„Verschleudern von Steuern“

Ramersdorf: Ärger wegen E-Ladesäulen - Händler sehen ihre Existenz bedroht 

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Sind geladen: die Geschäftsleute Carola Bantle, Jean Pascal Waget, Franziska Böck und Dominik Zierer (v. li.) 

München investiert in den Ausbau der E-Mobilität. Bis 2019 soll es 550 E-Ladesäulen in der Stadt geben. Doch wegen der Standorte gibt es immer wieder Ärger. 

Ramersdorf - „Der größte Unsinn aller Zeiten“, schimpft Wolfgang Thalmeir (CSU) vom Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach. Der Rechtsanwalt, selbst E-Auto-Besitzer, kann über die neuen Ladesäulen in Ramersdorf nur den Kopf schütteln. „Das ist Verschleuderung von Steuergeldern!“

Stein des Anstoßes: drei nebeneinander stehende Ladesäulen mit je zwei Standplätzen an der Hofangerstraße 84. Eine kleine Ladenzeile mit Schreibwarengeschäft, Apotheke und Friseur. Vorher gab es hier eine Kurzparkzone für die Kundschaft, nun stehen die Parkplätze leer. Denn jetzt dürfen auf den sechs Stellplätzen nur noch E-Autos abgestellt werden. Tagsüber nur, wenn sie auch laden. Allein nachts zwischen 20 und 8 Uhr dürfen die Elektrofahrzeuge auch parken, ohne an die Ladesäule angeschlossen zu sein. Wer das nicht beachtet, riskiert ein Bußgeld von bis zu 30 Euro.

Potenzielle Kunden fahren weiter 

„So gehen die kleinen Läden kaputt“, ärgert sich Jean Pascal Waget. Bei seinem Schreibwaren- und Lotto-Geschäft ist er auf die Kunden angewiesen, die quasi im Vorbeifahren bei ihm reinschneien. „Wenn die jetzt nicht mehr parken können, dann fahren sie weiter zum nächsten Laden.“

Auch nebenan ist man sauer. „Wir brauchen die Kurzparkzone vor der Haustür unbedingt“, sagt Apothekerin Carola Bantle. Zu ihr kommen vor allem alte und kranke Menschen, die nicht so fit und deshalb aufs Auto angewiesen sind. Zudem seien die Ladesäulen äußerst ungünstig auf dem Bürgersteig platziert worden. „Hier kommt man nun mit einem Radanhänger, mit einem Rollator oder Rollstuhl gar nicht mehr durch.“

Im benachbarten Friseursalon von Dominik Zierer herrscht ebenfalls Unverständnis. Die Kunden müssten sich nun einen Parkplatz in den umliegenden Straßen suchen. „Das kann nicht die Alternative sein.“ Mehr als 200 Unterschriften haben die drei Geschäftsleute bereits gesammelt. Die Forderung: die E-Ladesäulen zu versetzen. „Um die Ecke oder gegenüber, aber nicht direkt vor unsere Geschäfte.“

Ladesäulen wie Verkehrsschilder behandelt

Es ist nicht der einzige Standort, der Ärger macht. Einmal wurde die Ladesäule direkt vor ein geplantes Bauvorhaben gepflanzt, an anderer Stelle können die Patienten diverser Praxen nun nicht mehr parken. In Berg am Laim wehrte man sich gegen Stromtankstellen direkt vor einer der wenigen verbliebenen Stadtsparkassenfilialen im Münchner Osten. In Bogenhausen würde man gerne verhindern, dass rund um den Prinzregentenplatz rare öffentliche Parkplätze wegfallen.

In Ramersdorf wehrte sich jüngst ein Anwohner gegen Säulen direkt an seiner Grundstückseinfahrt. Er hatte erst davon erfahren, als die Baustelle vor seiner Haustür eingerichtet wurde. Das zuständige Verwaltungsgericht München wies den Eilantrag auf Baustopp zurück. Denn die Ladesäulen werden wie Verkehrsschilder oder Ampeln behandelt. Der Bezirksausschuss (BA) Ramersdorf-Perlach hat sich mittlerweile offiziell bei den Stadtwerken darüber beschwert, dass die Ladesäulen-Standorte ohne Absprache aufgebaut werden.

Laut Stadtwerke-Pressesprecher Michael Solic wurden die Stadtteilparlamente jedoch vom Referat für Arbeit und Wirtschaft vor jeder Aufbauwelle in einer Veranstaltung umfassend informiert. Zudem habe man die betroffenen BAs zu Standortbegehungen eingeladen. Diese Angebote seien bislang unterschiedlich stark genutzt worden. „Den SWM wie auch den beteiligten Referaten ist bewusst, dass nicht jeder Ladesäulen-Standort von allen Anwohnern begrüßt wird – unter anderem auch deshalb, weil die Anzahl an Elektrofahrzeugen und Plug-in-Hybriden auf unseren Straßen bislang noch verhältnismäßig klein ist“, räumt Solic ein. Doch Elektromobilität sei ohne Frage ein wichtiger Baustein zum Erreichen der Klimaziele sowie zur nachhaltigen Luftreinhaltung, besonders in der Stadt. Eine gut ausgebaute Ladeinfrastruktur schaffe die Grundlage für mehr elektrischen Straßenverkehr und damit auch für eine höhere Lebensqualität in München.

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Von Carmen Ick-Dietl

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