Razzia wegen illegaler Waffen bei rechter Gruppe

München - Schlag gegen die rechtsextreme Szene: Polizei und Staatsanwaltschaft haben am Donnerstag mehr als 30 Häuser und Wohnungen in München und Oberbayern durchsucht. Der Verdacht: Illegaler Waffenbesitz.

Die Ermittler schlugen am frühen Morgen zu: Rund 300 Polizisten und Staatsanwälte überraschten etliche der 16 konkret Verdächtigen im Schlaf und hielten ihnen Durchsuchungsbeschlüsse unter die Nase. Dem Richter, der sie unterzeichnet hatte, hatte die „Jagdstaffel“ die nötigen Verdachtsmomente selbst geliefert, wie Thomas Steinkraus-Koch, Sprecher der Münchner Staatsanwaltschaft, gestern berichtete.

Auf der Internetseite der Gruppierung waren immer wieder Fotos von Mitgliedern in martialischer Aufmachung mit scharfen Waffen aufgetaucht. Andere Bilder zeigen die Rechtsextremen, wie sie neben dem Grab des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß posieren. Zudem wissen die Ermittler von Gruppenreisen zu Schießständen im Ausland, beispielsweise in Tschechien. „Gegen einige Mitglieder besteht ein Waffenbesitzverbot“, so Steinkraus-Koch. Die offensichtliche Begeisterung für Waffen wecke den Verdacht, dass gegen dieses Verbot auch im Inland verstoßen werde. In einigen der durchsuchten Haushalte in München, Krailling, Wolfratshausen, Geretsried und anderen Gemeinden im Oberland waren legale Waffen gemeldet. „Da haben wir kontrolliert, ob die ordnungsgemäß verwahrt sind“, so Steinkraus-Koch. Ob illegale Waffen gefunden wurden, wollte er am Donnerstag mit Hinweis auf die noch immer laufende Aktion nicht sagen. Erste Ergebnisse der Razzia sollen am Freitag in einer Pressekonferenz verkündet werden.

Der Landtagsabgeordnete Florian Ritter (SPD) geht davon aus, dass die Fahnder fündig geworden sind. „Die Erfahrung zeigt: Wenn man bei Rechtsextremen Waffen sucht, dann findet man auch welche“, sagt der Politiker, der für seine Fraktion das rechtsextreme Spektrum im Auge behält. Die im Kern 20 bis 30 Personen starke „Jagdstaffel“ hält er für besonders gefährlich: „Das sind Nationalsozialisten reinsten Wassers, ziemlich militant und extrem.“

Das bestätigt auch das Innenministerium. Die Mitglieder der Gruppe seien langjährige Aktivisten der rechtsextremen Skinhead-Szene aus Geretsried, Wolfratshausen und München. Laut Innenminister Joachim Herrmann (CSU) handelt es sich um Personen, die „wirklich fanatisch rechtsextremistisches Gedankengut verfolgen“ und „bereit sind, entsprechende Aktionen durchzuführen“.

Gegründet hat sich die Gruppe am Silvesterabend 2009, damals noch unter dem Namen „Jagdstaffel Süd“. Später strichen sie das „Süd“ und ersetzten es mit den drei Buchstaben „D.S.T.“, die für „Deutsch“, „Stolz“ und „Treu“ stehen. Ihr Erkennungsmerkmal ist eine einheitlich gestaltete Lederjacke. Auf der Brustseite ist der Spitzname des Trägers aufgebracht, die Rückseite zeigt eine schussbereite, zum Himmel gerichtete Flugabwehrkanone.

Nach Angaben des Innenministeriums wird die Gruppe angeführt von Dominik Baumann und Stefan Reiche. Beide sind bekannt in der Szene. Baumann ist vorbestraft, weil er dem ebenfalls verurteilten Neonazi Martin Wiese eine Kalaschnikow samt Munition besorgt hatte. Auch Reiche wird dem führenden Kader der regionalen Neonaziszene zugerechnet.

Die Landtagsabgeordnete Susanna Tausendfreund von den Grünen spricht von einer „brandgefährlichen Truppe“, die nur „schwer greifbar“ sei und enge Kontakte zu Wiese pflege. Die Sicherheitsbehörden ermitteln seit Monaten. Als Tausendfreund das Innenministerium im Januar dazu aufforderte, Informationen über die „Jagdstaffel“ zu liefern, schwieg der Verfassungsschutz weitgehend – und begründete das mit laufenden Ermittlungen.

Bekannt ist jedoch, dass Baumann und Reiche in der Schweiz eine Waffenfirma betrieben haben. „DoBa-Tec“ existierte jedoch nur auf dem Papier, war laut Ministerium eine reine Scheinfirma. Wozu sie diente, dazu wollen sich die Sicherheitsbehörden nicht äußern. Insider aber vermuten, dass sich die Neonazis als vermeintlich seriöse Geschäftsleute bei Waffenmessen einschmuggeln wollten – um sich aufzurüsten oder möglicherweise selbst ins Waffengeschäft einzusteigen. Bislang ist das aber nur Spekulation und nicht bewiesen.

In Polizeikreisen will man den Erfolg der Razzia nicht daran festmachen, wie viele illegale Waffen gefunden worden sind. Mindestens ebenso wichtig sei das Signal, das der Rechtsstaat mit derartigen Aktionen gebe.

Von Peter T. Schmidt und Thomas Schmidt

Rubriklistenbild: © dpa

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