Karlheinz Müller im Interview

Pulverfass Philharmonie: Experte spricht Klartext

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Wird die Philharmonie kernsaniert?

München - Die Kritik am geplanten Umbau der Philharmonie nimmt kein Ende. Einer der renommiertesten Akustik-Experten der Welt, Karlheinz Müller, spricht im tz-Interview Klartext zu diesem Thema.

Am Dienstag wird Pultstar Mariss Jansons (72) nach München eilen, um über das fatale Ansinnen von Ministerpräsident Horst Seehofer (65, CSU) und OB Dieter Reiter (56, SPD) zu sprechen. Bereits getan hat dies am Montag einer der renommiertesten Akustik-Experten der Welt: Karlheinz Müller spricht davon, dass man für das Geld „locker einen neuen Konzertsaal bauen könnte“. Mehr vom Fachmann:

Herr Müller, was brächte der geplante Totalumbau?

Karlheinz Müller: Akustisch würde man nicht viel gewinnen, wenn in die bestehende Außenhaut der Philharmonie nur ein neuer, kleinerer Saal implantiert würde: Entscheidende Veränderungen sind unter diesen Bedingungen gar nicht möglich. Es müsste so vieles verändert werden, dass man den Bau auch gleich ganz abreißen könnte. Es könnte sogar sein, dass viele Musiker und regelmäßige Besucher dem alten „großen Gasteig“ dann nachtrauern.

Welche Risiken würde dieses Bauen im Bestand bergen?

Müller: Jeder, der ein in die Jahre gekommenes Einfamilienhaus umbaut, kennt doch die Unwägbarkeiten. Der Worst-Case würde eintreten, wenn man erst während des Umbaus merkt, dass es doch nicht ohne einen Totalabriss geht. Dann explodieren die Kosten.

Da denkt man natürlich sofort an die Hamburger Elbphilharmonie …

Müller: Umbau des Herkulessaals, Suche nach einer Ersatzspielstätte, Entkernung der Philharmonie: Ich befürchte, das wird eine Elbphilharmonie auf Raten. Es sind bisher keine Pläne, keine verlässlichen Kostenschätzungen, keine Umzugspläne für Musiker und Abonnenten vorhanden.

Wie lange würde so ein Bauvorhaben dauern?

Müller: Wenn alles perfekt läuft: drei bis vier Jahre je Bauvorhaben. Im schlechtesten Fall doppelt so lange. Ich möchte aus Erfahrung darauf hinweisen, dass die zwingend vorgeschriebene europaweite Ausschreibung der Arbeiten schon viele öffentliche Bauten aus der Zeit- und Kostenschiene geworfen hat.

Haben Sie eine Idee, wohin die beiden Spitzenorchester und freie Veranstalter während der ­Bauzeit ausweichen könnten?

Müller: Man könnte sicherlich den Kongresssaal des Deutschen Museums ertüchtigen, woran ja auch schon gedacht wird. Aber das würde viel Geld kosten. Apropos Kosten: Weil ja auch die geplante Ertüchtigung des Herkulessaals nicht ganz billig ist, käme man insgesamt auf einen Betrag, für den man locker den von vielen ersehnten, neuen Konzertsaal bauen könnte. Und eine anschließende Renovierung der Philharmonie wäre damit auch zu finanzieren. Als Ergebnis hätte man für das Münchner Musikleben für alle Gelegenheiten den richtigen Saal.

Das sieht dann eher nach einer politischen als einer fachlich fundierten Entscheidung aus?

Müller: Es kann sich nicht um eine fachlich fundierte Entscheidung handeln, da nicht die geringsten Planungsunterlagen bekannt sind. Ich kann durchaus verstehen, wenn hier zwei Politiker Tatkraft demonstrieren wollen. Bevor aber endgültige Entscheidungen getroffen werden, sollten detaillierte Planungsunterlagen und Kostenschätzungen vorgelegt werden. Dann sieht man vielleicht, dass ein Neubau der einfachere und günstigere Weg ist, der noch dazu alle Bedürfnisse der Musikbegeisterten und der Künstler zufrieden stellt.

Georg Etscheid

Neubau doch noch eine Option

Hört, hört! In der Konzertsaal-Debatte hält sich Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) doch noch einen Neubau offen. Sollten die Verhandlungen über eine Sanierung des Gasteigs scheitern, komme ein Neubau als letzte Option immer noch in Betracht, heißt es nach Informationen des Münchner Merkur in der Vorlage des Kabinetts, das sich am heutigen Dienstag mit den Plänen befasst.

Seit Tagen ernten Seehofer und Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) heftige Kritik für ihre Absicht, statt eines Neubaus an anderer Stelle die Philharmonie im Gasteig aufwändig zu sanieren. Seehofer wird vorgeworfen, er breche damit sein Versprechen, einen weiteren Saal zu bauen. Über die Vehemenz der Kritik ist er hoch verärgert, hält sie für maßlos und unsachlich. Tatsächlich teilt er aber auch einzelne Bedenken, geht aus den Unterlagen hervor. Attraktive Ausweichsäle für die Umbauzeit zu finden, sei schwierig.

Wo ein Neubau als letzte Option möglich wäre, ist offen. Die Kabinettsvorlage nennt den „westlichen Finanzgarten“, wo aber erheblicher Widerstand der Bevölkerung drohe. Zudem wird beklagt, dass die Spitze des Deutsche Museums sich gegen einen Konzertsaal auf der Museumsinsel wehre.

cd

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