„Er war so freundlich“

Prozess gegen falsche Handwerker: Sie bringt den Dieb zum Weinen

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Roswitha P. (84) sagte gestern gegen den Dieb aus.

Trickbetrüger hatten die Dame auf eine fiese Tour beklaut. Nun musste sich der falsche Handwerker vor Gericht verantworten. Lange wollte der Angeklagte nichts mit dem Diebstahl zu tun haben. Dann gab es eine Wende.

München - Angst? „Nein, nein“, sagt Roswitha P. (84, Name geändert) und ihre Augen blitzen. Gefürchtet habe sie sich nicht. „Aber sauer bin ich. Auf diese jungen Männer.“ Denn am 29. Oktober 2015 fiel die Seniorin aus Ramersdorf zwei fiesen Trickbetrügern zum Opfer. Mutig sagte sie gestern am Amtsgericht gegen einen der Täter aus.

Erwin K. (33) hatte gegen 10.15 Uhr bei der betagten Dame in der Triester Straße geklingelt. „Er sagte, er ist Handwerker und kommt von der Stadt.“ Angeblich müsste ein Wasserschaden dringend repariert werden. „Er war so freundlich. Ich ließ ihn hinein und dachte mir nichts.“

Goldketten und Ringe geklaut

Doch das sollte sich als Fehler erweisen. Während Roswitha P. im Bad die Wasserhähne überprüfte, ließ der Trickbetrüger einen Komplizen ins Haus, der sich unbemerkt ins Schlafzimmer schleichen konnte. Dort durchwühlte er die Sachen der Seniorin und nahm ihren Schmuck mit – laut Anklage mehrere Goldketten und Ringe im Wert von 500 Euro.

„Ich bemerkte den Diebstahl erst, als der Mann wieder weg war“, sagt die Seniorin, die sofort die Polizei rief. Gut so: Noch am selben Tag wurden die Täter in Aschaffenburg bei einer Verkehrskontrolle geschnappt. Dorthin waren die insgesamt vier jungen Männer gefahren, um weitere Taten zu begehen. Nach Informationen unserer Zeitung gehören sie zu einem europaweit agierenden Familienclan, der von Polen aus operiert, um in ganz Deutschland gezielt Senioren abzuzocken. Auch Roswitha P. fiel auf ihre Masche rein.

Geständnis unter Tränen

Erwin K. vor Gericht.

„Dass ausgerechnet mir das passiert“, sagt sie seufzend. „Wenn es nicht so traurig wär, müsste ich glatt lachen.“ Erwin K. war nicht zum Lachen zumute: Monatelang hatte er die Vorwürfe bestritten – gestern legte er unter Tränen ein Geständnis ab. „Es tut mir so leid. Ich möchte mein Leben jetzt ändern“, beteuerte er. Dazu besucht er in der JVA Stadelheim einen Alphabetisierungs-Kurs. Denn die Schule hatte Erwin K. nie besucht, obwohl er in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Stattdessen kassierte er Sozialhilfe und brachte es auf insgesamt 14 Vorstrafen.

Eine Bewährungsstrafe kam für Richterin Külb deshalb nicht mehr infrage: Sie sprach Erwin K. des Diebstahls schuldig und schickte ihn für zehn Monate ins Gefängnis. In der Urteilsbegründung schimpfte sie: „Sie haben sich ganz gezielt eine gebrechliche Person ausgesucht und wollten an ihr möglichst viel Profit machen.“

Eine bittere Tatsache bleibt auch nach dem Urteil: Während Erwin K. wohl nur ein Handlanger war, gehört sein Komplize zum Clan des Enkeltrick-Erfinders Arkadius L. Seit Jahren kennt die Polizei deren Masche, doch nur selten sind die Trickbetrüger zu fassen.

So gehen die Betrüger vor 

Ihre Taten sind seit Jahren bekannt – doch selten kann die Polizei etwas gegen Trickbetrüger tun. Von Polen aus rufen sie mit verschlüsselten Rufnummer gezielt ältere Menschen an und geben sich als Angehörige aus. Am Telefon erschleichen sie sich das Vertrauen der Senioren, bitten um Geld, das sie oft von Kurieren abholen lassen – oder klingeln und geben sich als Handwerker aus, wie im beschriebenen Fall. Während Erwin K. ein Handlanger war, gehört sein Komplize zum Clan des Enkeltrick-Erfinders Arkadius L.

 

Andreas Thieme

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