Am Rathaus: Jeden Tag 750 Radl-Rambos!

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Brennpunkt für Radler und Fußgänger: die Dienerstraße am Rathaus

München - Fußgänger? Aus dem Weg! Schrittgeschwindigkeit? Viel zu langsam! Rote Ampel? Mir doch egal! Die Diskussion um die Radl-Rambos der Stadt gewinnt weiter an Fahrt.

Vergangenen Mittwoch hatte ein Geisterradler ohne Licht Orhan S. (74) in der Hansastraße umgefahren, seitdem kämpfen die Ärzte um sein Leben. Jetzt liefert der Chef des Kreisverwaltungsreferats, Wilfried Blume-Beyerle, neue Fakten.

Angefragt hatte CSU-Stadtrat Richard Quaas schon im Januar: Insbesondere seit die Radler auch gegen die Einbahnstraße fahren dürften, gehe es in der Altstadt drunter und drüber. Frei nach dem Motto: „Wo ich fahre, habe ich Vorfahrt!“ Fußgänger müssten wegspringen, auch Radler seien gefährdet.

Das will der KVR-Chef in seiner aktuellen Antwort so nicht stehen lassen: „Von einer generellen Wild-West-Manier kann keinesfalls die Rede sein“, stellt Blume-Beyerle fest. Aber: Selbst ein geringer Anteil an Falsch-Radlern führe wegen des Andrangs zu einer „relativ hohen absoluten Zahl an Auffälligkeiten“.

Seit vier Jahren beobachte das Planungsreferat den Brennpunkt von Fußgängern und Radlern – die Residenz- und Dienerstraße zwischen Odeonsplatz und Rathaus. Ergebnis: Der Anteil der Raser, Fußgänger-Wegklingler und Gefährder betrage in der Regel zwar unter fünf Prozent, allerdings seien dort täglich bis zu 15 000 Radler unterwegs – macht unterm Strich bis zu 750 Radl-Rambos am Tag. Eine neue Regelung inklusive Radl-Umfahrung hat der Stadtrat jüngst vertagt. Leider seien Appelle nicht immer erfolgreich.

Dem Befund kann sich der Münchner Vize des Radler-Verbands ADFC anschließen: „Es sind relativ wenig, aber absolut einige“, sagt Martin Glas zu den Falschfahrern. Er bedaure, dass sie das Bild des Radlers so schwer trüben. Und nicht nur das: Die braven Strampler sehen sich von den Rasern selbst bedroht. „Wir bekommen auch Beschwerden, in denen Radler auf Radler schimpfen“, sagt Glas. Der Verkehr in der Radlhauptstadt nimmt zu – und das ist in der lärm- und feinstaubgeplagten Stadt auch gut so.

Doch es wird immer gefährlicher: Die Polizei verzeichnete 2011 genau 2978 Unfälle mit Radlern – ein Plus von 21 Prozent zum Vorjahr. Bei mehr als der Hälfte waren sie auch schuld. 2895 Menschen wurden verletzt, die meisten Radler. Drei von ihnen starben auf der Straße.

David Costanzo

… und das sagen die Radlfahrer

Kuriere sind rasant unterwegs

Es sind vor allem die Kurierfahrer, die hier manchmal ziemlich rasant durchfahren – und die Pendler am Morgen. Die Verkehrsführung ist hier aber auch alles andere als ideal. Ich persönlich steige halt vom Fahrrad ab, wenn es eng wird.

Katharina Ohliger (25), Medizinstudentin

Stellenweise ist es wirklich eng

Manche Radler heizen hier schon ziemlich durch. Vor allem ältere Fußgänger haben dann Angst. Es ist hier stellenweise halt wirklich eng, und die Verkehrsführung recht unübersichtlich. Aber mit Rücksichtnahme kommt hier jeder gut durch.

Susanne Piehl (40), Personal Trainer

Lieber Absteigen als Ärger kriegen

Für Radler ist die Verkehrsregelung hier unmöglich: Wie soll man bitte mit dem Fahrrad wie verlangt im Schritttempo fahren? Ich habe doch keine Ahnung, ob ich 5 km/h fahre oder schneller. Da steige ich lieber ab, bevor es Ärger mit der Polizei gibt.

Dr. Michael Pelchem (65), Steueranwalt

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