Wegen Untreue

Prozess: Mauscheleien in der Staatsbibliothek

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Auf der Anklagebank: Christian S., früher höherer Beamter in der Staatsbibliothek, muss sich vor Gericht verantworten. 

Der ehemalige Chef der Bayerischen Staatsbibliothek muss sich vor Gericht verantworten. Für diverse Anschaffungen, die ihm den Vorwurf der Untreue einbringen, hat er allerdings Erklärungen. 

München - Das Verhalten des ehemaligen Leiters der Zentralabteilung in der Bayerischen Staatsbibliothek, Christian S. (70), trieb mitunter seltsame Blüten. So verkaufte er eigenmächtig ein Tusche-Bild einer chinesischen Künstlerin an die Bibliothek – den Preis setzte er einfach selbst fest. Ebenso kaufte er nach Gutdünken eine Digital-Kamera und ein teures Glasobjekt, das er in sein Büro stellte. Darüber hinaus soll er mehrere Mitarbeiter nicht bei der Sozialversicherung angemeldet und somit Sozialbeiträge von rund 107 000 Euro hinterzogen haben. Es läuft ein Disziplinarverfahren gegen ihn.

Dieses ist allerdings derzeit ausgesetzt. Denn erst einmal muss S. nun durch ein Strafverfahren. Am Dienstag stand er vor dem Amtsgericht München, wo ihm die Staatsanwaltschaft Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt, Unterschlagung und dreifache Untreue vorwarf. S. wies die Vorwürfe zurück. Seiner Ansicht nach hat er immer nur zum Wohle der Stabi gehandelt.

Das sieht der Staatsanwalt freilich anders. Christian S. habe „seine Befugnisse missbraucht“. So habe er von 2006 bis zu seiner Pensionierung Ende Juni 2011 zusätzliche Werkverträge mit Mitarbeitern abgeschlossen und diese nicht bei der Sozialversicherung angemeldet. Doch der ehemalige leitende Regierungsdirektor erkannte darin kein Fehlverhalten. „Wir mussten oft sehr rasch Hilfskräfte einsetzen“, erklärte er. So mussten Fachaufsätze innerhalb von 48 Stunden bereitgestellt werden, der Lesesaal bis Mitternacht geöffnet sein. Er habe sich extra bei der Universität erkundigt, wie es dort gehandhabt werde – und erfahren, dass die Studenten ja eh krankenversichert seien. Bei anderen Fällen hätte es sich um Werkverträge für Spezialisten der Stabi gehandelt, die bereits in Pension waren. Das sei mit der Stabi-Leitung so abgesprochen gewesen, sagte S.

Erklärungen hat der Angeklagte viele für die diversen Anschaffungen

Auch für die Digital-Kamera, die er 2007 für 349 Euro auf Staatskosten kaufte, hat er eine Erklärung. Man habe drei Millionen Bände digitalisieren wollen. Deshalb habe er beschlossen, selbst eine Kamera zu kaufen. „Die hätte ich mit Sicherheit nicht für mich behalten.“ Außerdem kaufte er ein Glasobjekt im Wert von 5400 Euro – angeblich für die Stabi-Ausstellung über tibetanische Totenbücher. Doch die Ausstellungsleiterin lehnte das Objekt ab. „Ich war ziemlich deprimiert und habe es in mein Büro gestellt.“ Bei seiner Pensionierung habe er es „aus Versehen“ mit heim genommen. Das sei ihm „furchtbar peinlich“ gewesen. Wegen eines Hausverbots in der Stabi habe er es dann in die Speicherbibliothek in Garching gestellt.

Neben dem Glasobjekt hing auch ein 3,5 mal 1,5 Meter großes Tusche-Bild, das ihm eine Künstlerin geschenkt hatte, in seinem Büro. „Es war mir zu groß für daheim“, sagte er. „Ich dachte, ich verkaufe das Bild an die Bibliothek.“ Weil er sich aber doch „blöd vorkam“ überwies er 2850 Euro an seine damalige Frau, die das Geld an ihn weiterleitete. „Das muss ja ein schickes Büro gewesen sein“, sagte der Staatsanwalt, „schickes Bild, schicke Skulptur“.

Das Gericht will zahlreiche Zeugen hören. Weil das vor den Ferien nicht mehr geht, fängt der Prozess im Herbst noch mal neu an. 

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