Ein erster Bewohner der Trabantenstadt erzählt

Neuperlach wird 50: Das hat sich alles verändert

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Das Luftbild zeigt Neuperlach im Jahr 1970. Drei Jahre nach der Grundsteinlegung stehen die ersten Hochhäuser. Zu erkennen ist die im Bau befindliche Ständlerstraße.
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Links unten der Blick auf die Plettstraße, an der Baumeister wohnt, im Jahr 1970.
Helmut Baumeister (84) lebt seit fast 50 Jahren in Neuperlach.
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Helmut Baumeister (re.) war einer der ersten Münchner, die nach Neuperlach gezogen sind. Dafür gab er eine Wohnung am Englischen Garten auf. Heute kaum vorstellbar.
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Gruß an die Welt: Neuperlach mit seinen vielen Hochhaus-Zeilen war damals sogar als Postkarten-Motiv beliebt, denn das Viertel galt als innovativ. Heute gewährt die Postkarte einen Blick in die Vergangenheit.
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Ungleiche Nachbarn: Ein Blick von der Putzbrunner auf die Ottweiler Straße, aufgenommen 2004.
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Kinder gab es damals jede Menge, denn viele Familien zogen nach Neuperlach. Heute ist das Viertel eher überaltert.
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Wild-West-Stimmung: Dass hier mal das Klinikum Neuperlach stehen wird, mag man gar nicht glauben.
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Ein Stadtviertel wächst: Das Foto zeigt den Landwirt Martin Ballauf im Jahr 1969 beim Bewirtschaften der Felder, während im Hintergrund Kranlandschaften im Eiltempo Neuperlach in die Höhe ziehen. Heute ist das Foto im Besitz des Festrings Perlach.

Neuperlach feiert am Donnerstag seinen 50. Geburtstag. Helmut Baumeister zog als einer der ersten in die neue Trabantenstadt. Und erinnert sich - In den Anfangsjahren gab es in Neuperlach weder Nahverkehr noch Einkaufsmöglichkeiten.

München - München wächst und wächst. Die Bevölkerungszahl steigt, es fehlt an Wohnraum. Was sich wie eine Beschreibung heutiger Zustände anhört, stammt aus den 50er-Jahren. Nach dem Krieg, in der Wirtschaftswunder-Zeit, hatte die Stadt einen enormen Bevölkerungsschub. Um die Wohnungsnot zu lindern, beschloss der Stadtrat 1960 den Bau einer „Entlastungsstadt“ auf einer 1000 Hektar großen Ackerfläche am östlichen Stadtrand: Neuperlach.

Als „Stadt neben der Stadt“ mit Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Kultur und Sport sollte Neuperlach eigenständig existieren und die Kernstadt entlasten. Bauträger war damals die „Neue Heimat Bayern“. Die neue Satellitenstadt sollte 25.000 Wohnungen für 80.000 Einwohner sowie etwa 20.000 Arbeitsplätze bringen. Am 11. Mai 1967 wurde der Grundstein für das größte westdeutsche Siedlungsprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt. Ein Jahr später waren die ersten Wohnungen in Neuperlach-Nord fertig.

Das Luftbild zeigt Neuperlach im Jahr 1970. Drei Jahre nach der Grundsteinlegung stehen die ersten Hochhäuser. Zu erkennen ist die im Bau befindliche Ständlerstraße.

Vom Englischen Garten nach Neuperlach - ein Kulturschock

Zu den damaligen Neubürgern gehörte Helmut Baumeister. Im September 1968 zog er mit seiner Familie in die Wohnung an der Plettstraße, die er bis heute bewohnt. „Fast gegen den Willen meiner Frau“ sei er damals nach Neuperlach gekommen, erzählt Baumeister. Von einer schönen Dienstwohnung am Englischen Garten in den fünften Stock der Neubausiedlung. Ein Kulturschock.

Außer ein paar Wohnhäusern habe damals noch nichts existiert, erinnert sich der 84-Jährige. „Meine Kinder habe ich jeden Tag mit dem Auto nach Trudering zur Schule gebracht.“ Gejubelt haben die Neubürger, als im September 1970 mit der Tram nach Neuperlach-Zentrum die ersehnte direkte Verkehrsanbindung kam. „Vorher mussten wir zum Trambahn-Endhalt an der St.-Michael-Straße in Berg am Laim laufen“, erzählt Baumeister. Oder dort in den „Geisterbus“ umsteigen, der ab 20 Uhr menschenleer fuhr, weil alle schon zu Hause waren.

