Vier Tage vor Anschlag: Attentäter flog von Düsseldorf nach Manchester

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Kraillinger Doppelmord: Auftakt im Saal der Ohnmacht

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Thomas S. (51) lacht im Gericht. Er ist verdächtig, seine beiden Nichten ermordet zu haben. Doch er schweigt zu dem Drama, das sich in dem Haus in Krailling ereignet hat.

München - Der Prozess-Auftakt zum Kraillinger Kindermord - er geht als ein Tag der gnadenlosen Kälte in die Münchner Gerichtsgeschichte ein. Die tz dokumentiert zwölf gruselige Fakten zu der Bluttat.

Alles zum Kraillinger Mordprozess!

Schon draußen, in der langen Warteschlange vor dem Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße, gefror den Besuchern gestern morgen der Atem: Drinnen strahlt der nackte Beton des seelenlosen Zweckbaus von Haus aus Kälte aus. Doch was Verfahrensbeteiligte und Beobachter dann hinter den beiden Sicherheitsschleusen erwartete, ließ selbst viele hartgesottene unter ihnen in Ohnmacht erstarren: Die Details aus der Anklageschrift - so grausam, dass selbst erfahrene Gerichtsdiener ihre Gesichter in den Händen vergruben. Der Auftritt des Angeklagten - so aufwühlend, das Zuschauer vor Wut zischelten. Die Analyse des Gutachters - so bizarr, dass sich Zuschauer fragend anschauten. Prozesstag eins im Kindermord an den beiden Schwestern Chiara (8) und Sharon (11): Die tz dokumentiert zwölf gruselige Fakten zu einer Bluttat, die nur ein Mensch begangen haben kann, der keinen Funken Herzenswärme in sich trägt.

Das Martyrium der Mädchen: Experten der Spurensicherung haben den Tatort mit einer Spezialkamera minutiös gefilmt. Die 3-D-Bilder lassen erahnen, wie schlimm Chiara (8) und Sharon (11) gelitten haben müssen. An Dutzenden Stellen im gesamten Haus finden sich Spuren ihres verzweifelten Todeskampfs - „Blutantragungen“, wie die Fachleute sagen. Blut auf dem Boden, an verschiedenen Möbeln, im Bett der Mutter. An den Wänden haften Abdrücke ihrer kleinen Hände und Füße.

Die Todesangst der Opfer: Chiara muss mitanhören, wie sich ihre ältere Schwester Sharon gegen ihren Peininger wehrt. Mit aller Kraft stemmt sich das kleine Mädchen von innen gegen die Zimmertür, doch ihr viel stärkerer Widersacher schlägt brachial die Tür ein. Nach Sharon stirbt auch Chiara an diesem 24. März 2011 kurz nach Mitternacht einen qualvollen Tod.

Die Wehrlosigkeit der Opfer: Die Haustür war nicht verschlossen. Sharon und Chiara hatten sich in ihre Bettchen gekuschelt, warteten darauf, dass ihre Mama aus der nahen Musikkneipe Schabernack heimkommt. Sie hatten nicht einmal die Chance, wegzulaufen.

Die Mutter der Kinder arbeitete in der Kneipe „Schabernack“.

Das Verhalten des Tatverdächtigen: In der Verhandlung spricht er kaum ein Wort, auf die Fragen von Richter RalphAlt nickt er nur oder schüttelt den Kopf. Thomas S. (51) gibt im Saal der Ohnmacht den Coolen. Umringt von vier Polizeibeamten betritt er den Saal. Ausgewaschene Jeans, Sweatshirt. Breitbeinig steht er vor den Fotografen, die Arme trotzig verschränkt. Ein Bär von einem Mann, der die ungeteilte Aufmerksamkeit der Beobachter immer wieder mit einem Schmunzeln quittiert. Bei der Verlesung der Anklageschrift blättert er in einer roten Aktenmappe, verzieht manchmal ungläubig das Gesicht. So, als wolle er sagen: „Was soll der ganze Schmarrn?“ Die Bilder vom Tatort schaut er sich regungslos an, den Kopf aufgestützt wie ein gelangweilter Schüler. Seine Hände sprechen eine andere Sprache: Nervös nestelt Thomas S. mit den Fingern, er wirkt innerlich angespannt.

