Pumuckl feiert 50. Geburtstag

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"Am liebsten macht er Schabernack": der kleine Kobold Pumuckl.

München - Seit 50 Jahren lässt Pumuckl Kinderherzen höher schlagen und Erwachsene schmunzeln. Zum Geburtstag des rothaarigen Kobolds blicken wir auf seine Geschichte und die Drehorte der beliebten TV-Serie zurück.

„Pumuckl neckt, Pumuckl versteckt, niemand entdeckt.“ Mit fast schon legendärer, schriller Stimme plärrte Hans Clarin die ersten Worte des liebenswerten Quälgeistes ins Mikrofon. Wie oft dieser und viele, viele weitere von Pumuckls grob gezimmerten Reimen seither aus Lautsprechern und Ohrhörern gedrungen sind, ist kaum abzuschätzen. Denn Pumuckl hat schnell eine internationale Fangemeinde erobert, und die wächst bis heute. Wer den kleinen Rotschopf einmal ins Herz geschlossen hat, bleibt ihm ein Leben lang treu.

Pumuckl-Drehorte: So sehen sie heute aus

Pumuckl-Drehorte: So sehen sie heute aus

Dass die Abenteuer des eigenwilligen Klabautermanns, der in Meister Eders Schreinerwerkstatt sein Unwesen treibt, derart Furore machen würden, hatte anfangs niemand geahnt. Nicht einmal Pumuckls geistige Mutter Ellis Kaut, die, selbst den Schalk im Nacken, geraume Zeit mit dem Kobold schwanger gegangen war. Ein Name war schon da, spontan erdacht von ihrem 1991 verstorbenen Ehemann Kurt Preis, der, von seiner übermütigen Frau mit Schnee beworfen, ausrief: „Weißt Du, was Du bist? Du bist mir ein rechter Pumuckl!“

Um diesen Pumuckl herum, der tief in ihr steckte, entwickelte Kaut eine kurze Hörspiel-Reihe für den Bayerischen Rundfunk, die 1962 auf Sendung ging – mit Hans Clarin als Kobold, Volksschauspieler Franz Fröhlich als Meister Eder und August Riehl als Rahmensprecher. Zum Ende der Staffel schickte Ellis Kaut Pumuckl zurück aufs Meer, wo ein Klabautermann schließlich hingehört. Die Autorin, Bildhauerin und studierte Schauspielerin wollte sich wieder anderen Aufgaben widmen. Doch dafür war es schon zu spät: Eine Flut von Anrufen und Bittbriefen überrollte den BR, Kinder opferten ihr Taschengeld, um eine Fortsetzung zu ermöglichen. Ellis Kaut stand in der Pflicht.

Und sie tat ihre Pflicht. 70 Hörspiele – mit Alfred Pongratz an Stelle des früh verstorbenen Fröhlich – füllte sie mit immer neuen Streichen und Lebensweisheiten. Geschichten, die tief in die Kinderseele blicken und sogar helfen, die Familienbande zu festigen, wie der Münsteraner Psychologe Alfred Gebert herausgefunden hat (siehe Interview rechts). Solche Geschichten, so Gebert, „kann man sich eigentlich gar nicht einfallen lassen. Das muss tief in einem verwurzelt sein“.

Im Studio 5 wurden die Folgen zügig aufgenommen, erinnert sich Toningenieur Günther Heß, der 1968 als 30-Jähriger dazukam und später auch alle Pumuckl-Schallplatten mit Gustl Bayrhammer aufgenommen hat. Wie in den Geschichten sei auch im Studio Hans Clarin „der Wachere“ gewesen. „Er hat dem Pongratz auf der Nase herumgetanzt.“ Bis heute wurmt es Heß, dass er all die Tonband-Meter, die er herausgeschnitten hat, weil wieder einmal einer der Männer in schallendes Gelächter ausbrach, nicht aufgehoben hat. Und bis heute beeindruckt ihn Hans Clarins Stimme: „Er konnte umschalten ohne nachzudenken.“ Oft sei Ellis Kaut mit ihren Themen der Zeit voraus gewesen, sagt Heß. „Zum Beispiel beim Waldspaziergang. Da ging es um Umweltschutz, davon hat damals noch kaum jemand geredet.“

Der Klabautermann, dem man heute gewiss ADS attestieren würde, blieb kein Radio-Phänomen: Es gab Schallplatten und Kassetten, die bis heute im Internet-Auktionshaus eBay schwunghaft gehandelt werden. Kinofilme und ein Musical entstanden, und im Herbst 1979 begannen die Dreharbeiten für die TV-Serie mit Volksschauspieler Gustl Bayrhammer. Der verlieh fortan dem Meister Eder Gestalt und Stimme – so überzeugend, dass die Hinterhof-Werkstatt an der Widenmayerstraße 2, in der gedreht wurde, vielen als Prototyp einer Schreinerwerkstatt galt und Pumuckl zum inoffiziellen Schutzpatron der Schreiner avancierte. Noch heute gibt es kleine Schreinereien, in deren Schaufenster eine Pumuckl-Puppe hinter Werkzeug und Hobelspänen hervorlugt.

Sascha Wein, Geschäftsführer der Schreiner-Innung München, sieht’s mit gemischten Gefühle. „Ich bin selber Schreiner geworden, weil ich Pumuckl geschaut hab’“, sagt der 40-Jährige. „Der Pumuckl begleitet unseren Beruf.“ Doch bei aller Traditionsliebe strebe die Innung ein moderneres Image an. Ein Spagat, auf den sich Pumuckl sicherlich den richtigen Reim machen kann.

