Pollen in der Stadt besonders aggressiv

München - Die Nase läuft, die Augen tränen, Kopfweh und Juckreiz kommen dazu: Für tausende Pollen-Allergiker beginnt jetzt wieder die Leidenszeit. Immer mehr Menschen erkranken an Heuschnupfen – und die aggressivsten Pollen schweben in der Stadtluft.

Die lang erwartete Frühlingssonne lockt nicht nur die Menschen aus den Häusern. Sie hat auch Pflanzen aufgeweckt. Hasel und Erle hatten Mitte Januar bereits erste Pollen fliegen lassen, dann aber bei durchwachsenem Wetter ihre Blüten wieder geschlossen. „Jetzt stehen sie in voller Blüte“, sagt Apothekerin Karen-Mareen Bereiter. Und schon begrüßt sie in der Karmeliten-Apotheke an der Schäfflerstraße Stammkunden: Allergiker, deren Immunsystem auf die eigentlich harmlosen Pollen mit einem Feuerwerk von Abwehrmaßnahmen reagiert und damit dem eigenen Körper schwer zusetzt.

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„Die meisten wissen genau, was ihnen hilft“, sagt Bereiter. Ein Teil der Betroffenen verlange nach Nasensprays und Augentropfen, die die allergische Reaktion unterdrücken und den Juckreiz lindern. Andere, so Bereiter, „schwören auf Tabletten“, sogenannte Antihistaminika, wieder andere versuchten es mit homöopatischen Präparaten.

Derlei Selbstmedikation findet sogar den ärztlichen Segen. „Man macht nichts falsch, wenn man in der Apotheke eine kleine Packung nicht müde machender Antihistaminika kauft und die einnimmt“, sagt Professorin Franziska Ruëff, Allergologin und Dermatologin an der städtischen Klinik Thalkirchner Straße. „Aber wenn die Beschwerden jedes Jahr wiederkommen, wenn sie gravierend sind, oder wenn auch noch Atemnot dazukommt, dann sollte man schleunigst zum Arzt gehen.“

Ruëff verweist auf Untersuchungen, wonach die Zahl der Heuschnupfen-Patienten wächst. Manche Fachleute glauben, jeder Dritte sei betroffen. „Nicht jeder ist wirklich schlimm krank“, sagt Ruëff. Etwa fünf Prozent der Betroffenen entwickle aber heftige Symptome: „Wir haben Patienten, die verbringen freiwillig schöne Sommertage in geschlossenen Räumen, weil sie so leiden. Das ist eine massive Einbuße an Lebensqualität. Es gibt auch Menschen, die haben Gelenkschmerzen und Fieber, als hätten sie eine Grippe.“

Die Münchner leiden zudem unter einem hausgemachten Problem: Stadt-Bäume, vor allem, wenn sie an vielbefahrenen Straßen stehen, produzieren Untersuchungen zufolge besonders aggressive Pollen. Ruëff: „Es scheint so zu sein, dass die Birke, die durch Luftschadstoffe geschädigt wird, zwar einen geringeren Pollengehalt hat, aber diese Pollen sind allergenreicher.“ Martin Hänsel vom Bund Naturschutz weiß von Untersuchungen, die eine veränderte Oberflächenstruktur der Pollen dafür verantwortlich machen.

Die aggressiven Pollen treffen auf besonders empfindliche Menschen: Ruëff zitiert eine Münchner Studie, wonach Kinder, die nahe an vielbefahrenen Straßen wohnen, ein erhöhtes Allergie-Risiko haben.

Die Pollenbelastung lässt sich senken: Haare waschen, bevor man ins Bett geht, Straßenkleidung nicht im Schlafzimmer ablegen, nachts oder vor Sonnenaufgang lüften. Im Internet finden sich zahllose Foren mit weiteren Ratschlägen und Mittelchen, die Linderung versprechen – rund um die Volkskrankheit ist ein florierender Markt entstanden. Für Umsatz ist gesorgt: Wenn es wie angekündigt am Montag regnet, sei den Patienten zwar noch eine Verschnaufpause gegönnt, sagt Apothekerin Bereiter. „Aber wenn es warm und trocken bleibt, dann kommt die Birke, und dann geht’s erst richtig los.“

Peter T. Schmidt und Nora Kleitz

Rubriklistenbild: © dpa

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