Die Polizei ist alarmiert: Immer weniger Notrufe

München - Fast täglich werden Münchner Zeugen von Straftaten, beobachten verdächtige Menschen oder Situationen. Oftmals aber unterbleibt die einzig richtige Reaktion. Jetzt schlägt die Polizei Alarm.

Es war um kurz nach zehn. Sigrid R. war gerade aufgewacht, da klingelte das Telefon. „Guten Morgen, Sigrid“, sagte die Stimme. „Wer ist denn da?“, fragte die Münchnerin. „Rate mal. Okay, ich helf dir. Dein Neffe.“ Sigrid R., noch verschlafen, tippte auf Jochen. „Aber ich erkenn deine Stimme nicht.“ Er sei erkältet, sagte „Jochen.“ Er bräuchte 10.000 Euro. Für einen Wohnungskauf. Ganz schnell. Sigrid R. legte auf. „Das war ein Betrüger.“ Sie alarmiert die Polizei. Stunden später ärgert sie sich. „Ich hätte zum Schein darauf eingehen sollen – und gleichzeitig die Polizei rufen sollen.“

Robert Kopp, Münchens Polizei-Vizepräsident, nickt. „Wir sind auf die Mithilfe von Bürgern angewiesen, damit wir solche Betrüger ermitteln können.“ Fast täglich werden Münchner Zeugen von Straftaten, beobachten verdächtige Menschen oder Situationen. Oftmals aber unterbleibt die einzig richtige Reaktion. „Den Polizei-Notruf 110 zu wählen“, sagt Robert Kopp.

Genau 558.592 Notrufe erreichten im vergangenen Jahr die Einsatzzentrale im Münchner Polizeipräsidium – ein Minus von 1,1 Prozent oder rund 6400 Anrufen. Robert Kopp warnt deshalb vor einer Wegschau-Mentalität.

Täglich erreichen die Einsatzzentrale rund 1500 Notrufe – mehr als 60 pro Stunde. Im Minutentakt klingelt’s z. B. bei Polizeihauptmeister Christian Scheller. Seit zehn Jahren nimmt er Notrufe entgegen. „Trotzdem ist jeder Anruf eine Herausforderung. Man weiß nie, was kommt.“

Bei ernsten Notfällen steigt bei den Beamten der Notrufzentrale die Anspannung. Dann heißt es, in Bruchteilen von Sekunden richtig zu entscheiden. Während Scheller mit dem Anrufer spricht, fliegen seine Finger über die Tastatur seines Computers, um eine Art Bericht zu schreiben.

Der Einsatzbericht landet fast zeitgleich ein paar Meter weiter bei Albert Thalbauer (44) auf dem Bildschirm. Der Münchner ist so genannter Funksprecher. Sofort funkt er den Einsatz an seine Kollegen im Streifenwagen weiter. „Man muss ständig mitdenken“, sagt der Beamte. „Man weiß nie, was einen erwartet.“

Die Beamten in der Notrufzentrale arbeiten im Schichtdienst, um rund um die Uhr erreichbar zu sein. Polizeisprecher Wolfgang Wenger: „Die Beamten sind alle Profis. Sie waren mindestens zwei Jahre lang auf Streife. Sie kennen sich auf der Straße aus.“

Jacob Mell

Daten und Fakten zur Polizei-Einsatzzentrale in München

  • 2009 gingen bei der Einsatzzentrale genau 558 592 Notrufe ein. Täglich erreichten im Schnitt also 1530 oder stündlich 64 Notrufe die Einsatzzentrale.
  • Aus der Gesamtheit aller Notrufe gingen 264 432 Einsätze hervor. Durchschnittlich bewältigte die Münchner Polizei monatlich rund 22 000 Einsätze.
  • Die traditionell meisten Einsätze finden an den Oktoberfest-Wochenenden statt. So gab es am 3. Oktober vergangenen Jahres knapp 1500 Einsätze – die höchste Zahl seit Bestehen der Einsatz-Zentrale. An diesem Tag wurde etwa 3000 Mal die Notrufnummer 110 gewählt, im Durchschnitt alle 29 Sekunden!
  • Einsatzstärkste Zeit: unter der Woche zwischen 17 und 19 Uhr, einsatzärmste Zeit: zwischen 2 und 7 Uhr.
  • Am Wochenende ist das Bild ein anderes. In den frühen Morgenstunden des Samstags und Sonntags fahren die Münchner Polizisten die meisten Einsätze.

Rubriklistenbild: © dpa

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