest bei Gedichten. Falls ich eine Geschichte erzähle, habe ich die Blätter vor mir. Das gehört irgendwie auch dazu, finde ich.

Hier sehen Sie auf youtube den Vortrag, mit dem Pierre Jarawan auf dem 4. Poetry Slam in Deggendorf den 1. Platz erzielt hat.

Interview: Matthias Bieber

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