Radlhauptstadt München: Ist sie das viele Geld wert?

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Kann das schöne Werbebildchen der teuren Radlkampagne die Münchner zum Umsatteln bewegen? Darüber streitet das Rathaus

München - Münchens Radler trotzen nicht nur jetzt dem Wetter – sondern treten auch das ganze Jahr über immer fester in die Pedale! Aber brauchen sie dafür eine millionenschwere Werbeaktion?

Vier Grad Celsius hin oder her: Die Radlwege sind bevölkert, die Ständer voll belegt und die Ketten geschmiert. Münchens Radler trotzen nicht nur jetzt dem Wetter – sondern treten auch das ganze Jahr über immer fester in die Pedale! Aber brauchen sie dafür eine millionenschwere Werbeaktion? Wie viel der beschworenen „Radlhauptstadt München“ steckt wirklich in der Stadt?

Rot-Grün hatte die vier Millionen Euro ­teure Aktion Anfang 2010 abgesegnet. Am Dienstag legte das Rathaus die Halbzeit-Bilanz vor: Der Anteil der Fahrräder am gesamten Verkehr stieg laut der Begleitstudie – wie gewünscht – seit 2008 von 14 Prozent auf aktuell 17,4 Prozent. Jeden sechsten Meter legen die Münchner auf dem Sattel zurück. „Radlhauptstadt ist man damit noch lange nicht“, gab der Studienleiter des Raumkom-Instituts zu bedenken. Und da geht der Streit schon los!

Rot-Grün feierte die Kampagne. „Wir haben unser Ziel bei Weitem übertroffen“, jubelte die grüne Stadträtin Sabine Nallinger. Laut der Studie kennen 60 Prozent der Münchner die Aktion, wiederum 80 Prozent von ihnen finden sie gut oder sehr gut. „Klar kann man sagen: teure Kampagne“, gab selbst Nallinger zu – bei dem Ergebnis erweise sie sich aber als günstig.

Da war der Verantwortliche KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle zurückhaltender: Der Anstieg des Radverkehrs liege kaum an der Werbeaktion, sondern sei einfach Trend, werde noch auf 25 Prozent steigen und für Ärger auf den Straßen und Radwegen sorgen. Das Problem seien weniger die Radl-Rambos, sondern die „Masse, die gedankenlos fährt“ und sich gegenseitig im Weg stehe. In Zukunft sollte man den Schwerpunkt verlagern – auf mehr Sicherheit und Rücksicht. „Das entspannte Radfahren muss unser Ziel sein.“

Noch weiter ging die Opposition. Die Studie zur „Radlhauptstadt“ sei ein „schlechter Witz“ höhnte CSU-Stadtrat Robert Brannekämper, die ganze Kampagne bediene nur die Freunde der Grünen, während das KVR am Personal spare. Auch der Linke-Politiker Orhan Akman polterte: „Wir schmeißen das Geld raus“ – und verzichteten auf soziale Leistungen.

D. Costanzo

Und das KVR muss Personal sparen

Noch 1,6 Millionen Euro bis 2014 steckt die Stadt in die Radlkampagne, das beschloss Rot-Grün. „Dabei knirscht es im Kreisverwaltungsreferat an allen Ecken und Enden“, ärgerte sich CSU-Stadtrat Brannekämper im Rathaus. „Und wir werfen das Geld raus.“ Die Schlangen im KVR werden immer länger (tz berichtete)!

Bis zu drei Stunden dauere der Gang zur ­Behörde mittlerweile in manchen Bereichen, im Schnitt liege die Wartezeit bei 30 bis 60 Minuten, hieß es gestern. „Wir haben Probleme im Parteiverkehr“, gab KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle im Rathaus zu. Immer mehr Münchner kämen ins „Bürgerreferat“, die Aufgaben würden immer schwieriger. Früher habe man für eine Ummeldung einen Stempel aufdrücken müssen –fertig. Heute sei das ein komplizierter Verwaltungsakt. Und er warnt vor noch schlimmeren Zuständen: Schon jetzt seien nur 90 Prozent der Stellen besetzt. „In den nächsten beiden Jahren können wir unser Personal wohl noch halten.“ Aber dann müsse man wegen des Sparprogramms fünf Millionen Euro beim Personal reinholen!

DAC

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