Die eiskalte Planung: Nicht nur Chiara und Sharon sollten sterben, sondern auch deren Mutter. Davon ist Staatsanwalt Florian Gliwitzky überzeugt. Denn der Täter hat alles vorbereitet, um die Frau nach ihrer Rückkehr von der Gaststätte ebenfalls zu töten. Der Täter, so Gliwitzky, wollte den Mord an den Mädchen und seiner Schwägerin als „erweiterten Suizid“ tarnen. Es sollte so aussehen, als habe die Mutter zunächst ihre Kinder getötet und dann in der Badewanne Selbstmord begangen.

Krailling: Zwei Bäume für Sharon und Chiara

Krailling: Zwei Bäume für Sharon und Chiara

Die Brutalität: Erst versucht der Täter, Chiara mit dem Seil zu erdrosseln. Als er merkt, dass ihr Schwester fliehen will, schlägt er mit der Hantelstange auf ihren Kopf. Sie kratzt ihm ins Gesicht. Der Killer zückt das Messer und sticht zu. Mindestens fünf Mal. Auch Chiara, die sich inzwischen in ihrem Kinderzimmer verbarrikadiert hat, nicht entkommen. Wieder greift der Täter zu Hantelstange und Messer.

Die Gefühlskälte des Killers nach dem Verbrechen: Nach dem Doppelmord schleppt er Chiaras Leiche ins Obergeschoss, legt sie vors Bett ihrer Mutter. Dann wischt er das Blut in der Wohnküche auf. Ihre Mama sollte nicht merken, was geschehen ist und dass er sich noch im Haus versteckt hält. Für den vorgetäuschten Selbstmord hat er bereits die Badewanne eingelassen und einen elektrischen Mixer eingesteckt.

Das Selbstverständnis des Angeklagten: In der Jusitzvollzugsanstalt Straubing gab sich Thomas S. offenherziger als vorm Richter. Sechs, sieben Stunden lang erzählte er dem psychiatrischen Gutachter aus seinem Leben. „Herr S. zeigte sich kooperativ, Er wirkte souverän, hat das gerne gemacht“, berichtet Professor Henning Saß (67) von der Uni Aachen. Kein Wort von einer verkorksten Kindheit - im Gegenteil: Er habe regelmäßig mit anderen Buben gespielt. In der Nachbarschaft sei er „immer der Starke“ gewesen - auch, wenn es mal zu Prügeleien gekommen ist.

Seine Rolle als „Familienmensch“: Thomas S.  beschreibt sich selbst als fürsorglichen Vater und Ehemann. Zwei Kinder bekam er mit seiner ersten Frau, vier weitere mit der zweiten. Die familiären Belastungen hätten ihn nie überfordert: „Gemeinsam haben wir immer alles durchgestanden.“ Die schwere Lebererkrankung eines seiner Söhne - bis hin zur Transplantation beispielsweise. Oder das Brustkrebs-Leiden seiner zweiten Ehefrau. In Usula habe er sich Anfang der 1990er-Jahre so sehr verliebt, dass er sogar seine Pläne aufgab, nach Griechenland auszuwandern: Mit einem klapprigen, 50 Mark teuren Mercedes war er schon hunderte Kilometer unterwegs, als er ins Grübeln kam. Dann ist er zu seiner Freundin zurückgefahren, und zwei Tage später zog er bei ihr ein. Es sei eben eine „romantische Liebe“ gewesen, erzählte Thomas S.

Sein Hass auf Kinderschänder: Leute, die sich an kleinen Kindern vergreifen, finde er „scheiße“, ließ Thomas S. den Psychiater wissen.

Seine Sicht auf sich selbst: Thomas S. beschreibt sich als gesellig, fußballbegeistert, mit einem guten Verhältnis zu seinen Eltern. Er sei zwar zurückhaltender als sein Vater, aber auch er könne durchaus „mal scherzen“.

Der Stolz auf sein Lebenswerk: In der Schule habe er immer gute Noten bekommen, später auf dem zweiten Bildungsweg sein Fachabi gemacht. Er studierte mehrere Semester Informatik und Politik - vor einer Ausbildung zum Feinmechaniker. Auch in seinem späteren Beruf als Postbote habe man ihn geschätzt. Und schließlich habe er sein Haus in Peißenberg „großteils“ selbst gemacht, finanziell sei „alles geregelt“ gewesen. Die Staatsanwaltschaft jedoch spricht von einer drohenden Zwangsversteigerung als mögliches Tatmotiv. Thomas S., so der Vorwurf, wollte durch den Mord an eine Eigentumswohnung kommen, die seiner Frau und der Mutter der ermordeten Mädchen gemeinsam gehörte. Dadurch wollte er seine Schulden tilgen und so sein Eigenheim retten, lautet der Vorwurf.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Ein Urteil ist nicht vor April zu erwarten.

