Die Gefahr auf dem Gehweg

München vor Verkehrs-Kollaps? Hunderte Unfälle zwischen Radfahrern und Fußgängern - eine Gefahr ist neu

In München sind immer mehr Radfahrer unterwegs. Deren Wege kreuzen sich zunehmend mit denen der Fußgänger
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In München sind immer mehr Radfahrer unterwegs. Deren Wege kreuzen sich zunehmend mit denen der Fußgänger.

Auf den Verkehrswegen in München wird es immer enger – und der Ton schärfer. Durch Baustellen und Berufsverkehr ist die Stadt dicht, Radfahrer müssen auf Fußwege ausweichen.

  • München ist wahrlich keine Fahrradhauptstadt. Die Infrastruktur hinkt den Ansprüchen weit hinterher.
  • Auf den Verkehrswegen der Stadt kommt es zu immer mehr Andrang - dies lässt auch die Gefahr ansteigen.
  • Fast täglich passieren schwere Unfälle, zumeist zwischen Radfahrern und Fußgängern.
  • Experten monieren die Beeinträchtigung der Sicherheit und fordern die Stadt zu Maßnahmen auf.

München - Autos gegen Radler, Radler gegen Fußgänger: Der Ton auf Münchens Straßen wird immer härter – Hektik und Aggressionen prägen den Verkehr. Und jeder nimmt sich den Raum, den er braucht. Das Problem: Durch Baustellen und Berufsverkehr ist die Stadt nahezu dicht. Bus und Bahn nutzt während Corona nur, wer muss. Das alles führt dazu, dass mittlerweile auch die Fahrradwege in München überfüllt sind – und Pedalritter immer wieder auf Fußwege ausweichen.Vor allem zum Nachteil von Senioren, die immer häufiger Opfer von schweren Unfällen werden. Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Radunfälle in München: So oft kracht es pro Jahr - Oft sind Fußgänger schuld

Beinahe täglich gibt es schwere Radunfälle in München – und oft sind darin auch Fußgänger verwickelt. In den vergangenen Jahren lag die Zahl der schwerwiegenden Unfälle zwischen den beiden Parteien immer bei mindestens 200. Für 2019 verdeutlicht eine Statistik der Stadt: In fast 60 Prozent dieser Unfälle sind die Fußgänger die Verursacher – in den anderen Fällen die Radler. Der Verkehrsbericht der Polizei für 2019 zeigt auf: Bei rund einem Viertel der Unfälle, in die Fußgänger verwickelt waren, war es zu einem Zusammenstoß mit einem Radler gekommen.

Und in diesen Tagen wird das Thema noch dringlicher. Im Stadtrat gibt’s Diskussionen über die Gefahren an der Leopoldstraße, auf der eigentlich eine "Radl-Autobahn" entstehen soll. Hier sind grad besonders viele Fußgänger unterwegs: Sie steigen an provisorischen Bushaltestellen aus und ein – weil sie den Ersatzverkehr für die gesperrte U-Bahn nutzen. Diskussionen gibt’s außerdem um die Radwegpflicht: An diversen Stellen wird ­derzeit darüber gestritten, ob Radler die Straße benutzen dürfen, obwohl es einen ­eigenen Streifen für sie gibt. In einigen solchen Fällen empfiehlt die Stadt Radlern sogar die Straße.

Radfahren in München: Situation gefährlicher - auch wegen technischem Fortschritt

Im Seniorenbeirat der Landeshauptstadt leitet Franziska Miroschnikoff den Ausschuss Mobilität und Verkehr. Sie weiß: „Die Situation in München hat sich verändert und ist gefährlicher geworden – weil der Radverkehr ja auch ständig zunimmt.“ Viele Fahrräder seien heute hoch technisiert und fahren schneller als man es von früher kennt. „Dazu kommt, dass Elektroroller oft auf dem Bürgersteig fahren. Für Senioren ergeben sich daraus leider einige Probleme.“

Im Stadtverkehr seien immer öfter Radler die Unfallverursacher und Fußgänger die Opfer, hat Richard Kramschuster (59) beobachtet. Der Experte vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) München glaubt aber nicht, dass Radler grundsätzlich aggressiver geworden sind. „Diese Unfälle hängen auch damit zusammen, dass der Anteil der Radfahrer deutlich zugenommen hat, ihr Platz aber nicht mehr geworden ist. Seit Corona ist diese Situation mittlerweile extrem geworden.“

Nichtsdestotrotz scheinen sich viele Radfahrer in der Stadt oft nicht an Rote Ampeln zu halten. Eine alarmierende Studie zeigte kürzlich erschreckende Zahlen:

Schlimmes Rad-Drama am Freitag in München: An der Schleißheimer Straße kam es zu einem schweren Unfall. Die Feuerwehr bekam zunächst eine falsche Information.

München: „Radverkehrsinfrastruktur in der Region größtenteils veraltet“

Konkret erhöhte sich der Radverkehrsanteil in München nach Angaben des ADFC in den vergangenen Jahren stetig auf heute rund 20 Prozent – und wachse weiter. „Coronabedingt radeln deutlich mehr Münchnerinnen und Münchner, sie nutzen das Rad häufiger und für längere Strecken“, sagt ADFC-Sprecherin Martina Tollkühn.

Kurzzeit-Radwege in der Stadt sieht Richard Kramschuster „grundsätzlich positiv“, aber die Ausführung sei „eher provisorisch“. Oft seien direkt daneben Parkplätze und die Autofahrer müssten kreuzen. Problematisch seien auch Radwege, die mitten auf der Straße enden. Nur durchgehende und ausreichend breite Radwege seien sicher.

Schon länger moniert der Fahrradclub: „Die Radverkehrsinfrastruktur in der Region München hinkt der Entwicklung, was die Fahrradnutzung angeht, stark hinterher. Sie ist größtenteils veraltet, deutlich unterdimensioniert, vielfach unterbrochen und teilweise weder sicher noch komfortabel nutzbar. Dies führt zu einer erhöhten Unfallgefahr.“

Doch die Stadt will diesen Zustand ändern: Bis 2025 soll über eine Milliarde Euro in das Münchner Fahrradnetz investieren. Ein Münchner wird am Steuer* bewusstlos. Andere Autofahrer eilen ihm zu Hilfe und starten mit der Reanimation. (THI/KF/PF) *tz.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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