tz-Report: Experten beunruhigt

Porno-Alarm! So gefährdet sind unsere Kinder

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Immer mehr Jugendliche unter 13 Jahren schauen sich Sex-Filme an - wie in dieser Bildmontage.

München - Die Generation Porno ist in aller Munde. Und tatsächlich schlagen die Experten jetzt Alarm: Immer mehr Jugendliche schauen sich Sex-Filme an - mit gravierenden Folgen. Der große tz-Report:

Sex soll Spaß machen. Vielen Jugendlichen der heutigen so genannten Generation Porno aber vergeht der schon, bevor sie überhaupt ihr erstes Mal haben. Am vergangenen Freitag fand in der Katholischen -Stiftungsfachhochschule München der Fachtag „Pornofizierung - Liebe - Sexualität“ statt. Die verschiedenen Experten schlugen dabei Alarm: Immer mehr Jugendliche sehen sich Sex-Filme an!

Die tz hat auf der Tagung mit Experten gesprochen, wie sich der Konsum auf die Generation auswirkt. Außerdem haben uns die Sexberater vom Dr.-Sommer-Team und Pro Familia echte Fragen von Jugendlichen zur Verfügung gestellt- und die tz hat vier Münchner Jugendliche anonym befragt.

42 Prozent unter 13 schauen Sex-Filme

Generation Porno-Jugend: Was macht sie aus? Und wo liegen die Gefahren für die Jugendlichen? Die tz hat mit der Pädagogin Prof. Birgit Schaufler von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München gesprochen.

Was genau bedeutet der Begriff „Pornofizierung“?

Schaufler: Der Begriff provoziert. Gemeint ist die Tendenz, dass pornografische Stilelemente und sexualisierte Symbole in unsere Alltagskultur Einzug halten: in der Mode, der Sprache und der Musik – etwa in den Texten oder den Videos.

Macht Ihnen dieser Prozess Sorge?

Schaufler: Ja. Wenn Jugendliche sehr früh mit diesen Inhalten konfrontiert werden, hat das Auswirkungen auf ihre ganze Entwicklung. Nach einer repräsentativen Studie hatten 42 Prozent der elf- bis 13-Jährigen schon einmal Kontakt mit Pornografie. Mit 17 sind es dann um die 80 Prozent. Im Internet kommen Kinder und Jugendliche heute ungehindert, kostenfrei und ohne Beschränkung jederzeit an pornografisches Material.

Wann sehen die Jugendlichen die Pornos an?

Dr.-Sommer-Fragen früher und heute

Schaufler: Wenn sie alleine am Computer sitzen. Sie suchen gar nicht unbedingt danach. Forschungsergebnisse zeigen, dass Jugendliche erst mitetwa 13 Jahren beginnen, Pornos gezielt und in nennenswertem Umfang anzuschauen. Man hört von Lehrern, dass Schüler in den Pausen über Pornos reden. Auf dem Nachhauseweg und in der Freizeit werden dann die Handys zum Anschauen und zum Verschicken der Pornos genutzt. Eltern können das nicht mehr kontrollieren.

Mit welchem Alter wird die Nutzung stärker?

Schaufler: Bis zum Alter von 17 nimmt die Nutzung zu – meistens sehen sich Jugendliche die Clips übrigens alleine an. Sie holen sich dort Informationen, suchen aber auch die sexuelle Erregung. Zum Spaß werden Pornoclips manchmal gemeinsam angeschaut, meist in Jungs- oder Mädchengruppen, sehr selten in gemischten Gruppen oder als Paar. Mit etwa 17 ebbt der Pornokonsum ab. Dann wird die gelebte Paarsexualität interessanter. Einige wenige bleiben allerdings dabei und steigern ihren Konsum.

Eine krankhafte Entwicklung?

Schaufler: Auf jeden Fall eine problematische. Das kann in Richtung Sexsucht oder Internetsucht gehen. Die Jugendlichen können in diesem Fall mit der persönlichen Nähe, die mit Liebe und partnerschaftlicher Sexualität verbunden ist, gar nicht mehr umgehen. Internetsex ist für sie problemloser. Er ist immer verfügbar, benötigt keine Kommunikation und kommt zustande, ohne dass man sich auf eine andere Person einlassen müsste.

Welche Konsequenzen hat der Porno-Konsum für Jugendliche?

Unser erstes Mal - Münchner Jugendliche erzählen

Schaufler: Solange Jugendliche in einem intakten Umfeld mit tragfähigen Beziehungen aufwachsen, scheinen sie ganz gut mit dem Medienangebot umgehen zu können. Die Jugendlichen tauschen sich heute vermehrt über Sexualität aus. Das eben kann aber auch verunsichern – nämlich dann, wenn sie meinen, den Bildern, die sie gesehen haben, entsprechen zu müssen. Mit den Pornos steigen auch die Erwartungen. Der Leistungsdruck steigt.

Das sind die großen Gefahren

Pornokonsum verändert die Sexualität von Jugendlichen. Die Experten haben auf der Tagung am Freitag über die größten Probleme und Gefahren gesprochen.

Körperlichkeit: In Pornos dominieren perfekte Körper, künstliche Brüste und überdimensionierte Geschlechtsteile. Jugendliche messen sich daran – machen Diät, exzessives Training oder eine Intimrasur. Laut einer Studie würde jedes vierte Mädchen zwischen elf und 17 Jahren eine kostenlose Schönheits-OP durchführen lassen.

Normierung: Pornos suggerieren: „So macht man Sex!“ Jugendliche ohne reale Erfahrung entwickeln Bilder von dem angeblich normalen Sex – außergewöhnliche Praktiken, Stellungen eingeschlossen. Sie trauen ihrem eigenen Empfinden nicht mehr. Die Freude am gemeinsamen Ausprobieren kann auf der Strecke bleiben.

Isolierung: Durch das grenzenlose Angebot ist die Art der erotischen Reize wählbar, die Erregung individuell steuerbar. Diese Erfahrung kann beim Paarsex zu Enttäuschungen führen, wo die Bedürfnisse des anderen nicht weggezappt und durch neue Impulse ausgetauscht werden können. Es gibt Fälle, in denen pornogewöhnte Männer beim Paarsex keine Erregung mehr erleben.

Rollenbilder: Pornografie arbeitet mit starren Rollenbildern. Männer werden in der Mehrzahl der Pornoclips als die Dominanten dargestellt. Frauen nehmen meist passive Positionen ein, häufig werden sie abgewertet und erniedrigt.

Andreas Thieme 

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