Polizeipräsident Andrä im tz-Interview

"Ich will hören, wo der Schuh drückt"

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Der neue Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä (57) in seinem historischen Arbeitszimmer

München - Seit 100 Tagen ist Hubertus Andrä als Münchner Polizeipräsident im Amt. Im tz-Interview spricht er über die Zukunft, über Privates und über seinen Wunsch nach Olympia 2022.

Hubertus Andrä im Gespräch mit den tz-Reportern Dorita Plange und Sebastian Arbinger

Er hasst den Satz: „Das haben wir immer schon so gemacht“. Er weiß, dass Wertschätzung, Lob und Anerkennung bei Mitarbeitern mehr bewirken als Kritik. Er glüht für Olympia 2022. Und er spricht ohne Scheu über den Tod des Vaters, die Liebe zur Familie und persönliche Sorgen. 100 Tage nach seinem Amtsantritt traf die tz Münchens neuen Polizeipräsidenten Hubertus Andrä (57), seit Juli Chef des größten bayerischen Präsidiums mit rund 7000 Mitarbeitern.

Herr Andrä, am Tag, als Sie der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, erschoss ein Münchner Polizist in Planegg die Mutter seines Kindes und sich selbst. War der erste zugleich Ihr schwerster Tag?

Andrä: Es war ein bewegender Tag. Vor allem das Schicksal des Kindes, das in wenigen Augenblicken zur Vollwaise wurde, hat mich als Vater sehr berührt.

Welche dringlichen Themen stehen bevor?

Andrä: Im Bereich Rechtsextremismus haben wir uns besonders intensiv ausgetauscht, welche Möglichkeiten es gibt, den Druck zu erhöhen und die Situation noch besser in den Griff zu bekommen. Bei der Bekämpfung der Cyber-Kriminalität befinden wir uns mit einer neuen Dienststelle in der praktischen Umsetzung. Es geht gut voran.

Zur Zeit häufen sich die Tötungsdelikte. Muss die Kripo zumindest für wenige Wochen personell aufgestockt werden?

Andrä: Wir haben in München eine sehr starke Kripo, die sich untereinander unterstützen kann. Da ist Spezialwissen erforderlich. Da macht es keinen Sinn, einen Gendarmen hinzusetzen, der sich mit der Thematik noch gar nicht befasst hat. Hier zählt Qualität statt Quantität.

Sie hatten sich für einen Feiermeilen-Rundgang angekündigt, der wieder abgesagt wurde. Warum?

Andrä: Das lag an der schlechten Wetterprognose. Wir wollten incognito und zu Fuß die Umgebung um die Clubs anschauen. Im strömenden Regen wären wir da allein herumgelaufen. Das wird nachgeholt. Ich bin immer für den Blick ins Gelände, habe bereits viele Dienststellen und Inspektionen besucht. Ich will hören, wo der Schuh drückt.

Waren Sie auch in der Inspektion, in der Teresa Z. von einem Beamten geschlagen wurde?

Andrä: Die PI 21 in der Au habe ich im Rahmen des traditionellen Bürgerfestes besucht. Ich habe mir alles angeschaut.

Auch die Zelle?

Andrä: Auch die Zelle. Das gehört dazu, wenn man eine Dienststelle besucht.

Haben Sie lange überlegt, vor einem Millionen-Publikum bei SternTV zu dem Fall Stellung zu nehmen?

Andrä: Wir haben das im kleinen Kreis diskutiert und entschieden: Da gehe ich hin. Und das war absolut richtig. Es sollte zeigen, dass wir zu unseren Fehlern stehen und der öffentlichen Diskussion nicht aus dem Weg gehen. Es soll aber auch deutlich machen, dass ich mich vor meine Beamten stelle, wenn sie ungerechtfertigt angegriffen werden sollten.

Hat die Münchner Polizei ein Image-Problem?

Andrä: Nein! Überhaupt nicht! Ich bekomme viele lobende, anerkennende Schreiben. Da wird echte Bürgerarbeit geleistet. Besonders beeindruckt hat mich die Einsatzgruppe auf der Wiesn, die zwei Straftäter festnahm und gleichzeitig einem verblutenden Mann das Leben gerettet hat. Da können Sie als Polizeipräsident ruhig schlafen.

