Regelungswut der Bürokraten

Posse um Grabstein von Dieter Hildebrandt

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Renate Hildebrandt steht hinter dem Stein, der bald das Grab von ihrem Dieter zieren soll. 

München - Es gibt Dinge, die versteht man als normaler Mensch nicht: Die Relativitätstheorie beispielsweise. Ach ja – und noch was: Friedhofsatzungen!

Dieter Hildebrandt starb im vergangenen November.

Es gibt Dinge, die versteht man als normaler Mensch nicht: Die Relativitätstheorie beispielsweise. Ach ja – und noch was: Friedhofsatzungen! Auch ein ewiges Rätsel. Bei dem einen Grab ist dies verboten, bei dem anderen das. Regelwahn pur. Und genau dieser Regelungswahn hat nun auch noch Freigeist Dieter Hildebrandt († 86) erwischt. Wie? Dessen Familie hat einen neuen Grabstein für die Ruhestätte des Kabarettisten ausgesucht. Doch der wurde nun von der Friedhofsverwaltung erstmal abgelehnt. Der Wirbel um das Grab am Südfriedhof – er beginnt vor einigen Wochen: Renate Hildebrandt möchte einen neuen Stein für ihren im November verstorbenen Mann setzen lassen. Der alte, der dort nach dem Tod von Dieters erster Frau Irene 1985 gesetzt wurde, ist einfach schon zu verwittert. „Also bin ich mit der Familie von einem Steinmetz zum anderen gefahren und wir haben nach dem perfekten Stück gesucht“, erzählt die Witwe der tz. In Perlach klappt es dann: „Da standen wir plötzlich vor diesem wunderschönen Marmorstein aus Portugal und haben gesagt: Das ist Dieter! Mit diesen Ecken und Kanten. Nicht glattpoliert. Wunderbar.“ Sofort lässt die Familie auch neue Schriftzüge für den Stein setzen. Das Stück ist zudem unprätentiös, natürlich, schlicht. Sogar kleiner als der alte Grabstein. Auch das hätte Dieter zweifelsohne gefallen. Alles in Ordnung also, möchte man meinen.

Denkste! Als die Friedhofsverwaltung nämlich den Stein zu Gesicht bekommt, schüttelt sie nur den Kopf. „Das geht so nicht.“ Das Problem: Für die Sektion, in der Dieter mit seiner ersten Frau begraben liegt, gilt: „Natursteine müssen allseitig steinmetzmäßig bearbeitet sein“ (siehe unten). Zudem sind gespaltene Steine gar nicht erlaubt. Heißt: So darf der Stein da nicht stehen. „Da war ich erstmal baff“, erzählt Renate Hildebrandt. „Der Stein ist doch nichts Abnormales, an dem stört sich doch keiner.“

Genau das sieht die Behörde aber ganz anders: Hinter dem Grab verläuft nämlich ein Weg, somit ist die Rückseite des Steines ständig sichtbar. Da entspreche ein kantiger, unbearbeiteter Spaltfels so gar nicht den Regeln – und auch nicht der Ästhetik. Außerdem besagt ja das Regelwerk, dass auch auf der Vorderseite der Stein bearbeitet sein und irgendein Relief eingearbeitet haben muss. Amüsant: Stünde der Stein ein paar Reihen weiter hinten, wäre er in seiner jetzigen Form absolut in Ordnung. Da gelten wieder andere Vorschriften.

Besonders die Rückseite stört die Behörde.

Was also tun? Den Stein in die Tonne klopfen, obwohl das Herz vieler Familienmitglieder dran hängt? Nein – am Dienstag gab es nun eine Art Begehung des Grabes mit Verantwortlichen der Friedhofsverwaltung. Klare Ansage: Der Stein müsse vorn und hinten noch bearbeitet werden, dann könne man ihn absegnen. Und es gibt sogar eine Lösung: Auf der Vorderseite wird nun rechts unten ein Baum eingraviert, auf der Rückseite des Marmors sollen mehrere Relief-Blätter über den Marmor wirbeln. „Damit kann ich leben“, sagt Renate Hildebrandt. „Zumindest bleibt das Kantige erhalten.“ Eins ist klar: Ihr Dieter hätte über diese Regel-Posse herzlich gelacht. „Ja – und dann hätte er eine Nummer für sein Programm geschrieben.“

Darum geht’s: Paragraph 28 der Friedhofsordnung

(1) Die Grabmale in Abteilungen mit zusätzlichen Gestaltungsvorschriften müssen in ihrer Gestaltung, Bearbeitung und Anpassung an die Umgebung gegenüber § 27 erhöhten Anforderungen entsprechen.

(2) Als Werkstoff für Grabmale dürfen nur Naturstein, Holz, Schmiedeisen, Bronze und Edelstahl verwendet werden. Felsblöcke, Spaltfelsen, Tropfsteine und Findlinge sind nicht zugelassen.

(3) Bei der Gestaltung und der Bearbeitung sind folgende Vorschriften

a) Grabmale aus Naturstein müssen aus einheitlichem Material bestehen.

b) Die Natursteine müssen allseitig steinmetzmäßig bearbeitet sein.

Geschliffene, polierte, sandgestrahlte und gepaltene Steine sind nicht zugelassen.

c) Seriell hergestellte Grabmalplastiken sowie serielle Motive sollen möglichst vermieden werden.

tz-Stichwort: Friedhofsrecht

Die Schrift ist schon ausgesucht

Gibt es einheitliche Regeln, wie Gräber in Deutschland auszusehen haben? Nein! Alle Bundesländer haben eigene Friedhofs- oder Bestattungsgesetze erlassen. In den meisten Bundesländern sind die Bestattungspflicht und das Friedhofsrecht in einem Gesetz kombiniert; einige Bundesländer, wie Berlin, treffen getrennte Regelungen. Kommunen und Kirchengemeinden können mit eigenen Friedhofsordnungen zusätzliche Vorschriften erlassen. Hier sind oft Fragen der Grabgestaltung und Grabpflege sowie der Ruhefrist geregelt.

Armin Geier

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