Seine Fälle, Erfahrungen & Irrtümer

Profiler Alexander Horn: Im Gehirn des Mörders

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Er denkt sich in die Welt der Mörder hinein: Der Münchner Profiler Alexander Horn analysiert seine Fälle bis ins Detail.

München - Über seine Fälle, seine Erfahrungen und auch seine Irrtümer hat der Münchner Alexander Horn jetzt ein Buch geschrieben: "Die Logik der Tat – Erkenntnisse eines Profilers".

An seiner Pinnwand hängt seit Jahren ein Schopenhauer-Zitat: „Neue Ideen setzen sich in drei Stufen durch. Zunächst werden sie belächelt. Anschließend heftig bekämpft. Und schließlich als selbstverständlich angenommen.“ Symptomatisch für den Werdegang eines Mannes, der als junger Kriminaler im Münchner Dezernat für Gewaltdelikte vor 17 Jahren erstmals in Deutschland die Operative Fallanalyse (OFA) entwickelte. Mittlerweile sind der Erste Kriminalhauptkommissar Alexander Horn (41) und sein kleines Team international gefragte Fachleute, wenn es darum geht, Serien- und Sexualmördern das Handwerk zu legen. Ihre Forschungsergebnisse und Einschätzungen lieferten Mordermittlern in der ganzen Welt neue Ermittlungsansätze und Einblick in die Denkweise der Mörder. Über seine Fälle, seine Erfahrungen und auch seine Irrtümer hat Alexander Horn jetzt ein Buch geschrieben: „Die Logik der Tat – Erkenntnisse eines Profilers“ (Droemer, 256 Seiten, 17,99 Euro).

Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?

Alexander Horn: Ich wollte aufklären, was ein Fallanalytiker wirklich ist. Wir sind ein Teil in der Gesamtmaschinerie in einer Ermittlung. Nicht mehr und nicht weniger.

Man nennt Sie einen Profiler. Aber eigentlich mögen Sie diesen Begriff nicht. Warum? 

Alexander Horn: Es fasst unsere Tätigkeit viel zu eng. Die Fallanalyse ist so viel mehr als nur das Profil eines Täters. Ich werde einen Fall nicht klären können, wenn ich ihn nicht verstanden habe. Außerdem ist der Begriff Profiler zu sehr belegt aus fiktiven Filmen und Romanen. Davon wollen wir uns absetzen.

Wie haben Sie die zahlreichen Zweifler überzeugt? 

Alexander Horn: Überzeugen kann man nur durch Leistung. Ich war überzeugt davon, dass es funktioniert. Und bald kamen nach und nach die Fälle, bei denen die Kollegen gemerkt haben, das bringt was. Wir konnten ihnen ein klareres Bild vom Tatort vermitteln und dem Täter, den sie suchten. Sehr hilfreich war auch, dass wir von Anfang an eigene Forschungsarbeit über Täterstrukturen betrieben haben. Wir sehen die Fallanalyse in Deutschland als Team-Ansatz. Wir arbeiten mit Hypothesen, die Vielfalt und vor allem Prüfung brauchen. Das klappt im Team viel besser.

Welche Fälle haben Sie besonders beeindruckt?

Alexander Horn: Natürlich die Ermittlungen in der Mordserie der NSU (siehe unten). Nachhaltig beeinflusst hat meine Tätigkeit auch die Soko Dennis. Kinder, die mitten in der Nacht von einem „Schwarzen Mann“ missbraucht werden. In ihren Kinderzimmern! Dann laufen sie zu ihren Eltern und sagen: Da war gerade jemand, der hat mich angefasst. Und die Eltern sagen: Du hast nur schlecht geträumt. Schlaf weiter. 14 Jahre hat uns der Maskenmann (Anm. d. Red.; Dem Serienmörder Martin N. werden drei Morde und mehr als 40 Sexualdelikte zugeschrieben) beschäftigt.

Was fühlt man, wenn man dem Mörder dann in die Augen sieht?

Alexander Horn: Es ist eine Hochstress-Situation bis zum Geständnis. Dann ist da nur Leere. Und abends sickert es so langsam durch: Ab heute Nacht geht von dem keine Gefahr mehr aus.

Ihr größter Fehler?

Alexander Horn: Unsere Annahme, das die NSU-Mörder einen Ankerpunkt in Nürnberg gehabt haben müssen. Das war falsch. Analytisch gesehen haben wir starke Bezüge nach Nürnberg gesehen. Die Mordserie begann dort, ging nach einer Pause dort weiter. Doch die Mörder kamen nicht aus Nürnberg. Was wäre die Alternative gewesen? Einfach alles offen lassen? Bei so wenigen Ansätzen ist man leider noch mehr auf Hypothesen angewiesen.

Im Rahmen Ihrer Forschung führen Sie auch Gespräche mit verurteilten Sexualmördern. Was haben Sie gelernt?

