Münchner Einsatzkräfte schlagen Alarm

Profit vor Pietät: Das miese Geschäft mit den Leichen

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München - Notfallseelsorger und Gründer des Kriseninterventionsteam, Andreas Müller-Cyran, greift in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk ein heikles Thema auf: Es geht um den würdelosen Umgang mit Polizeileichen.

Es ist eine Frage des Respekts. Doch was zählt schon der Respekt, wenn am Ende die Rechnung nicht stimmt. Oder? Der Münchner Notfallseelsorger und Gründer des Kriseninterventionsteam, Andreas Müller-Cyran, greift in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk ein heikles Thema auf: Es geht um den würdelosen Umgang mit Polizeileichen. Menschen also, deren Tod Gegenstand einer Polizeiermittlung ist nach Verbrechen, Unfällen oder Suiziden. Und es geht um das gnadenlose Preisdumping der Bestattungsinstitute, das auf dem Rücken der Hinterbliebenen ausgetragen wird.

Abgeholt werden diese Toten von Bestattungsunternehmen, deren Mitarbeiter unter massiven Zeitdruck stehen. Und dann passieren Fehler. Schlimme Fehler: Andreas Müller-Cyran erinnert sich an einem Fall, in dem sich ein Mann daheim in den Kopf geschossen hatte. Nachdem die Leiche abgeholt worden war, versuchten die Hinterbliebenen, das Zimmer zu säubern. „Dabei fanden sie kleinfingergroße Teile des Schädels. Das ist ein ziemlicher Belastungsfaktor.“ Diese Aufgabe hätte eigentlich der Bestatter übernehmen müssen. Und auch sonst gefällt Müller-Cyran das Auftreten der Bestatter in diesen Extremsituationen überhaupt nicht: „Es gibt Bestatter, die verstehen sich im Sinne einer Spedition. Sie holen einen Gegenstand ab und bringen ihn wohin. Ich hätte gern, dass ein Bestatter trotz aller Routine noch wahrnehmen kann, dass es sich hier um Menschen und keine Pakete handelt.“

Aus anderen Teilen Bayerns und der Republik gibt es nach BR-Angaben Berichte von Körperteilen, die nach Suiziden an Bahnstrecken einfach „vergessen“ wurden. Zuweilen wurden Leichenwannen benutzt, in denen noch das Blut des letzten Einsatzes klebte.

Andreas Müller-Cyran ärgert sich über den würdelosen Umgang mit Toten.

Der Vorsitzende des Bayerischen Bestatterverbandes, Ralf Michal, macht die Vergabepraxis der Polizeipräsidien dafür verantwortlich. Weniger als 50 Euro, teilweise sogar nur 25 Euro, pro Leichenbergung haben die Bestatter bei öffentlichen Ausschreibungen geboten. Realistisch sind eher 300 bis 400 Euro für zwei Mitarbeiter inklusive Anfahrt, sorgfältiger Einbettung und Überführung in die Rechtsmedizin. Doch mit diesen Preisen sind nach Ansicht des Dachauer Bestatters Toni Hanrieder noch nicht mal die Personalkosten gedeckt: „Also bleiben drei Möglichkeiten. Ich nehme beispielsweise einen Praktikanten, der nichts kostet. Oder ich lasse die Finger davon. Oder ich versuche, die Kosten bei den Angehörigen im Bestattungsauftrag draufzusatteln.“ Letzteres ist verboten, wenn das Unternehmen im Auftrag der Polizei fährt. Auch in München unterbot ein großes Unternehmen die Konkurrenz mit viel zu niedrigen Preisen und bekam den Auftrag. Der Geschäftsführer bestreitet, das menschliche Überreste an Unfallorten zurückbleiben. Er räumte aber ein, dass die Bergungen vor fünf Jahren als nicht kostendeckend eingestuft wurden und das neue Angebot deutlich erhöht wurde.

Dorita Plange

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