Auch die Notbehelf-Läden zur Nahversorgung wurden erst später gebaut. „Nach Perlach ging nur ein beschwerlicher Fußweg, aber da gab’s ja auch nicht so viele Geschäfte.“ Ab 1969 gab es wenigstens einen kleinen Wochenmarkt. Ansonsten brachte Baumeister die Einkäufe für die Familie nach der Arbeit aus der Innenstadt mit.

Am Anfang gab es vor Ort nichts, was man braucht

Das Leben in Neuperlach war in den Anfangsjahren eine echte Pionierleistung. „Die großen politischen Themen waren hier kein Thema“, sagt der ehemalige Radio-Journalist. „Es ging darum, was man vor Ort braucht.“ Beispielsweise einen Sportverein. „Es spielten hier unendlich viele Kinder auf den Baustellen herum.“ Baumeister fragte bei allen möglichen Münchner Sportvereinen an, doch es bestand kein Interesse an Neuperlach. Also gründete er kurzerhand im Juni 1969 den SV Neuperlach. Auf dem ersten Sportplatz habe man eigenhändig die Steine aufgeklaubt und die Tore zusammengezimmert. „Wir hatten kein Geld und es gab null Unterstützung.“

Helmut Baumeister (re.) war einer der ersten Münchner, die nach Neuperlach gezogen sind. Dafür gab er eine Wohnung am Englischen Garten auf. Heute kaum vorstellbar.

Heute herrscht an vielen Ecken „tote Hose“

Heute fühlt sich Helmut Baumeister oft an die Anfangsjahre erinnert. Zum Beispiel beim Quiddezentrum, dem ersten Subzentrum in Neuperlach. „Da herrscht seit zehn Jahren tote Hose, alle Läden leer, nur die Kultur sorgt noch für ein wenig Leben.“ Das Zentrum, das dem Neue-Heimat-Nachfolger WSB Bayern gehört, sei dem Verfall preisgegeben. Was offenbar niemanden bei der Stadt interessiere. Der Wegfall der dortigen Sparkassenfiliale sei das Allerschlimmste für die mittlerweile überalterte Bevölkerung in Neuperlach-Nord. 

Auch an anderen Stellen verschwinden lieb gewordene Dinge. So wie „das Schachterl-Eis“ an der Plettstraße, wo im Sommer Eis und im Winter Pizza verkauft wurde. „2016 einfach abgerissen“, bedauert Baumeister. Stillschweigend würden wunderschöne Brunnen abgestellt, Parkbänke, Tischtennisplatten und Spielplätze entfernt und eingeebnet. „So stirbt Neuperlach-Nord einfach ab.“ Sein Wunsch für Neuperlachs Zukunft: „Dass die Stadt wieder ein Auge auf dieses Viertel wirft!“ Dass man mal schaut, ob alte Auflagen noch erfüllt werden wie das Wegesystem abseits der Straßen. Damit konnte man Neuperlach zu Fuß erobern, ohne überfahren zu werden.

„Die, die in Neuperlach wohnen, haben Neuperlach immer geliebt“, sagt Helmut Baumeister, „schon wegen der großen Grünflächen.“ Eine Schlafstadt sei es für die Bevölkerung nie gewesen. „Hier gibt es so viele Vereine und Initiativen, das ist sehr lebendig.“ Damit es dabei bleibt, brauche Neuperlach ein paar innovative Ideen, „nicht nur im Zentrum auf dem Hanns-Seidel-Platz“.

Neuperlach im Zeitraffer

25.11.1960: Der Stadtrat beschließt den „Gesamtplan zur Behebung der Wohnungsnot in München“. 1962 werden in Perlach 1000 Hektar als Baugebiet ausgewiesen, zur Realisierung der „Entlastungsstadt Neuperlach“. 

3.4.1963: Die Stadt beauftragt die „Neue Heimat Bayern“ mit dem Bau des neuen Viertels. 

11.5.1967: Grundsteinlegung mit dem damaligen Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel. 

Juni 1968: Die ersten Wohnungen können bezogen werden. 

20.5.1969: Der „Grüne Markt“, der erste Wochenmarkt an der Plettstraße, wird eröffnet. 

2.6.1969: Der SV Neuperlach wird gegründet. 

12.9.1970: Neuperlach wird durch die Trambahn erschlossen. 

