Pinakothek kämpft - Ist das Nazi-Beutekunst?

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Der Zankapfel: Pablo Picassos „Madame Soler“ von 1903 (Öl auf Leinwand, 100 x 69 cm). Es hängt im Saal 9B in der Pinakothek der Moderne. Die Erbengemeinschaft Mendelssohn-Bartholdy will das Gemälde

München - Wieder Wirbel in die Pinakothek der Moderne: Zu den Rissen in der Wand könnte jetzt noch eine Lücke im Bestand kommen … Ist dieses Bild wirklich Nazi-Beutekunst?

Erben des jüdischen Kunstsammlers Paul von Mendelssohn-Bar­thol­dy (1892 – 1935, ein Neffe des Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy) fordern die Rückgabe von Picassos Madame Soler, das seit 1964 den Bayerischen Staatsgemälde­sammlungen gehört. Grund: Es handle sich um Nazi-Beutekunst. Das Gemälde sei von Mendelssohn-Bar­thol­dy 1935 „verfolgungsbedingt“ verkauft worden, so der Sprecher der Erbengemeinschaft, Julian Schoeps.

Der Freistaat und die Staatsge­mälde­sammlungen sehen das anders. Kunstminister Wolfgang Heubisch (FDP): „Die Entscheidung der Staatsgemäldesammlungen (das Gemälde nicht zurückzugeben, d. Red.) erscheint auf Basis der vorliegenden Dokumente nachvollziehbar und plausibel.“

Der Minister bezieht sich auf Recherchen der Staatsgemälde­sammlungen – eine umfassende Stellungnahme liegt der tz vor. Hier die wichtigsten Argumente gegen die Erbenansprüche:

Paul von Mendelssohn-Bartholdy hat bereits 1927 seiner Gattin Elsa von Lavergne-Peguilhen (1889 – 1986) zur Hochzeit seinen Kunstbesitz ohne Einschränkung zur freien Verfügung gestellt – also sechs Jahre vor der Machtergreifung der Nazis. So verfuhr er übrigens schon bei seiner ersten Gattin Charlotte 1910.

Am 11. Mai 1935 starb Mendelssohn-Bartholdy an den Folgen einer Herzerkrankung. Als das Bild am 31.8.1935 von der Galerie Thannhauser gekauft wurde, wird das Gesamtvermögen der Erbin auf 1,7 Millionen Reichsmark beziffert – laut Testament.

Die Schwestern des Verstorbenen erkannten die Übertragung des Kunstbesitzes an die Witwe Elsa an.

Thannhauser konnte höchstwahrscheinlich das Bild, das in seiner Privatwohnung in Paris hing, vor den Nazis retten und nach New York bringen.

„Zu keinem Zeitpunkt vor 2009 haben die Erben nach Mendelssohn-Bartholdy Anspruch auf das Bild erhoben“, so die Staatsgemäldesammlungen. Sie verweisen auf andere Museen, die ebenfalls mit Ansprüchen der Erben zu kämpfen hatten: das MoMa und das Guggenheim Museum in New York. Die schlossen Vergleiche mit den Erben ab, „um weitere Gerichtskosten zu vermeiden“. Hier widerspricht Erbenanwalt Schoeps: „Nein – sondern weil das Gericht uns recht gegeben hat.“

Hintergrund: Die Washingtoner Erklärung (1998) verpflichtet die Unterzeichner (auch Deutschland), ohne langjährige, kostenintensive Gerichtsverhandlungen Nazi-Raubkunst zu identifizieren und zurückzugeben. Darauf berufen sich die Erben. Die Staatsgemäldesammlung verweist darauf, dass sie bis heute acht Werke aus einst jüdischen Sammlungen zurückgegeben haben. Aber hier will man kämpfen.

Zoff auch um Klee-Bild: Stadt will’s nicht rausgeben

Am 31. Mai berichtete die tz von einem ähnlichen Streitfall. Die Erben eines Bildes von Paul Klee (Sumpflandschaft, siehe links, Lenbachhaus) fordern von der Stadt München die Rückgabe.

Die Stadt erwarb das expressionistische Meisterwerk von 1919 im Jahr 1982 – nachdem wegen der unsicheren Rechtslage ein anderes Museum den Erwerb zuvor abgelehnt hatte. Die Klee-Erben berufen sich auf die Washingtoner Erklärung von 1998, wonach in der NS-Zeit verfolgte Eigentümer ihren Besitz ohne lange Prozesse zurückerhalten sollen

M. Bieber

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