1. tz
  2. München
  3. Stadt

Münchner plant Ausflug mit der Bahn - er kommt nie an: Das Protokoll einer Odyssee

Erstellt:

Von: Klaus-Maria Mehr

Kommentare

Letzter Halt: Dinkelscherben. In der Hitze warten die gestrandeten Bahnfahrer auf einen SEV-Bus, der nicht kommt. In einem Regionalexpress (rechts, Archivbild) wollte Fritz Kaindl von München nach Ulm fahren. Er kam nie an.
Letzter Halt: Dinkelscherben. In der Hitze warten die gestrandeten Bahnfahrer auf einen SEV-Bus, der nicht kommt. In einem Regionalexpress (rechts, Archivbild) wollte Fritz Kaindl von München nach Ulm fahren. Er kam nie an. © Fritz Kaindl/Stefan Sauer/dpa

Fritz Kaindl wollte mit einem Regionalexpress der Deutschen Bahn (DB) von München nach Ulm reisen. Nach einer sechsstündigen Odyssee bricht er die Reise in Augsburg ab.

München - Es sollte ein harmloser Ausflug werden. Fritz Kaindl aus München will am Donnerstagnachmittag (14. Juli) an einer Stadtführung in Ulm teilnehmen. Von München nach Ulm will er mit dem Zug fahren, klimafreundlich und dank 9-Euro-Ticket auch bezahlbar. Die Führung in Ulm hat er bereits gebucht. Sie startet um 14.30 Uhr.

Bahn-Odyssee in Bayern: Münchner will mit dem Zug nach Ulm - und kommt nie an

Um genügend Puffer zu haben, man liest ja so einiges aktuell zu Bahn und Pünktlichkeit, entscheidet sich Kaindl für die Verbindung um 9.37 Uhr ab dem Münchner Hauptbahnhof. Keine zwei Stunden später, um 11.35 Uhr, soll der Regionalexpress nach Plan in Ulm ankommen. Doch daraus wird nichts. Irgendwo vor Augsburg gibt es auf der Strecke einen Feuerwehreinsatz. Die Fahrt musste in Gessertshausen im Landkreis Augsburg unterbrochen werden.

Erster Halt: Gessertshausen - der SEV kommt zwei Stunden lang nicht

Für einen Feuerwehreinsatz kann nun die Deutsche Bahn wenig. Was der Münchner dann aber in den folgenden Stunden erlebt, wird er so schnell nicht mehr vergessen. Per Durchsage wird den Reisenden in Gessertshausen mitgeteilt, dass ein Bus als Schienenersatzverkehr (SEV) in Kürze zur Verfügung stehe. Also warten sie. „Wir waren rund 300 Personen, darunter viele alte Leute und auch Kleinkinder.“ Es hat 33 Grad im Schatten. Am Bahnhof gibt es keinen Kiosk, keine Getränke. Sie warten zwei Stunden. In dieser Zeit gibt es keine neuen Informationen von der Deutschen Bahn, persönlich treffen Kaindl und seine rund 300 Leidensgenossen auf ihrer ganzen Odyssee keinen Service-Mitarbeiter der DB. Ein Bus kommt ebenfalls nicht, dafür eine neue Durchsage: Der Zug Richtung Ulm würde weiterfahren, die Strecke sei wieder frei, alles wieder einsteigen.

Letzter Halt: Dinkelscherben - hier gibt Fritz Kaindl entnervt auf - nach sechs Stunden

Und der Zug fährt tatsächlich weiter, allerdings nur bis Dinkelscherben, ebenfalls im Landkreis Augsburg. Dort heißt es wieder: Alles Aussteigen! Weiter geht es mit dem SEV. Der stehe bereits bereit. Tut er nicht. Auch im schönen Dinkelscherben gibt es keine Informationen, keinen Bus, keine Bahnmitarbeiter. Immerhin: Eine Gaststätte in der Nähe hat offen und verkauft Getränke. Dort wartet Kaindl weitere eineinhalb Stunden. Es ist bereits 16 Uhr, die Stadtführung in Ulm längst vorbei. Hier entscheidet sich Kaindl, „frustriert und überhitzt“, aufzugeben und die Rückreise anzutreten.