Fast 500 beim Prozess

Geduldig warten die Zuschauer in einer Schlage, ehe sie den Gerichtssaal betreten dürfen .

Der Andrang ist riesig. Schon gegen acht Uhr, also eineinhalb Stunden vor dem geplanten Beginn des Prozesses gegen den mutmaßlichen Doppelmörder von Krailling, warten Besucher und Journalisten geduldig in der Schlange - insgesamt fast 500 Personen. Was macht diesen Prozess so interessant? „Ich will wissen, was das für ein Typ ist, der zwei Kinder eiskalt umgebracht haben soll“, sagt Guido Carstensen. In einer Pause ist der 38-jährige Koch ernüchtert: „Der ist so ruhig und gelassen, als sei er es nicht gewesen.“ Glaubt er an die Unschuld des Angeklagten? „Nicht unbedingt, ich werde den Prozess auf jeden Fall weiter verfolgen. Das kann noch spannend werden.“ Hier am Münchner Gericht wird streng kontrolliert, Sicherheit ist oberstes Gebot. Deshalb geht es nur langsam voran, aber niemand meckert. „Wenn vor Gericht ein Staatsanwalt erschossen werden kann, dann muss man für Sicherheit sorgen“, so eine Zuschauerin. Zu Prozessbeginn ist die Empore des Sitzungssaales A 101 brechend voll - der Andrang ist immer noch groß. Viele Neugierige haben noch Glück: Sie ergattern einen Platz zwischen den Journalisten. Die Erschütterung der Prozessbeoabachter - sie ist nur schwer in Worte zu fassen. Maria Braun (74) aus Bogenhausen: „Ich habe selbst drei Kinder. Dass jemand so etwas durchmachen muss, sprengt meine Vorstellungskraft.“ Isolde Löschner (73) aus Moosach sagt: „Es ist einfach nur brutal und schockierend.“

Screening-Kamera

Dieser Kamera entgeht kein noch so kleines Detail.

Dieser Kamera entgeht kein noch so kleines Detail: Die SceneCam, seit 2010 im Einsatz bei der Münchner Polizei, erfasst am Tatortalles von der Decke bis zum Fußboden - und das auf 360 Grad. Im Prozess gegen den mutmaßlichen Doppelmörder von Krailling spielt dieses HiTech-Gerät eine ganz wichtige Rolle. An zehn Stellen in der Tatwohnung kam sie zum Einsatz. Die grausamen Bilder von den Blutspritzern an Gegenständen, die blutigen Handabdrücke an den Wänden, die Tatwaffen wie ein Strick, ein Küchenmesser und eine Hantelstange, sind gestochen scharf abgebildet. Eine Beamtin führte gestern die Bilder des Schreckens vor. Bei der Beweisaufnahme im Prozess werden sie noch eine entscheidende Rolle spielen, denn diese Wunder-Kamera ist ein unbestechlicher Zeuge ohne Erinnerungslücken.

Sicherheit an oberster Stelle

Strenge Kontrollen im Strafjustizzentrum

Kein spitzer Gegenstand - eine Nagelfeile etwa - darf mit in den Gerichtssaal. Auch nichts, was sich als Wurfgeschoss eignen könnte, etwa ein Schlüsselbund. Beim Prozess gegen den mutmaßlichen Doppelmörder von Krailling im Strafjustizzentrum herrscht höchste Sicherheitsstufe. Nicht zuletzt wegen der tödlichen Schüsse auf einen Staatsanwalt in Dachau sind die Beamten besonders aufmerksam. Schon am Eingang des Strafjustizzentrums werden die üblichen routinemäßigen Kontrollen durchgeführt: Das Gepäck wird geröntgt wie am Flughafen. Die Besucher werden mit Metalldetektoren durchsucht. Wer in den Sitzungssaal A 101 will, muss weitere Kontrollen über sich ergehen lassen. Die Ausweise der Besucher werden kopiert (Die Kopien werden später vernichtet). Das Handgepäck muss abgegeben werden, ebenfalls Handys, Schlüssel, Mäntel und so weiter. Alles kommt mit einer Nummer in ein Fach und wird beim Verlassen des Gerichs wieder ausgehändigt. Anschließend erfolgt eine Leibesvisitation. Hier wird streng darauf geachtet, dass kein gefährlicher Gegenstand mitgenommen wird. Im Gerichssaal haben Polizisten und Justizbeamte die Order, bei Zwischenfällen sofort einzugreifen.

Andreas Beez, Eberhard Unfried

 

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