Premiere: "Liebe zu den drei Orangen"

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"Liebe zu den drei Orangen" feierte Premiere

München - Besser kann’s nicht sein: Ein intelligentes Stück, genau verstanden von einem handwerklich versierten, geistreichen Regisseur und von ihm, zusammen mit seinem choreografischen Kompagnon, in spritzige Bewegung versetzt.

Auf der Bühne ein Ensemble und ein Chor, die sich – man muss das nur fordern – für einen solchen Abend die Seele aus dem Leib spielen.

Das alles geschieht in Prokofjews Liebe zu den drei Orangen, die am Freitag im Gärtnerplatztheater eine rauschende Premiere hatte.

Das Regieteam ist bestens renommiert: Immo Karaman und Fabian Posca hatten am Gärtnerplatz schon für den fabelhaften Brittenschen Death in Venise gezeichnet. Jetzt stifteten sie Timo Dentler und Okarina Peter zu einer Bühnen-Optik in der Ästhetik der Zwanziger Jahre an (das Stück entstand 1921 und wurde in Chicago uraufgeführt). Die Groteske von Otto Dix schlägt durch. Brillant und sofort Szenenapplaus auslösend, wenn man den gesamten Chor, eng gepresst in einem abgewrackten Bühnenrahmen, als Gruppenbild sieht. Das knistert nur so vor Doppelbödigkeit und Ironie.

Denn es geht nicht allein um den melancholischen Prinzen, der nur durch Lachen geheilt werden kann, sondern auch um Theaterästhetik: Was für ein Theater wollen wir? Tragödie? Komödie? Rührstücke? Theater im Theater: Der Chor schreit seine Forderungen wild durcheinander – und knüpft damit an den alten Streit der Italiener Goldoni und Gozzi an (auf dessen Komödie geht Prokofjews Stück zurück), der sich in Prokofjews Russland ähnlich abgespielt hat. Es geht immer um die Frage, wie viel Realismus, gar Naturalismus auf dem Theater noch zeitgemäß ist, oder ob doch besser ein Theater der Brechung, der politischen Zuspitzung, der kühlen Stilisierung den Primat haben müsste.

Dass Prokofjew auf der Seite des letzteren steht, ist klar. Dass das aber nicht entkernt, entmenschlicht rüberkommt, dafür steht einer wie Karaman. Er entwickelt das Spiel ohne größere szenische Fisimatenten ganz aus den Schauspielern (wozu ausdrücklich auch der Chor gehört). Und er hat wunderbare, stimmlich und körperlich gelenkige Darsteller.

An der Spitze steht Cornel Frey als Truffaldino, ein Mann wie ein Klappmesser, ein Stenz im Nadelstreifen – wendig, beweglich, verschlagen. Tilman Ungers sanfter Prinz, der sein Lach-Stakkato effektvoll herausbringt, Gary Martin als gemeiner Intrigant, Kouta Räsänens Zauberer oder Holger Ohlmann als groteske Riesen-Köchin - alles genau definierte Typen. Dazu die vielen Prinzessinnen, von denen Sibylla Duffe als Ninetta schließlich ihren Prinzen kriegt, trotz der Hexe Fata Morgana, die Rita Kapfhammer mit schönen Mezzo-Tönen versieht. Wenn der Gast Stephan Klemm mit seiner vollen Sarastro-Stimme den König singt, fällt es direkt schwer, gegen die herrschende Klasse zu sein. Sein Bass – ein Labsal.

Am Pult steht Anthony Bramall, der schnell und sicher auf Prokofjews kurze Farb- und Instrumental-Umschwünge reagiert. Eine Musik – trocken wie Champagner.

Beate Kayser

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