Ende 1971: Einweihung des kirchlichen Gemeindezentrums in Nord-Ost. Neuperlach hat inzwischen schon 18.000 Einwohner. 

2.2.1972: Der Stadtrat beschließt, den neuen Stadtteil „Neuperlach“ zu nennen. 

1972: Die erste Jugendfreizeitstätte in der AlbertSchweitzer-Straße 64 öffnet; die Nachbarschaftshilfe gründet sich; das Krankenhaus Neuperlach eröffnet mit 680 Betten und Nachsorgeklinik. 

1973: Ein erster Ostpark-Teil wird eröffnet und der Nordost-Teil von Neuperlach eingeweiht. Mitte des Jahres hat Neuperlach 27.000 Einwohner. Beim seit 1955 bestehenden Freibad Michaelibad eröffnet ein Hallenbad. Richtfest des Schulzentrums Nord-Ost. 

1974: Eröffnung Sudermann-Einkaufszentrum. Einweihung des Sozialzentrums der Arbeiterwohlfahrt, heute Horst-Salzmann-Zentrum; Grundsteinlegung für Wohnring und Neuperlach-Mitte. Neuperlach hat inzwischen 32.000 Einwohner. 

1975: Das Marx-Zentrum wird eingeweiht. Neuperlach zählt rund 34.000 Einwohner. Die neue Berufsfeuerwache 9 geht in Betrieb. 

1976: Rund 14.300 Wohnungen, Wohnheimplätze und Eigenheime sind fertiggestellt, Neuperlach hat rund 38.000 Einwohner

11.11.1977: Richtfest des Forschungs- und Verwaltungszentrums der Siemens AG, ausgelegt für rund 10.000 Arbeitsplätze. 

1979: Eröffnung Siemens-Forschungszentrum. Eröffnung des ökumenischen Kirchenzentrums in Neuperlach-Mitte. Heute ist dort auch das Alten- und Service-Zentrum untergebracht. 

1980: Die U-Bahn fährt von der Innenstadt direkt nach Neuperlach. 

5.3.1981: Eröffnung der Perlacher Einkaufs-Passagen (PEP) – vorher gab es hier nur das Krone-Kaufhaus. 

11.12.1981: Eröffnung des Eislaufstadions Neuperlach im Ostpark. 

27.5.1982: Offizielle Übergabe des Ostparks. Dezember 

1985: Neuperlach hat 46.000 Einwohner, 18.900 Wohnungen, 18.000 Arbeitsplätze. 

Mai 1986: Das Heinrich-Heine-Gymnasium am Max-Reinhardt-Weg wird offiziell eingeweiht. 

15.7.1988: Am Adenauerring 29 wird die Polizeiinspektion 24, zuständig für Neuperlach, Perlach und Waldperlach, eröffnet. 

23.11.1989: PEP-Erweiterungsbau wird eröffnet. 

Juli 1990: Am Hanns-Seidel-Platz feiert Wacker Chemie Richtfest. Ende 1990 hat Neuperlach 50.000 Einwohner und 22.000 Arbeitsplätze. 

1997: Eröffnung der Neuperlacher Polizeiinspektion (PI 24) am Adenauerring. 

1.5.1997: Weihe des katholischen Pfarrzentrums St. Maximilian Kolbe in Neuperlach Süd. 

2.5.1999: Einweihung der evangelischen Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Neuperlach-Süd. 

2003: Die Bosch-Siemens-Haushaltsgeräte GmbH bezieht ihre Firmenzentrale in Neuperlach-Süd. 

Februar 2008: Beginn der Abrissarbeiten des alten Verwaltungsgebäudes der ehemaligen „Neuen Heimat“ im Plettzentrum. Hier entsteht bis September 2009 das Einkaufszentrum „Life“. 

2014: Die Bezirkssportanlage an der Rudolf-Zorn-Straße in Neuperlach-Süd wird eröffnet. 

2016: Der SVN Sportpark mit Sporthalle und Kletterzentrum an der Fritz-Erler-Straße eröffnet.

Ebenfalls zum 50. Geburtstag des Stadtteils schauen wir auf das Pep und seine Sanierung. Das Einkaufszentrum will zurück an München Spitze. Außerdem schaut Stadtbaurätin Elisabeth Merk auf das Projekt zurück und erklärt, was die Zukunft bringen soll.  

Carmen Ick-Dietl

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