Die Werkstatt gibt es nicht mehr, doch andere Drehorte, etwa eine Kleingartenanlage an der Dachauer Straße, diverse Kellerfenster im Lehel und Haidhauser Hinterhöfe, sind noch immer Ziel von Fangruppen, die sich zu Drehort-Führungen des Stadtführers Sebastian Kuboth einfinden.

Noch immer wiederholt das Fernsehen von Zeit zu Zeit die Pumuckl-Folgen, und die Hörspiele, inzwischen auf CD, „gehen noch sehr gut“, wie Bettina Foltz von Hugendubel am Stachus berichtet. 50 Jahre lang so präsent zu bleiben, das stelle Pumuckl in eine Reihe mit Erfolgsfiguren wie Otfried Preußlers „Kleine Hexe“ und den Räuber Hotzenplotz – mit einem Unterschied: Der Pumuckl bleibt interessant, wenn die Hörer aus den Kinderschuhen herauswachsen. Ellis Kaut, so die Analyse des Psychologen Gebert, habe „auf mehreren Ebenen“ geschrieben. „Die Kinder lachen über das Oberflächliche, und die Erwachsenen lachen über komplexere Zusammenhänge. Das ist das Geniale daran.“

Und so kommt es, dass Buchhändlerin Foltz nicht nur sich selbst als Pumuckl-Fan outet („Er ist einfach total liebenswert“), sondern auch berichtet: „Meine 19-jährige Tochter trifft sich manchmal mit Freunden und schaut Pumuckl. Das ist einfach Kult.“

Ein Kult, der Pumuckls Mutter Ellis Kaut zu einer vermögenden Frau gemacht hat, aber auch Begehrlichkeiten weckte. Die Forderung eines Regisseurs, der 30 Prozent der Einnahmen haben wollte, konnte sie 1988 noch abwehren. Doch im Streit mit Zeichnerin Barbara von Johnson, die das Recht an Pumuckls Optik für sich reklamierte, musste sie Niederlagen einstecken. Auch Kauts sonstiges künstlerisches Schaffen wurde in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. „Der Pumuckl hat alles aufg’fressen“, hat sie sich einmal beklagt.

Aber lieben, wie sollte es bei einer Mutter anders sein, tut sie ihren Pumuckl natürlich trotzdem. Und auch wenn sie, mittlerweile 91 Jahre alt, am öffentlichen Geburtstagsrummel nicht teilhaben will: Ein Gläschen Sekt werde sie morgen auf ihren berühmten Sohn trinken, verrät Tochter Ursula Bagnall. Und manch einer aus der großen Pumuckl-Gemeinde wird im Geiste mit ihr anstoßen.

Peter T. Schmidt

Pumuckl stärkt die Familienbande

Der Münsteraner Psychologieprofessor und Konsumforscher Dr. Alfred Gebert (67) hat Pumuckl aus zwei Perspektiven kennengelernt: Als Vater schaute er sich den Klabautermann mit seinen Kindern im Fernsehen an, als Wissenschaftler hat er das Phänomen Pumuckl analysiert – und erstaunliche Erkenntnisse gewonnen.

Was ist so faszinierend am Pumuckl?

Er verkörpert das, wovon Kinder träumen, etwa sich zu verstecken, unsichtbar zu sein und die Erwachsenen zu belauschen.

Und die Erwachsenen lockt Pumuckls liebenswerter Anarchismus?

Auf jeden Fall. Man muss doch mal sehen, was das damals für eine Zeit war: Ich habe in Hamburg an der Uni noch Professoren in schwarzen Talaren gesehen. Und auf einmal kam die Hippie-Zeit mit bunten Kleidern. Das war fast eine Revolution. Ich denke, da hat Ellis Kaut einen Nerv getroffen: Da war einer, der sich gegen den Meister Eder wehrt und Autorität nicht anerkennen will, aber unterschwellig mit großer Liebe am Meister Eder hängt.

Also Sehnsucht nach Harmonie?

Mehr als das: Meine Untersuchungen zeigen, dass so eine Sendung die Familienbande stärkt, sogar über mehrere Generationen hinweg. Den Betroffenen ist das oft gar nicht bewusst: Sie schauen Pumuckl, lachen herrlich darüber und kriegen gar nicht mit, dass sie dadurch Lebensweisheiten gelernt haben, nämlich die eigene Familie zu lieben. Und es scheint so zu sein, dass die Hörgeschichten da noch stärker prägen als die TV-Episoden.

Macht Nostalgie die 50 Jahre alten Geschichten noch reizvoller?

Ohne es wissenschaftlich beweisen zu können: Ja. Wenn man Meister Eders Werkstatt sieht, da ist alles ein bisschen unaufgeräumt, da wird noch was repariert statt nur ausgetauscht. Heute leben wir in einer Wegwerfgesellschaft und träumen von früher, als alles noch einen gewissen Wert hatte.

Spricht Pumuckl eher Buben an oder Mädchen?

Die Zahlen sagen: Eher die Buben. Aber das könnte an einer statistischen Verschiebung liegen, weil bei den Mädchen Pippi Langstrumpf überrepräsentiert ist. Gefühlsmäßig würde ich sagen: Buben und Mädchen mögen den Pumuckl gleichermaßen. Und die Erwachsenen natürlich ebenfalls, auch wenn sie es nicht immer zugeben.

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