Ärger bei MVV-Kontrolle

Trotz Streifenkarte - So wurde ein Münchner zum Schwarzfahrer abgestempelt

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Abgestempelt: Cornelia und ­Michael Shaffer an der Bushaltestelle. Weil er seiner derzeit gehbehinderten Frau auf ihren Platz half und erst danach die Fahrkarte abstempeln wollte, gilt Michael Shaffer nun als Schwarzfahrer.

Wie streng Kontrolleure die Regeln des MVV durchsetzen, hat ein Ehepaar bei einer Busfahrt erlebt: Der Münchner half seiner derzeit gehbehinderten Frau auf ihren Platz. Ein Fehler, wie sich zeigte.   

München - Cornelia Shaffer hat zur Zeit ein beschwerliches Leben. Ihr künstliches Kreuzband riss vor einiger Zeit. Sie musste operiert werden, geht auf Krücken. Wöchentlich hat sie Physiotherapie nahe der Bushaltestelle Peschelanger in Perlach. Drei Stationen fährt sie dafür mit dem Bus. Mit ihrem Mann Michael steigt sie immer an der Plettstraße ein, Linie 197. „Michael hilft mir dann im Bus auf den Platz und stempelt dann die Streifen für uns beide“, erzählt die 42-Jährige. Drei Stationen später steigen sie an der Haltestelle Peschelanger aus. Doch vergangenen Mittwoch lief das nicht so reibungslos.

„Jetzt sind Sie schwarzgefahren“

„Ich hatte mich nach dem Einsteigen gerade mit Michaels Hilfe hingesetzt. Mit der Streifenkarte in der Hand ging er dann Richtung Stempelautomat“, erzählt Cornelia Shaffer. Doch dann hielten ihn drei MVG-Kontrolleure auf, eine Frau und zwei Männer. „Fahrschein bitte“, sagte einer von ihnen. Michael Shaffer, US-Amerikaner, deutete auf die Streifenkarte in seiner Hand, die er stempeln wolle. Der Bus fuhr bereits. Laut Michael Schaffer sagte einer von ihnen dann: „Jetzt sind sie schwarzgefahren.“

Auch Cornelia Shaffer sah, dass ihr Mann kontrolliert wurde. Sie machte sich von ihrem Sitz aus bemerkbar: „Wir sind zusammen eingestiegen, mein Mann hat mir bis zum Platz geholfen und stempelt für uns ab“, rief sie. Doch die Kontrolleure ließen sich nicht irritieren. Sie nahmen die Personalien auf, stellten Michael Shaffer das Standard-Bußgeld in Höhe von 60 Euro aus.

Kontrolleure blieben hart

Einige Passagiere wollten laut Shaffer dem Ehepaar beistehen und bezeugen, dass der Ehemann mit Streifenkarte Richtung Stempelautomat unterwegs gewesen sei. Doch auch hiervon ließen sich die Kontrolleure nicht beeindrucken. Nachdem das Ehepaar und die drei Kontrolleure am Peschelanger angekommen und ausgestiegen waren, ging dort die Diskussion weiter.

„Sie können doch dafür nicht 60 Euro ausstellen“, sagte Shaffer auf ihren Krücken und beschwerte sich weiter, während die Kontrolleure weiter kompromisslos die Personalien von Michael Shaffer aufnahmen. Laut Cornelia Shaffer wurde daraufhin einer von ihnen ausfällig: „Bislang muss nur ihr Mann 60 Euro zahlen. Wenn Sie nicht den Mund halten, werden Sie auch noch beanstandet“, sagte er.

Daraufhin reichte es Cornelia Shaffer. Sie fühlte sich ungerecht behandelt. Per Handy rief sie die Polizei an und erklärte einem Beamten die Lage. Der rief bei der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) an und dann wieder bei ihr. Er wollte nun mit einem der Kontrolleure sprechen. Cornelia Shaffer reichte das Handy weiter, aber die Kontrolleure weigerten sich. Sie stiegen in den nächsten Bus und fuhren weiter.

Das Ehepaar ist nach wie vor fassungslos. „Wir sind doch hier in Deutschland und nicht irgendwo in einem Willkürsystem“, sagt Cornelia Shaffer. „Ich bin ein gesetzestreuer Mensch. Habe noch nie einen Strafzettel bekommen. “ Schwarzfahrer könne sie nicht leiden. „Ich bin absolut dafür, dass Leute bestraft werden, wenn sie schwarzfahren. Aber das haben wir einfach nicht getan.“

Das sagt die MVG dazu

Matthias Korte, Sprecher der MVG, kontaktierte die drei Kontrolleure und konfrontierte sie mit den Vorwürfen des Ehepaares. Sie haben eine andere Version der Ereignisse. „Die drei versicherten, dass die Worte ’Wenn Sie nicht den Mund halten...’ nie gefallen sind“, sagt Korte. „Zudem erzählten sie, dass sie keine Anzeichen erkennen konnten, dass Michael Shaffer eine Fahrkarte oder Streifenkarte entwerten wollte und baten ihn deshalb um seinen Fahrschein.“ Die Kontrolleure behaupten auch, das Ehepaar habe nach dem Start des Busses ein Gespräch begonnen, während Cornelia Shaffer saß und Michael Shaffer stand, was beide entschieden verneinen.

Korte verweist auch auf die Beförderungsbestimmungen des MVV (§6). Demnach müsse man vor der Einnahme eines Sitzplatzes ein Ticket kaufen oder eine Fahrkarte entwerten. Im Falle des Ehepaars Shaffer hätten die Kontrolleure angeblich extra lange abgewartet, wegen der Krücken, bis sie nach ihrem Ticket fragten.

Ein Stempelautomat an jeder Bushaltestelle statt im Fahrzeug würde solche Situation vermeiden. Doch das sei laut Korte nicht geplant. Das sei mit hohen Kosten verbunden und hätte keinen Mehrwert. Die Stempelautomaten seien direkt im Türbereich angebracht, sodass man beim Einsteigen im Vorbeigeben stempeln könne

Zum „erhöhten Beförderungsentgelt“ für Familie Shaffer sagt Korte: „Wir können nicht von der Beanstandung absehen. Die MVV-Tarifregeln gelten nun mal für alle.“

Das ist die Rechtslage

Die Geschichte der ­Shaffers ist ein Paradebeispiel: Streit ums Schwarzfahren beziehungsweise ums angebliche Schwarzfahren gibt’s beim MVV immer wieder. Beide ­Seiten fühlen sich im Recht – und einer ist am Ende der Dumme. Was die Shaffers angeht: Nach dem Buchstaben des Gesetzes müssen sie zahlen, selbst wenn der gesunde Menschenverstand und maßvolles Herangehen wohl eine andere Sprache sprechen. In den Beförderungsbestimmungen des MVV (§6) steht nämlich, dass man das Ticket VOR dem Einnehmen des Sitzplatzes kaufen und entwerten muss.

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Von Hüseyin Ince

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