Piraten wollen das Rathaus entern

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Piraten (v. l.): Arnold Schiller, Veit Tameisk, Holger van Lengerich, Bertram Reiter und Heinz Arndt

München - Die Piratenpartei bläst zum Angriff auf das Münchner Rathaus und hat sich einen eigenen OB-Kandidaten zum Ziel gesetzt. Die tz schaute bei der neuen politischen Bewegung vorbei, die einen Mitgliederboom erlebt.

Bei Umfragen für den Bundestag und für den bayerischen Landtag liegen sie bei 6 %, bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus kamen sie auf 8,9 %. Jetzt blasen die Piraten zum Angriff auf das Münchner Rathaus! Die tz schaute bei der neuen politischen Bewegung vorbei, die einen Mitgliederboom erlebt.

Ein Hinterzimmer im Gasthaus Pschorr-Krug in Sendling. Hier fand am Freitagabend der Stammtisch der Münchner Piraten statt. Als Erster klappt der Telekom-Dienstleister Holger van Lengerich (39) das Notebook auf. Er ist der Chef der Münchner Piraten, die es innerhalb von zwei Jahren schon auf 800 Mitglieder gebracht haben. Was ihn bewegt hat, Pirat zu werden? „Das Eintreten gegen den Abbau der Bürgerrechte und des Datenschutzes, gegen die Studiengebühren und für ein verbraucherfreundliches Urheberrecht“ waren Wünsche, die die etablierten Parteien nicht so erfüllten, wie van Lengerich es wollte. Die CSU war ihm wegen ihrer Trojaner und ihrer Sicherheitspolitik unheimlich, die FDP fällt ihm nicht mehr als Bürgerrechtspartei auf, an der SPD stören ihn die Entscheidungsprozesse: „Da sind die Arbeitsgruppen gegen die Vorratsdatenspeicherung, der Parteivorstand macht dann das Gegenteil.“

Aber auch die Grünen sind den Piraten zu etabliert geworden: „Sie haben sich Joschka-Fischisiert“, so Journalist Aleks Lessmann (44), der selbst der Öko-Partei angehört hatte und jetzt der politische Geschäftsführer der bayerischen Piraten ist. „Sie kleben auf ihren Sesseln und schlucken dafür jede Kröte.“ Mit dem Ex-Juso und Bundeswehrler Bertram Reiter (22) und dem Ex-FDPler und Kaufmann Arnold Schiller (46) sind zwei weitere Herren beim Stammtisch, die ihren Parteien den Rücken gekehrt haben.

Der Frust mit den anderen Parteien und der Wunsch, etwas zu bewirken, treibt den Piraten immer neue Sympathisanten zu. So nehmen am Freitag die Münchner Natalie (31) und Hans (33) erstmals am Piraten-Stammtisch teil. Hans nervt, dass es bei Greenpeace, Amnesty International oder der ÖDP „nur Alt-68er gibt, die sich über Tschernobyl unterhalten“. Natalie sagt: „Ich würde gerne aktiv werden, um mein Umfeld beeinflussen zu können, etwa beim Flughafen oder beim MVV.“

Damit liegt sie bei den Piraten wohl richtig: „Wir wollen bei der Kommunalwahl antreten und einen OB-Kandidaten aufstellen“, so Piraten-Kapitän van Lengerich. Das Programm ist noch vage, aber ein paar Eckpunkte gibt es schon: „Wir wollen keine dritte Startbahn, aber mehr Transparenz bei allen Entscheidungen wie bei Personal oder Gebühren und einen Bürgerhaushalt, bei dem alle mitbestimmen, wo das Geld ausgegeben wird.“ Van Lengerich weiß: Das ist noch nicht viel. „Wir haben ein Raumproblem, werden aber hoffentlich bald eine Geschäftsstelle haben, um dort am Programm zu arbeiten.“ Möglich macht das auch die Spende von Kommunen-Urgestein Rainer Langhans, der die Hälfte seines Dschungelcamp-Honorars den Münchner Piraten spendete.

J. Welte

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So groß sind Münchens Parteien

Partei Anzahl der Mitglieder
CSU 6800
SPD 5300
Grüne 1200
FDP 1050
Piratenpartei 800
Linke 420

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