Hat auch ein Polizeipräsident mal Angst?

Andrä: Ja, klar. Angst, dass man die Gesundheit verliert. Dass der Familie was passiert oder einem Kollegen. Damit ist man jeden Tag konfrontiert.

Warum sind Sie Polizist geworden?

Andrä: Mein Vater war Grenzpolizist. Ich bin mit der Polizei aufgewachsen. Erster Stock: Wohnung Familie Andrä. Erdgeschoss: Dienststelle vom Vater im Bereich Garmisch-Partenkirchen am Grenzübergang Griesen. Ich wollte eigentlich Lehrer werden. Dann aber sind wir verunglückt. Ein Verkehrsunfall, mein Vater starb. Wir waren drei Kinder und die Witwe. Da habe ich beschlossen, dass ich arbeiten möchte. Ich habe mich für die Polizei entschieden und es nie bereut.

Sind Ihre Söhne dem Vorbild des Vaters gefolgt?

Andrä: Mein Großer hat Jura studiert und ist Staatsanwalt. Mein kleiner Sohn hat Sport-Wissenschaften studiert und ist Geschäftsführer eines großen Fitnessstudios in Kolbermoor.

Was macht ein Polizeipräsident abends daheim?

Andrä: Lesen, fernsehen, vielleicht einen Abendspaziergang. Daheim gehört die Zeit der Familie. Meine Frau und ich genießen die Zweisamkeit. Wir gehen gern wandern, radeln und arbeiten im Garten. Im Winter gehe ich gern skifahrenund ein bisserl langlaufen.

Was lesen Sie gerade?

Andrä: Einen Kluftinger-Krimi (lacht). Es gibt auch Krimis, die in Garmisch spielen. Mord auf der Kandahar zum Beispiel.

Haben Sie einen Traum?

Andrä: Ja, habe ich. Wenn ich mal im Ruhestand bin, möchte ich mir ein schönes Wohnmobil kaufen. Damit fahren wir dann in die Toskana. Ich hätte gern ein Wohnmobil, das drei Achsen hat. Meine Frau sagt aber, zwei reichen (lacht laut).

Was ärgert Sie?

Andrä: Ich kann es gar nicht leiden, wenn gesagt wird „Das haben wir schon immer so gemacht“. Das ist ein No-Go. Die Polizei muss auf neue Herausforderungen flexibel reagieren. Wir müssen auch Schwerpunkte setzen wie jetzt bei der Einbruchskriminalität. Es genügt nicht, jeden Tag neue Einbrüche aufzunehmen. Da werden wir intensiv Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

Haben Sie noch was auf dem Herzen?

Andrä: Ja! Ich wünsche mir, dass wir Olympia 2022 bekommen. Ich bin ein Riesen-Fan vom schönen Wintersport, zum Beispiel Biathlon. Ich war ja mal zuständig für den Bereich Ruhpolding, Inzell und die Bob- und Rodelbahn am Königssee. Im Rahmen der letzten Bewerbung hatte ich schon das Sicherheitskonzept präsentiert. Leider hat’s 2018 nicht geklappt. Aber 2022 – das wär das absolute Highlight. Ich hoffe, dass viele am 10. November bei der Bürgerbefragung mit „Ja“ stimmen. Dann hätte ich alles abgedeckt: WM, EM. Papstbesuche, Champions League und Olympia.

Dorita Plange, Sebastian Arbinger

Olympia skurril

Olympia skurril

Eine steile Karriere

Hubertus Andrä wurde am 8. März 1956 in Garmisch-Partenkirchen geboren. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Die Familie lebt in Trostberg im Chiemgau. Unter der Woche wohnt An­drä in Germering. 1975 trat er in den Polizeidienst ein. 1992 wurde er Vizechef der Polizeidirektion Traunstein, ab 2005 war er deren Leiter. 2008 übernahm ­Andrä das Sachgebiet „Einsatz der Polizei“ im Innenministerium. 2012 wurde er dort Leiter der Abteilung Verfassungsschutz. Im Juli wurde er zum Münchner ­Polizeipräsidenten berufen.

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