Er hatte Strauß und Mosi auf dem Tisch

Alfred Riepertinger: Mein Leben mit den Toten

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Sein Job ist nichts für schwache Nerven: Leichenpräparator Alfred Riepertinger im Sektionssaal

München - Der Münchner Alfred Riepertinger ist einer der besten medizinischen Präparatoren. Bei ihm lagen schon Strauß, Mosi und Roy Black auf dem Tisch. Sein Leben mit den Toten:

Alfred Riepertinger hat eine Weltkarte an der Bürotür im Schwabinger Klinikum aufgehängt und sie mit genau 251 Stecknadeln versehen. Bei ihm zeigen sie aber nicht etwa abgearbeitete Urlaubsziele an, sondern Gräber. Dort sind die Leichen bestattet, die Riepertinger und sein Kollege einbalsamiert haben für ihre Reise in alle Welt.

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Riepertinger ist medizinischer Präparator, einer der besten seines Faches, und er hat ein Buch geschrieben über seine fast 40 Jahre Umgang mit den Leichen. Es trägt den Titel „Mein Leben mit den Toten“.

Bei ihm lagen auch schon viele Prominente auf dem Tisch – darunter Franz Josef Strauß, Rudolph Moshammer und Roy Black. Nie vergessen wird Riepertinger, wie das CSU-Urgestein nach dessen Tod unter Polizeischutz für den Staatsakt einbalsamierte. „Da liegt dann einer der mächtigsten Politiker der Bundesrepublik Deutschland vor einem und man nimmt bewusst wahr, dass im Tod alle Menschen gleich sind. Da gibt es keine Macht, keinen Reichtum, keine Titel mehr.“ Schlagerstar Roy Black war die „die sonnengebräunteste Leiche, die ich je vor mir hatte“.

Dort, wo andere sich schon beim Anblick von Sektionstischen, Kitteln, Sägen und Särgen gruseln, hat er seinen Traumberuf gefunden – „das ist sicher eine subjektive Aussage“, sagt Riepertinger. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Präparatoren ist Riepertinger einer von rund 1000 medizinischen Präparatoren in Deutschland.

Und als solcher sorgt er vor allem dafür, dass Angehörige sich angemessen verabschieden können. Es sei unglaublich wichtig für die Angehörigen, einen geliebten Menschen wirklich verabschieden zu können. „Wenn das nicht geht und sie nur vor einem verschlossenen Sarg stehen, dann kommen die Fragen.“ Riepertinger und seine Kollege wollen selbst für die schwierigsten Fälle die Kosten in Grenzen halten. Sie übersteigen 250 Euro nicht.

Einige Leute nennen ihn einen „Schönheitschirurgen für Verstorbene“. Mit der Bezeichnung ist er aber nur bedingt zufrieden. Denn mit dem, was er „Amerikanisierung des Leichenschminkens“ nennt, kann er nichts anfangen. „Die Amerikaner klatschen denen pfundweise Schminke ins Gesicht, übertünchen alles und damit arbeiten sie kontraproduktiv“, sagt er. „Wenn keine Verletzungen mehr zu sehen sind, verstehen die Angehörigen gar nicht, warum er tot ist.“ Kleine Narben und Blutergüsse lasse er darum ganz bewusst sichtbar.

In seinem Buch erzählt er von einer Mutter, die den Gedanken nicht ertragen konnte, dass ihr Sohn mit zerschossenem Kopf beerdigt wird. Der 15-Jährige hatte sich nach einer Standpauke wegen einer gefälschten Unterschrift zur Vertuschung einer schlechten Note mit einer Schrotflinte in den Kopf geschossen. Dann machte Riepertinger seine Arbeit – und sie konnte sich von ihrem Buben verabschieden.

Was er bei der Arbeit alles zu sehen bekommt, ist nichts für schwache Nerven. Riepertinger hat sich dafür Schutzmechanismen aneignen müssen. „Wenn ich arbeite, dann sehe ich nur meine Arbeit“, sagt er. Seit sein Enkel auf der Welt sei, sei er aber bei kleinen Kindern sensibler geworden. Das sei aber gut. Er habe seit mehr als 40 Jahren mit Toten zu tun, „und in solchen Momenten kann ich dann sagen: Es funktioniert noch alles. Wenn jemand sagt, es ist mir wurscht, dann stimmt da etwas nicht.“

dpa

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