“Ich stehe vor dem Nichts“

Quelle Mitarbeiter
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Alles reduziert: Im Quelle-Kaufhaus in der Landwehrstraße wareb die Kunden am Mittwoch auf Schnäppchen-Jagd.

München - Während sich die Schnäppchen-Jäger im Quelle-Shop in der Landwehrstraße auf die Füße treten, sieht Verkäufer Peter W. sein Leben in sich zusammenbrechen: “Ich stehe vor dem Chaos, vor dem Nichts.“

Das Quellehaus in der Münchner Landwehrstraße gleicht einem Flohmarkt: Im Erdgeschoss drängeln Schnäppchenjäger um halbausgepackte Kaffeemaschinen, eine Frau mit Kopftuch kramt in offenen Kartons nach Männerjeans und mittendrin steht etwas verloren Verkäufer Peter W. Vom 1. November an ist er wie die anderen 15 von ursprünglich 32 Angestellten in der Münchner Quelle-Filiale von der Arbeit “freigestellt“ - ein besseres Wort für “ohne Bezahlung“.

“Ich stehe vor dem Chaos, vor dem Nichts“, sagt der 47-Jährige, der seinen Namen nicht öffentlich lesen will. “Mein Stiefsohn fragte mich:

Alles reduziert: Im Quelle-Kaufhaus in der Landwehrstraße wareb die Kunden am Mittwoch auf Schnäppchen-Jagd.

“Was gibt's zu Weihnachten?“ Was soll ich darauf antworten?“ Seit neun Jahren arbeitet W. bei Quelle, seit 27 Jahren ist er Sammelbesteller, wie er stolz betont. Schon sein Opa hat bei dem Versandhaus gekauft. “Ich wollte eigentlich hier alt werden.“ Stattdessen hat er schon mehr als 30 Bewerbungen geschrieben - bisher ohne Rückmeldung. “Ich bin wohl zu alt für den Arbeitsmarkt“, meint er resigniert.

Der ganz große Schock über das endgültige Quelle-Aus ist bei den meisten Mitarbeitern jedoch ausgeblieben. Viele von ihnen haben ihre Kündigung schon seit Ende September in der Tasche. Verarbeitet hat Willi Tafelmeier das aber noch nicht. Geknickt sitzt er im dritten Stock und blickt ins Leere. “Es ist nicht so einfach in der Situation, also vom Kopf her“, gesteht er. 23 Jahre, fast die Hälfte seines Lebens, hat der 47-Jährige im Quellehaus verbracht. “Man hat sich hier wohlgefühlt, wir hatten ein tolles Team, meistens sehr gute Chefs“, sagt er mit brüchiger Stimme.

Er kann nicht verstehen, dass alles in wenigen Tagen vorbei sein soll. “Schließlich sind wir hier das beste Haus gewesen, haben Riesenumsätze gemacht und immer schwarze Zahlen.“ Jetzt finden

Willi Tafelmeier, Mitarbeiter eines Quelle-Kaufhauses in München, steht im Verkaufsraum neben Elektrogeräten. Wie viele tausend Mitarbeiter des Unternehmens steht Tafelmeier nach seiner Kündigung vor einer ungewissen Zukunft.

Kunden im zweiten Stock leere Regale und einige halbausgepackte Waschmaschinen, auf dem Boden liegen Verpackungsreste, das Licht ist aus. Trotzdem klammert sich Tafelmeier an die Hoffnung, dass die Filiale doch noch ein paar Wochen länger durchhalten könnte - “wir haben ja noch soviel Ware, die verkauft werden muss“. Doch Hoffnung ist schon viel geschürt worden im langen Ringen um das Überleben des Konzerns. Und immer ist sie enttäuscht worden. Genau das stößt Peter W. übel auf. Er hat schon zwei Insolvenzen erlebt, aber diese hier sei unvergleichlich. “Die Art und Weise, wie mit den Mitarbeitern umgegangen wird, ist eine Schweinerei“, sagt er unumwunden. “Diese lange Hinhaltetechnik. Man sollte Klartext reden und den Leuten nicht immer Hoffnung machen.“ Auch Tafelmeier ist wütend, “wütend auf dieses Management“. “Die haben alles kaputt gemacht, die letzten zehn Jahre ging es nur noch bergab. Wir sind jahrelang verarscht worden“, redet er sich in Rage. “Man ist machtlos, als kleiner Angestellter hat man keine Chance.“

Der Quelle-Katalog: Früher und heute

Der Quelle-Katalog: Früher und heute

Quelle-Katalog: Früher und heute
Das Versandhaus Quelle wurde auch dank seiner Kataloge bekennt. Eine kleine Rückschau: Hier ein Quelle-Katalog von 1957. © Quelle
Quelle-Katalog: Früher und heute
Ein Katalog von 1981. © Quelle
Quelle-Katalog: Früher und heute
Trendig mit Pelz: 1966 © Quelle
Grelle Farben waren 1992 in.
Quelle-Katalog: Früher und heute
So sah der bunte Katalog 2002 aus. © Quelle
2004 war Claudia Schiffer auf dem Katalog.
Quelle-Katalog: Früher und heute
Der aktuelle Katalog. Er kann dank staatlicher Hilfe doch noch gedruckt werden. © Quelle

Ludwig Berger, der von sich sagt, dass Quelle sein Leben sei, sieht das ähnlich. Der 53 Jahre alte Betriebsrat ist seit 29 Jahren bei dem Unternehmen, 22 Jahre davon in der Filiale an der Landwehrstraße. Vom Geschäftsleiter bis zum Küchenplaner hat er hier schon in allen Funktionen gearbeitet. “Ein Konzept hat das nächste gejagt, man wollte den Erfolg immer gleich sehen. Und der Erfolg wurde immer nur in Dollarzeichen gemessen“, kritisiert er das Management. “Und wir Mitarbeiter müssen die Zeche zahlen.“

Der vierfache Familienvater ist in der “eigentlich bedauerlichen Situation, auch noch eine Quelle-Ehe zu führen“, wie er verrät. Von November an sind also sowohl er als auch seine Frau arbeitslos. Trotzdem ist Berger optimistisch: “Ich habe schon meine Eisen im Feuer, wir schaffen das“, sagt er und stellt sich wieder neben seine Frau Rosemarie an die Kasse, um die zahlreichen Schnäppchenjäger zu bedienen. Er nennt sie “Leichenräuber“.

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von Nicole Grün (dpa)

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