Prozess: Der verzweifelte Kampf um Chiara und Sharon

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Die Särge der beiden ermordeten Geschwister Sharon (11) und Chiara (8).

München - Tag zwei im Prozess um den Doppelmord von Krailling. Die Aussagen von Notärzten und Rettern belegen, wie qualvoll die beiden Mädchen sterben mussten und wie aussichtslos ihr Kampf ums Überleben war.

Alles zum Kraillinger Mordprozess

Sie haben verzweifelt um das Leben von Chiara (8) und Sharon (11) gekämpft: Drei Notärzte und vier Rettungssanitäter waren am frühen Morgen des 24. März 2011 nach der scheußlichen Bluttat im Einsatz. Vor Gericht schilderten die Retter ihre vergeblichen Bemühungen. Und was machte der Angeklagte? Thomas S. grinste!

Schockiert: Sanitäter Thomas S.

Als zwei Polizisten nach dem Notruf der schockierten Mutter eintrafen, bot sich diesen ein Bild des Grauens: Sharon lag blutüberströmt in ihrem Zimmer, tiefe Stiche klafften in ihrerBrust. Chiara wurde in einer Blutlache auf dem Bett ihrer Mutter im Dachgeschoss aufgefunden. Bis die Retter eintrafen, versuchten die Beamten selbst eine Reanimation - vergeblich. Sanitäter Thomas S. war gegen 4.52 Uhr alarmiert worden. „Tötungsdelikt nach Ehestreit“, sei ihm gemeldet worden, sagte er im Zeugenstand. Als er eintraf, fand er die Mutter und deren Lebensgefährten weinend in der Wohnküche. Der Zeuge: „Beide haben nicht verstanden, was passiert ist. Für Sharon schien jede Hilfe aussichtslos. Wie alle Zeugen übereinstimmend berichteten, war bereits teilweise die Totenstarre eingetreten. Bei Chiara sahen die Retter indessen noch eine geringe Chance. „Solche Verletzungen habe ich noch nie gesehen“, sagte der Sanitäter Josef H. Er habe versucht, das Kind zu beatmen und hörte dabei ein seltsames Pfeifen: Die Luft entwich aus den Stichverletzungen in der Brust des achtjährigen Mädchens. Notarzt Dr. Wolfgang F. versuchte es mit einer Herzdruckmassage. Der Arzt: „Doch wir mussten die Bemühungen einstellen.“

Krailling: Zwei Bäume für Sharon und Chiara

Krailling: Zwei Bäume für Sharon und Chiara

Während dieser schrecklichen Schilderungen machte sich der Angeklagte emsig Notizen. Über sein Gesicht ging ein breites Grinsen! Alle Zeugen mussten sich am Richtertisch die unzähligen Fotos der schrecklich zugerichteten Opfer ansehen. Als Staatsanwalt Florian Gliwitzky ein Ordner mit diesen Bildern auf den Boden fiel, machte Thomas S. einen amüsierten Eindruck: Grinsend und kopfschüttelnd blickte er ins Publikum. Der Prozess wird am 30. Januar fortgesetzt. An diesem Tag muss die Mutter der Mädchen in den Zeugenstand. Ihre Anwältin Annette von Stetten hat den Ausschluss der Öffentlichkeit während der Vernehmung beantragt.

Auge in Auge mit dem Verbrechen: Hauptkommissar Wimmer führt die schweren Jungs in den Gerichtssaal

Hauptkommissar Helmut Wimmer (l.).

Dieser Mann ist Münchens meist fotografierter Polizist und ganz nah dran an den  schweren Jungs: Polizeihauptkommissar Helmut Wimmer (57) hat schon den Mosi-Mörder in den Gerichtssaal geführt, er hat sich in dem einjährigen Prozess um den vorgeblich schwerkranken NS-Verbrecher John Demjanjuk gekümmert. Jetzt führt er Thomas S.  (51), den mutmaßlichen Doppelmörder von Krailling vor. Es gibt Fotos, die beide bestens gelaunt nebeneinander zeigen. Scherzten Sie mit ihm, Herr Wimmer? „Nein, nein“, betont der Polizist, der Kontaktbeamter im Gebiet zwischen der Polizeiinspektion 42 (Neuhausen) und dem Strafjustizzentrum ist. Er will der tz zwar nicht verraten, was er mit Thomas S. gesprochen hat. Ihm komme es aber darauf an, die angespannte Atmosphäre etwas aufzulockern. Wenn ein Mensch zum ersten Mal zur Anklagebank in den Gerichtssaal geführt wird, wisse der gewöhnlich nicht, was ihn erwartet. „Für einen Angeklagten ist es eine ungewohnte Situation“, sagt Wimmer. Er versucht, ihn bestmöglich darauf vorzubereiten. Dazu gehöre auch eine Unterhaltung mit demjenigen, um ihn ein wenig abzulenken. Hat er bei seiner Arbeit keine Hassgefühle? Nein, als Polizeibeamter mache er seinen Job, betont er. Frei von  Emotionen. Und wie jemand verurteilt werde, sei allein Sache des Gerichts. Eberhard Unfried

Eberhard Unfried

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