Alexander Horn: Ein Verständnis für die Entstehung solcher Tatsituationen. Warum diese Frau und nicht die andere? Der Entschluss zur Tat. Die Beseitigung der Leiche. Das alles hilft uns beim nächsten Fall.

Warum scheitern Mörder oft an der Leichenbeseitigung?

Alexander Horn: Weil viele Täter das überhaupt nicht zu Ende denken. Sie folgen spontan ihren Phantasien. Der Part der Leichenbeseitigung ist aber funktional, nicht Teil ihres Vergnügens. Es war schlicht kein Plan dafür da.

In Ihrer Freizeit konzentrieren Sie sich bewusst auf die schönen Dinge des Lebens. Was sind die für Sie? 

Alexander Horn: Die Natur, die Kunst, die Museen. Der bewusste Ausgleich ist mir wichtig. Ich lese auch gern Biografien. Die sind sehr lehrreich.

An welchem Fall arbeiten Sie gerade?

Alexander Horn: An vielen. Ich spreche nur dann darüber, wenn sie Teil einer Medienstrategie sind.

Was macht Ihnen Angst?

Alexander Horn: Krankheit, Verlust. Ängste, die jeder hat. Ich bin nicht ängstlicher als andere Menschen. Man soll wachsam sein. Aber man muss Ängste in die richtige Perspektive bringen.

Was empfehlen Sie jungen Leuten, die den Berufswunsch Profiler haben?

Alexander Horn: Jede Woche bekomme ich zwei bis drei Anrufe von Psychologiestudentinnen, die Profiler werden wollen. Man muss zur Polizei gehen, die gehobene Laufbahn bei der Kripo einschlagen. Wir sind nur ein kleines Team von fünf Kollegen. Die Fluktuation ist sehr gering. Ich empfehle einen alternativen Berufswunsch.

Glauben Sie an das Gute?

Alexander Horn: Der Mensch zeigt das Gute jeden Tag. Das Böse aber auch. Häufig in derselben Person.

Das tz-Interview: Dorita Plange 

Fall 1: Der Mann ohne Gefühle

Im Kapitel „Der Mann ohne Gefühle“ wird der Fall des Frauenmörders Manfred I. aufgearbeitet. Ein Sadist ohne Empathie. In einer Oktobernacht des Jahres 1999 entführte er in Oberschleißheim die 18-Jährige Diana K.. Er quälte sie stundenlang in seiner Wohnung und schnitt ihr dann im Wald die Kehle durch. Bei der Betrachtung der Leiche fiel Alexander Horn auf, dass die Kleidung gewechselt und das Mädchen gewaschen worden war. Demnach musste es noch einen zweiten Tatort geben. Auch bei der Einschätzung des Täters – häufig in Konflikte geratend, erfolglos im Job, gewalttätig, alleinlebend – lag Horn richtig. Manfred I. sitzt in Straubing in Haft. Alexander Horn möchte ihn befragen: „Ich hoffe, er spricht mit mir.“

Fall 2: Das Monster in der Idylle

Der ungeklärte Doppelmord an dem holländischen Urlauberpaar Truus (61) und Harry (63) Langendonk im Juni 1997 nahe Traunstein ist ein Fall, der Alexander Horn auf der Seele liegt. „Diese Tat brach so aus dem Nichts in diese Postkartenidylle hinein.“ Das Rentnerpaar war beim Kaffeetrinken vorm Wohnwagen erschossen und später verbrannt worden. Ein Phantombild des Täters führte nicht zum Erfolg. Seitdem fragt sich Horn: „Woher kam diese Zerstörungswut? Da fehlt uns noch das Fallverständnis. Das sind jetzt die Sichtweisen unseres neuen Teams gefragt.“

Fall 3: Die Rolle der Polizei beim NSU

Alexander Horn war der erste, der im Jahr 2006 bei den Ermittlungen zur bundesweiten Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Kreisen ausländischer Kleinhändler auf mögliche Bezüge zur rechtsextremen Szene hinwies. Doch seine Hypothese wurde bald verworfen. Dennoch nimmt er in seinem Buch die Ermittler ausdrücklich in Schutz. Warum? „Es wurde gefragt: Ist denn die Polizei auf dem rechten Auge blind? Das sehe ich nicht so. Es ist nicht so, dass in diesem Bereich nicht ermittelt worden wäre. Es war eher der Mangel an Phantasie und die Ungeheuerlichkeit der Tatbegehung des NSU, die es so schwer gemacht hat. Auch für uns war das alles schwer vorstellbar. Doch analytisch gesehen war es die logischste Erklärung.“ Uwe Böhnhardt (Mitte) und Uwe Mundlos nahmen sich nach einem gescheiterten Raubüberfall selbst das Leben, Beate Zschäpe und mutmaßlichen Helfern des Trios wird seit über einem Jahr in München der Prozess gemacht.

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