Chaos-Fahrt mit dem DB-Regionalexpress: Bahnsprecher entschuldigt sich

Konfrontiert mit der Geschichte schreibt uns ein Sprecher der Deutschen Bahn am Freitag: „Wir bedauern sehr, dass Ihre Leser auf ihrer Fahrt solch negative Erfahrungen gemacht haben und somit ihren Ausflug nicht wie geplant genießen konnten. Hierfür möchte ich mich im Namen der DB bei unseren Fahrgästen entschuldigen.“

Und weiter: „Leider musste der Bahnverkehr gestern Vormittag wegen eines Feuerwehreinsatzes entlang der Strecke zwischen Burgau und Gessertshausen gesperrt werden. Die Züge von DB Regio endeten daher zunächst in Burgau und Gessertshausen. Im weiteren Tagesverlauf konnte die Strecke dann bis Dinkelscherben freigegeben werden. Zwischen Dinkelscherben und Burgau musste die Sperrung wegen des weiter laufenden Feuerwehreinsatzes jedoch bestehen bleiben. Aus diesem Grund konnte der Folgezug Ihrer Leser zwar weiter Richtung Ulm fahren, kam allerdings nur bis Dinkelscherben. Erst am Nachmittag konnte die Sperrung vollumfänglich aufgehoben werden.“

Bahn-Odyssee in Bayern: DB-Erklärung legt gefährliche Schwachstelle offen - Bahn hat keinen Plan B

Soweit der Feuerwehreinsatz. Die weitere Erklärung der DB, warum Fritz Kaindl und 300 weitere Fahrgäste Stunden in der Prärie ausharren mussten, legt allerdings eine gefährliche Achillessehne der Bahn offen: Die DB hat im Falle einer längeren Streckensperrung keinen Plan B.

Bei Streckensperrung müssen DB-Disponenten Busunternehmen anfragen

Es ist nicht etwa so, wie man sich das vielleicht als Laie vorstellen würde, dass für den Fall einer längeren Sperre irgendwo in der nächstgrößeren Zentrale in Augsburg oder Ulm Busse samt Fahrern auf den Einsatz warten. Stattdessen rufen sogenannte Disponenten bei lokalen Busunternehmen an, ob diese spontan Fahrer und Fahrzeuge zur Verfügung haben, die sofort losstarten und nach Dinkelscherben fahren können. Meist sind diese Anbieter allerdings schon selbst ausgelastet. Der Bahnsprecher gesteht selbst:

„Nicht jedes Unternehmen hat ad hoc ausreichend Busse mit Fahrpersonal zur Verfügung. Gerade an Wochentagen und außerhalb der Ferien sind vormittags und nachmittags auch viele Buskapazitäten in Schüler- und Linienverkehren gebunden. Sobald Busse organisiert worden sind, müssen diese zudem erst an Ort und Stelle gelangen, um den Ersatzverkehr aufzunehmen. Trotz großer Bemühungen konnte der Ersatzbus leider erst am späten Vormittag seine Fahrt in Burgau beginnen.“

Dass nun kleine, selbstständige Busunternehmen ihre Fahrzeuge und Fahrer selten an einem Werktag ungenutzt rumstehen lassen und auf einen Notruf der DB warten, erscheint wenig überraschend. Aber offenbar beruht der Krisenplan der Bahn auf genau diesem ungewöhnlichen Fall.

Fritz Kaindl schafft es übrigens noch am selben Tag mit einem Zwischenstopp in Augsburg wieder zurück nach Hause. Der Zug von Augsburg nach München hat auch nur eine halbe Stunde Verspätung.

Alle News und Geschichten aus Bayern sind nun auch auf unserer brandneuen Facebook-Seite Merkur Bayern zu finden.

Auch interessant

Kommentare