Prozess: Sanitäter weist Betrunkenen am Notruf ab

München - Der Rettungssanitäter Christian E. hat einen betrunkenen Anrufer am Notruf-Telefon abgewiesen. Wegen unterlassener Hilfeleistung bekam er einen Strafbefehl über 2500 Euro. Doch der Sanitäter legte Einspruch ein.

Der nächtliche Anrufer war erkennbar nicht nüchtern, als er für einen betrunkenen Spezl bei der Rettungsleitstelle der Feuerwehr einen Sanka anforderte. Disponent Christian E. (38) empfahl, den Berauschten in ein Taxi zu verfrachten – und bekam wegen unterlassener Hilfeleistung einen Strafbefehl über 2500 Euro. Obwohl er auch gesagt hatte: „Sie können wieder anrufen, wenn es nicht klappt."

Er habe den Eindruck gehabt, „dass es um einen Betrunkenen ging wie hundert Mal am Abend“, verteidigte sich Christian E. vor dem Amtsgericht, wo er Einspruch eingelegt hatte. Im übrigen habe er nicht gesagt, wir helfen nicht, sondern nur, „dass sie es erst mal selber versuchen sollen“. Trinken hätten sie schließlich auch können.

"Der Anrufer habe gezischt: „Super, ihr könnt mich am Arsch lecken“ und eingehängt. Der 17-Jährige kam auch ohne Rettungswagen im Perlacher Krankenhaus an. Mit einem Alkoholspiegel von 1,66 Promille nach einem feuchtfröhlichen Abend in der Forschungsbrauerei lag er neun Stunden auf der Intensivstation. Der Vater holte den Koma- Trinker ab und erstattete Anzeige. „Der kann kaum noch wach bleiben, er ist fast bewusstlos.“ Dieser Satz im Telefonprotokoll ließ die Staatsanwaltschaft einschreiten. „Sie haben nicht nachgefragt, was das heißt“, hielt die Anklage dem ausgebildeten Rettungssanitäter vor.

„Das war laienhaft in den Raum geschmissen“, konterte E. „Fast bewusstlos gibt es nicht.“ Ob es eine Dienstanweisung für solche Fälle gebe, wollte die Richterin wissen. „Gesprächsleitfäden wären in der Praxis nicht sinnvoll“, erwiderte der Verteidiger. „Der Disponent muss schnell entscheiden, er hat immer die Verantwortung für den nächsten Fall.“ Sprich: während der Mann in der Leitstelle einen Betrunkenen ausführlich befragt, kann ein Herzpatient an einem Infarkt sterben.

Bei der Rettungsleitstelle gehen an Spitzentagen bis zu 3500 Anrufe ein. „Wir müssen ausfiltern“, sagte ein Kollege als Zeuge. Die Disponenten seien Rettungssanitäter und permanent in Fortbildung. Das Urteil: Freispruch. „Aus den Akten hat sich nicht ergeben, wie’s da zugeht“, so die Richterin. „Ich möchte nicht, dass Sie sich durch den Strafbefehl verunsichert fühlen.“

sl

Rubriklistenbild: © dpa

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